Neue Zeitungen und politische Propaganda
Die ‚Speyerer Chronik‘ als Spiegel des Nachrichtenwesens im 15. Jahrhundert
Von Birgit Studt
1. Einleitung: Überlieferungsbedingungen historiographischer Texte am Vorabend des Buchdrucks
Die Einsicht, daß die Schrift immer größere Bedeutung für die Kom- munikation in der Gesellschaft des europäischen Hoch- und Spätmittelalters erlangt hat, gehört inzwischen zu den Gemeinplätzen der Geschichts- und Kul- turwissenschaften!. Demgegenüber ist erst in der jüngsten Forschung auf die herausragende Bedeutung der Schrift für grundsätzliche Veränderungen so- wohl in individuellen und sozialen Verhaltens- und Wissensstrukturen als auch im gesamten Organisations- und Kommunikationsgefüge des Mittelalters hin- gewiesen worden. Zur Beschreibung dieses Phänomens hat die Mediävistik vor einem besonders durch Anstöße der modernen Sozial- und Kulturwissen- schaften erweiterten Verständnishorizont neue Fragestellungen entwickelt und neue Untersuchungsfelder erschlossen?. So wird etwa verfolgt, wie das seit dem späten 11. Jahrhundert in immer größere Bereiche ausgreifende Instru- mentarium der Schrift zunehmend die gesamte menschliche Lebenspraxis in Recht, Verwaltung, Unterricht, Politik und Repräsentation organisierte, um dann durch den Buchdruck eine entscheidende Entwicklungsstufe zu er- reichen und weitere Intensivierung zu erfahren’.
! Einen Forschungsüberblick über die ältere Literatur zu verschiedenen Medien und Formen der öffentlichen Kommunikation im Mittelalter gibt Josef Benzinger, Zum Wesen und zu den Formen von Kommunikation und Publizistik im Mittelalter. Eine bibliographische und methodo- logische Studie, in: Publizistik 15 (1970), S. 295-318; vgl. auch das Handbuch der Publizistik, hg. v. Emil Dofivat, Bd. 3 (Berlin 1969).
2 Vgl. etwa nur folgende Sammelbände, deren Beiträge aus den unterschiedlichsten Perspek- tiven den gesamten Wandel der Forschungsansätze und Fragestellungen dokumentieren: Jack Goody / lan Watt / Kathleen Gough, Entstehung und Folgen der Schriftkultur (Frankfurt 1986), und: Schrift und Gedächtnis. Beiträge zu einer Archäologie der literarischen Kommunika- tion, hg. von Aleida und Jan Assmann / Christoph Hardmeier (München 1983).
® Zu diesen in Münster im interdisziplinären Zusammenhang betriebenen Forschungen vgl. Hagen Keller / Franz Josef Worstbrock, Träger, Felder, Formen pragmatischer Schrift- lichkeit. Der neue Sonderforschungsbereich 231 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Mün-
miwanr?
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Eine spezifische Rolle in diesem Evolutionsprozeß der mittelalterlichen Schriftkultur spielte die Geschichtsüberlieferung, die sowohl mündliche und bildliche Traditionen als auch schriftliche Zeugnisse aufbewahrte und vermit- telte‘. Dabei konnte die Geschichtsschreibung aufgrund der Offenheit und Vielfalt ihrer verschiedenen Überlieferungsmuster besonders flexibel auf neue Interessen und Anforderungen reagieren, die von außen an sie herange- tragen wurden‘. Sowohl umfangreiche Geschichtskompendien als auch kleine historiographische Gebrauchsformen wie ungeordnete historische Exzerpte, Notate, zeithistorische Aufzeichnungen dienten als reiche Wissensspeicher, die in den verschiedenartigsten Gebrauchszusammenhängen eingesetzt wer- den konnten‘. Sie lieferten vielfältige, geschichtlich begründete Belegstücke für aktuelle juristische oder politische Auseinandersetzungen, umgekehrt wa- ren sie aber auch von Material gespeist, das derartigen Aktionen entstammte. In historiographischen Texten finden sich daher verschiedenartige Doku- mentationstypen — politische, zeithistorische, diplomatische Schriftstücke —, die in enger Wechselbeziehung stehen. Ihre Analyse vermag Auskunft über die politische und soziale Identität von Personen oder Personengruppen zu ge- ben, die solche Texte zusammenstellten, sie vervielfältigten, in Umlauf brach- ten oder sie benutzten’. Darüber hinaus kann die Untersuchung der Überliefe- rungsmuster, der Gebrauchsformen und Anwendungs- und Funktionstypen historiographischer Texte weitreichende Erkenntnisse über die Nutzung von
ster, in: Frühmittelalterliche Studien 22 (1988), S. 388-409 (mit zahlreichen Literaturhinweisen, die den größeren Referenzrahmen auch der hier vorgetragenen Überlegungen abstecken). Vgl. auch Hagen Keller, Die Entwicklung der europäischen Schriftkultur im Spiegel der mittelalter- lichen Überlieferung. Beobachtungen und Überlegungen, in: Geschichte und Geschichtsbewußt- sein. Festschrift für Karl Ernst Jeismann zum 65. Geburtstag, hg. v. Paul Leidinger / Dieter Metz- ler (Münster 1990), S. 170-204, sowie den Sammelband: Pragmatische Schriftlichkeit im Mittel- alter. Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen, hg. v. Hagen Keller / Klaus Grubmüller / Nikolaus Staubach (München 1992).
4 Vgl. Frantitek Graus, Lebendige Vergangenheit. Überlieferung im Mittelalter und in den Vorstellungen vom Mittelalter (Köln / Wien 1975).
5 Vgl. Franz-Josef Schmale, Funktion und Formen mittelalterlicher Geschichtsschreibung. Eine Einführung (Darmstadt 1985), S. 151, und FrantiSek Graus, Funktionen der spätmittel- alterlichen Geschichtsschreibung, in: Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein im späten Mittelalter, hg. v. Hans Patze (Sigmaringen 1987), S. 11-55. Zu diesen Fragestellungen, die das Teilprojekt „Geschichtskultur und Geschichtsüberlieferung im späten Mittelalter“ im Rahmen des Münsteraner Sonderforschungsbereichs „Pragmatische Schriftlichkeit im Mittelalter“ ver- folgt, vgl. Keller / Worstbrock (wie Anm. 3), $. 403£., sowie zuletzt: Der Münsteraner Son- derforschungsbereich 231 „Träger, Felder, Formen pragmatischer Schriftlichkeit im Mittelalter“. Bericht, in: Frühmittelalterliche Studien 26 (1992), S. 440 - 466, hier S. 4571.
$ Vgl. Gert Melville, Spätmittelalterliche Geschichtskompendien - Eine Aufgabenstellung, in: Römische historische Mitteilungen 22 (1980), S. 51-104, und Birgit Studt, Fürstenhof und Geschichte. Legitimation durch Überlieferung (Köln / Weimar / Wien 1992), bes. S. 214 - 227.
7 Vgl. Jean-Marie Moeglin, L’utilisation de !’histoire comme instrument de lEgitimation: une controverse entre Wittelsbach et Hohenzollern en 1459-1460, in: Historiographie medievale en Europe, hg. v. Jean-Philippe Genet (Paris 1991), S. 217-231, bes. S. 217£.
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Geschichtsüberlieferung in der alltäglichen Lebenswelt vermitteln®. Gerade für das Spätmittelalter, in dem politische und rechtliche Konflikte unter Verwendung historischer Argumente zunehmend in schriftlicher Form ausge- tragen wurden?, läßt sich immer besser verfolgen, wie Geschichte für die ver- schiedensten politischen Ziele und propagandistischen Zwecke instrumentali- siert worden ist!"
Ein hervorragendes Zeugnis für den engen Zusammenhang von diploma- tisch-juridischer Argumentation, politischer Propaganda und historio- graphischer Kodifizierung ist die Chronik des ‚Anonymus Spirensis‘, der spä- testens seit Christoph Jacob Kremers ‚Geschichte des Kurfürsten Friedrichs des Ersten von der Pfalz‘ (1765)!! immer wieder als ein wichtiger Augenzeuge sowohl für die pfälzische als auch für die Reichsgeschichte des 15. Jahrhun- derts zitiert worden ist. Die Wertschätzung der ‚Speyerer Chronik‘ durch die antiquarische wie moderne Geschichtsforschung beruht auf der Tatsache, daß ihr anonymer Verfasser zahlreiche Dokumente aus den Kanzleien des Heidel- berger Hofes und seiner Verbündeten als umfangreiche Belegstücke verwertet hat, die nicht einmal in den Arbeiten der pfälzischen Hofhistoriographen Mat- thias von Kemnat und Michel Beheim benutzt bzw. in dieser Vollständigkeit
8 Vgl. die vorzügliche Fallstudie von Joachim Schn eider, Heinrich Deichsler und die Nürnberger Chronistik des 15. Jahrhunderts (Wiesbaden 1991), bes. S. 348 ff. u. 303 ff., der die Rolle der verschiedenen in die Chronik des Heinrich Deichsler eingeflossenen historischen Do- kumentationstypen für die städtische Öffentlichkeit untersucht hat.
9 Peter Johanek, Weltchronistik und regionale Geschichtsschreibung im Spätmittelalter, in: Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein im späten Mittelalter, hg. v. Hans Patze ($ig- maringen 1987), S. 287-330, hier $. 289 mit Anm. 9, hat auf einen umfangreichen Aktenband aus den Jahren 1479-83 zu einem Erbschaftsprozeß eines Hallenser Bürgers aufmerksam gemacht, in dem die Advokaten viele Materialien aus der Kaisergeschichte zusammengestellt haben, um die Zuständigkeit des kaiserlichen Landgerichts im Herzogtum Würzburg zu erweisen. Bernard Guenee, Histoire et culture historique dans l’Occident medievale (Paris 1980), S. 141, führt die Verwendung der ‚Grandes chroniques‘ in einem Prozeß von 1410 an. Jean-Marie Moegli n, Lutilisation d’histoire (wie Anm. 7), illustriert den engen Zusammenhang zwischen politischer, hi- storischer und juristischer Argumentation am Beispiel eine Kontroverse zwischen Herzog Ludwig dem Reichen von Bayern-Landshut und Markgraf Albrecht Achilles von Brandenburg um die Kompetenzen des Nürnberger Landgerichts.
'% Zur Rolle der politischen Propaganda in der spätmittelalterlichen Geschichtsschreibung vol. Herwig Wolfram, Meinungsbildung und Propaganda im österreichischen Mittelalter, in: Öffentliche Meinung in der Geschichte Österreichs, hg. v. Erich Zöllner (Wien 1979), S. 13-26; Bernard Guense, Histoire et culture historique (wie Anm. 9), S. 345 u. 350; Ders., Les ten- dences actuelles de !’histoire politique du moyen äge frangais, in: Ders., Politique et histoire au moyen äge. Recueil d’articles sur l’histoire politique et P’historiographie medievale (Paris 1981), $. 177-202; zur dynastischen Propaganda vgl. Jean-Marie Moeglin, Les ancätres du prince. Pro- pagande politique et naissance d’une histoire nationale en Baviere aumoyen äge (Genf 1985), und Peter Johanek, König Arthur und die Plantagenets. Über den Zusammenhang von Histo- riographie und höfischer Epik in mittelalterlicher Propaganda, in: Frühmittelalterliche Studien 21 (1987), S. 346 - 389.
ll Christoph Jacob Kremer, Geschichte des Kurfürsten Friedrichs des Ersten von der Pfalz, mit Urkunden, 2 Bände (Frankfurt / Leipzig 1765, Mannheim 21766).
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ausgeschrieben worden sind'?. Darüber hinaus wirkte dieser Text als starkes Rezeptionsfeld für die politische und dynastische Propaganda zahlreicher süddeutscher Fürstenhöfe und Städte, des kaiserlichen Hofes und der päpstli- chen Kurie, deren Texterzeugnisse handschriftlich, in wenigen Fällen bereits auch durch den Druck publiziert und in Umlauf gebracht worden waren. Da- her bietet sich eine Quellenanalyse dieser Chronik in besonderer Weise für die Untersuchung der Frage an, in welcher Form Kanzleischrifttum auf dem Felde der Geschichtsschreibung und -dokumentation Niederschlag gefunden hat und zu welchen Zwecken derartige Texte dann in neuen Verwendungs-
zusammenhängen und veränderten Geb ituati iter ü i rauchssituationen weiter er überliefert
‚Diese Fragestellung bietet einen in zweifacher Hinsicht lohnenswerten Zu- griff auf den Text: Zum einen vermittelt die Arbeit des Speyerer Sammlers aufgrund des spezifischen Charakters und der Reichhaltigkeit ihrer Quellen neue Einblicke in die Themen und Texttypen, die in der Publizistik und im Nachrichtenwesen am Vorabend des Buchdrucks handschriftlich verbreitet waren. Sie spiegelt die ursprünglich große Masse von pragmatischem Schrift- tum, das die literarische Situation des 15. Jahrhunderts in entscheidendem Maße geprägt hat'?. Zu ihm zählen politische Tagesschriften, dokumentarische und verwaltungstechnische Materialien von oftmals geringem Umfang, die nur durch Zufall oder aber in kopialer Überlieferung erhalten sind. Hinzu kommt daß viele dieser kleinen Schriften in erster Linie für den unmittelbaren Ge- brauch und daher auch Verbrauch produziert worden sind, so daß von einer hohen Verlustrate auszugehen ist!*. Erst durch die Berücksichtigung der ko- pialen Überlieferung in den Amtsbüchern der städtischen und fürstlichen wi oder aber in Sammelhandschriften und Dossiers zeitgenössischer ee und privater Sammler kann ein vollständigeres Überlie- z gspanorama von Schriften dieses Typs erschlossen werden. Hierfür soll lie ‚Speyerer Chronik‘ als ein hervorragendes Überlieferungs- bzw. Rezep- tionsfeld in den Mittelpunkt der Untersuchung gestellt werden. .
Gleichzeitig bietet die Quellenanalyse der ‚Speyerer Chronik‘. die i i ten Viertel des 15. ahrhunderts entstanden ist, die Möglichkeit. a nen Querschnitt durch die handschriftliche Überlieferung pragmatischer Lite- ratur zu ziehen, ehe die neue, inzwischen technisch ausgereifte und unterneh- merisch besser genutzte Technik des Buchdrucks in zunehmendem Maße die
” Vgl. Studt, Fürstenhof (wie Anm 6),S j ’ rstei j . 6), S. 352-371. Vgl. jetzt auch den Artikel von Kl : & f, Speyrer Chronik, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, he. v. Kurt uh u.a., Bd. 9, Lief. 1 (Berlin / New York 1993), Sp. 87-90. Zi
® Zum Begriff der pragmatisch i i Pe ginatischen Literatur vgl. den Bericht von Keller / Worstbrock
er : BER: : A RS H irsch, Printing, Selling and Reading 1450-1550 (Wiesbaden 21974), S. 11 achim Koppitz, Fragen der Verbreitung von Handschriften und Frühdrucken im
15. Jahrhunder t, in: Buch und Text im 15 Jah hi ; . u ( ) T: undert, hg. v Lotte Hellinga / Helmar Härtel
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Aufgabe der Publikation und Verbreitung von derartigen Texten übernahm und in neue Dimensionen ihres Gebrauchs und ihrer Wirkung führte"®. Während in der Forschung zur Druckhistoriographie diesem aktuell-politi- schen, dokumentarischen und publizistischen Schrifttum zumindest am Rande Aufmerksamkeit gezollt worden ist!‘, sind ihre handschriftlichen Vorläufer in der jüngeren Forschung zur Flugschriftenliteratur gänzlich ausgeklammert worden!”. Lediglich die älteren Untersuchungen über die sog. „Neuen Zeitun- gen“ haben diese als Zweig der Flugschriftenliteratur mit in den Blick genom- men, aber ihre Überlieferungsvielfalt und -fülle, wie sie sich allein in der ‚Speyerer Chronik‘ offenbart, nicht annähernd erfassen, geschweige denn ihre Funktion im System der politischen Kommunikation herausarbeiten
können'®, Doch gerade solche Formen des pragmatischen Schrifttums, das der schrift- lichen Organisation politischer oder verwaltungstechnischer Handlungszu-
15 Vgl. Peter Johanek, Historiographie und Buchdruck im ausgehenden 15. Jahrhundert, in: Historiographie am Oberrhein im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, hg. v. Kurt An- dermann (Sigmaringen 1988), S. 89-120, bes. S. 112-114, nach dessen Beispielen aus der Kreuz- zugs-, Türken- und Ungarnthematik die Jahre kurz vor und nach 1480 einen ersten Überliefe- rungshöhepunkt markieren. Dieter Mertens, Früher Buchdruck und Historiographie. Zur Rezeption historiographischer Literatur im Bürgertum des deutschen Spätmittelalters beim Über- gang vom Schreiben zum Drucken, in: Studien zum städtischen Bildungswesen des späten Mit- telalters und der frühen Neuzeit, hg. v. Bernd Moeller / Hans Patze / Karl Stackmann (Göttingen 1983),8.83-111, hier S. 98£., setzt erst die Regierungszeit Maximilians I. als den Beginn derartiger Drucküberlieferung an.
16 Vgl. Manfred Sauer, Die deutschen Inkunabeln, ihre historischen Merkmale und ihr Pu- blikum (Düsseldorf 1956), S. 30; Mertens, Früher Buchdruck (wie Anm. 15), S. 98£.; Anna- Dorothee v. den Brincken, Die Rezeption mittelalterlicher Historiographie durch den Inkunabeldruck, in: Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein im späten Mittelalter (Sig- maringen 1987), S. 215-236, die unter ihrer Kategorie IN einige „aktuelle historische Schriften, die der Rechtfertigung oder Verherrlichung dienen“ (S. 218) mitbehandelt, und Johanek, Hi- storiographie und Buchdruck (wie Anm. 15), $. 102 u. 112£.
? Vgl. Hans-Joachim Köhler, Die Flugschriften. Versuch der Präzisierung eines geläufigen Begriffes, in: Festschrift für Ernst Walther Zeeden zum 60. Geburtstag (Münster 1976), S. 36-61, der S. 50 in seiner Definition den Druck als konstitutives Kriterium annimmt; vgl. auch Johannes Schwitalla, Deutsche Fiugschriften 1460-1525. Textsortengeschichtliche Studien (Tübingen 1983), S. 14-25, sowie die literatursoziologisch ausgerichtete Arbeit zum Überlieferungstyp der Einblattdrucke von Gisela Ecker, Einblattdrucke von den Anfängen bis 1555. Untersuchungen zu einer Publikationsform literarischer Texte, Text- und Tafelband (Göppingen 1981). Auch Peter Ukena, Tagesschrifttum und Öffentlichkeit im 16. und 17. Jahrhundert in Deutschland, in: Presse und Geschichte. Beiträge zur historischen Kommunikationsforschung (München 1977), S. 35-53, bes. S. 37, geht vom Buchdruck als Bedingung für die Herstellung von Öffentlichkeit aus.
i8 Vgl. Georg Steinhausen, Die Entstehung der Zeitung aus dem brieflichen Verkehr, in: Archiv für Post und Telegraphie 23 (1895), S. 347-357, bes. S. 348-351; Paul Roth, Die Neuen Zeitungen in Deutschland im 15. und 16. Jahrhundert (Leipzig 1914, ND 1963), bes. S. 12-23; Karl Schottenloher, Flugblatt und Zeitung. Ein Wegweiser durch das gedruckte Tagesschrifttum (Berlin 1922), S. 152ff., und Johannes Kleinpaul, Das Nachrichtenwesen der deutschen Für- sten im 16. und 17. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Geschichte der geschriebenen Zeitungen (Leip-
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sammenhänge und -ziele diente und besonders schnell auf Bedürfnisse der all- täglichen Lebenspraxis reagierte, sind besonders wichtige Indikatoren für die vielfältigen Überlagerungsvorgänge, die sich beim Übergang von der hand- schriftlichen zur Drucküberlieferung vollzogen. An ihnen läßt sich das Neben- einander von alten und neuen Medien erkennen, das Zusammenrücken re- gionaler und gruppeninterner literarischer Systeme verfolgen und die Ver- dichtung des öffentlichen Kommunikationsnetzes beschreiben. Durch seinen Bezug auf aktuelle Themen, Konflikte und Krisen, welche die Interessen un- terschiedlicher Rezeptionsgruppen zusammenband, erfüllte dieses aktuell- politische Schrifttum eine Vorreiterrolle für die öffentliche Diskussion und Meinungsbildung über die engen Grenzen sozialer und regionaler Beziehun- gen hinweg.
Die Mechanismen der Verbreitung und Rezeption derartiger Texte waren allerdings noch verschieden von den Bedingungen des Buchdrucks, der einen allgemeinen, nach den Regeln von Angebot und Nachfrage funktionierenden Buchmarkt schuf!°. Dennoch läßt sich aus ihrem Überlieferungspanorama be- reits die Tendenz zur prinzipiell unbeschränkten Kommunikation eines ano- nymen Publikums ablesen. Sie beruhte zwar noch primär auf dem handschrift- lichen Publikationssystem, das durch personen- oder gruppengebundene Überlieferungsbedingungen innerhalb politischer, sozialer oder kultureller Einheiten — Kloster, Orden, Hof, Stadt, Schule, Universität — geprägt war, so daß man von „geschlossenen Öffentlichkeiten“ sprechen muß?. Diese ge-
zig 1930). Nicht berücksichtigt sind sie bei Emil Weller, Die ersten deutschen Zeitungen mit ei- ner Bibliographie, 1505-1559, (Stuttgart 1872, ND Hildesheim 1962), sowie in der neueren Arbeit von Helmut W. Lang, Die Neue Zeitung des 15. bis 17. Jahrhunderts. Entwicklungsgeschichte und Typologie, in: Presse und Geschichte. Neue Beiträge zur historischen Kommuni- kationsforschung, Bd. 2 (München 1987), S. 57-60, der S. 57 die „Neue Zeitung“ ausschließlich als Gattung der Druckmedien definiert.
1% Vgl. dazu Michael Giesecke, Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fall- studie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien, Frankfurt/ Main 1991, der aus system- und kommunikationstheoretischer Sicht die in letzter Zeit wohl inter- essanteste Gesamtdarstellung dieses Paradigmenwechsels erstellt hat. Freilich muß - gerade im Zusammenhang mit der in dieser Studie untersuchten Übergangszone von handschriftlicher und gedruckter Kommunikation - vor Gieseckes Überbewertung des Buchdrucks in seiner Bedeutung für die moderne Buchkultur gewarnt werden, die v.a. auf der mangelnden Berücksichtigung der handschriftlichen Überlieferungssysteme beruht. Vgl. dazu die kritischen Überlegungen von Uwe Neddermeyer, Wann begann das Buchzeitalter?, in: ZHF 20 (1993), S. 205-216, und von Jan-
Dirk Müller, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 18 (1993), S. 168-178, bes. S. 173.
2 Vgl. Jürgen Miethke, Marsilius und Ockham. Publikum und Leser ihrer politischen Schriften im späteren Mittelalter, in: Medioevo 6 (1980), S. 543 - 567, hier S. 567, und Ders., Die Konzilien als Forum der öffentlichen Meinung im 15. Jahrhundert, in: DA 37 (1981), S. 736-773, hier $. 763. Für das 14. Jahrhundert geht Miethke noch von einer langsamen Zirkulation von Schriften in einer kleinen „wissenschaftlichen Öffentlichkeit“ aus; vgl. seine Einführung: Das Publikum politischer Theorie im 14. Jahrhundert, in den von ihm herausgegebenen gleichnamigen Sammelband (München 1992), S. 1-23, hier S. 9£. mit Anm. 34. Zur Konstitution mittelalterlicher
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schlossenen Verbreitungskreise von Literatur, die im Mittelalter wohl in unterschiedlicher Weise miteineinander verknüpft waren, sich aber nur ın Randzonen überlagerten, verschmolzen erstmals in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, aber auch nur für die Dauer der großen Reformkonzilien miteinander?!. Seit der zweiten Jahrhunderthälfte rückten sie dann zuneh- mend näher zusammen, da angesichts mannigfacher Herausforderungen von Kaiser und Reich größere Versammlungen wie Hof-, Fürsten-, Städte- und Reichstage immer häufiger zusammentraten und dadurch neuartige Diskus- sionsforen entstanden und Publikationssysteme entwickelt wurden??. Die zu ihrer Vorbereitung, während und im Nachhall der Versammlungen produzier- ten und in Umlauf gebrachten Schriften trugen erheblich zur Intensivierung der schriftlichen Kommunikation bei.
Nicht zuletzt die sekundäre Überlieferung jener ursprünglich situa- tionsgebundenen, für einen fest umrissenen Leserkreis produzierten Texte durch zahlreiche zeitgenössische Beobachter und interessierte Sammler, die sie in neue Gebrauchszusammenhänge übertrugen, sorgte für ihre erstaunlich große Vervielfältigung und weite Verbreitung. In der Historiographiefor- schung hat dieses in zeitgenössischen Geschichtswerken verwertete Doku- mentationsmaterial kaum Beachtung gefunden, nicht zuletzt wohl aus dem Grund, daß es von der Herausgebern häufig aus ihrem handschriftlichen Zu- sammenhang gelöst, nur am Rande erwähnt oder als vernachlässigenswert
Öffentlichkeiten, deren institutionelle und soziale Bedingungen erst in jüngerer Zeit in ser Auseinandersetzung mit der von Jürgen Habermas vorgelegten Theorie des un er Öffentlichkeit neu diskutiert worden sind, vgl. Ernst Schubert, „bauerngeschrey : Zum S blem der öffentlichen Meinung im spätmittelalterlichen Franken, in: Jahrbuch für ee \ £ Landesforschung 34 / 35 (1975), S. 883 - 907, Bernd Thum, Öftentlich-Machen, Oflente ES Recht. Zu den Grundlagen und Verfahren der politischen Publizistik im Spätmittelalter, her a - schrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 37 (1980), S. 12-69, bes. $. 42-48, sowie zu ae die mittelalterliche Situation allgemein Rüdiger Brandt, Enklaven - Exklaven. Zur literarischen Darstellung von Öffentlichkeit und Nichtöffentlichkeit im Mittelalter (München 1993).
1 Vgl. bereits Paul Lehmann, Konstanz und Basel als Büchermärkte während der En Kirchenversammlungen, in: Ders., Erforschung des Mittelalters, Bd. 1 (Leipzig P£ S. 253-280; ferner Miethke, Die Konzilien (wie Anm. 20), S. 767, und Johannes Helm rath, Kommunikation auf den spätmittelalterlichen Konzilien, in: Die Bedeutung der rer für Wirtschaft und Gesellschaft, hg. v. Hans Pohl (Wiesbaden 1989), S. 116-172, bes. S. 158-167.
2 Vgl. dazu Peter Moraw, Versuch über die Entstehung des Reichstags, in: er ven nungen und soziale Kräfte im Alten Reich, hg. v. Hermann Weber (Wiesbaden 1980), S.1- 6: ier S.31u.33, und Ders., Reichstag (ältere Zeit), in: HRG, Bd. 4 (Berlin 1990), Sp. 781-786. oraw schätzt die Richtigkeit des Begriffes ‚Reichstag‘ für die spätmittelalterlichen A lungen zumindest für die Zeit vor den 70er und 80er Jahren des 15. Jahrhunderts sehr s ein. Obwohl der Name nicht vor 1495 in den Quellen nachweisbar ist, soll erim Folgenden als _ zeichnung für nicht periodisch wiederkehrende personelle und örtliche Verdichtung ne Handelns der Glieder des Reiches benutzt werden, ohne damit jedoch wieder Vorstellungen des
19. Jahrhunderts wachrufen zu wollen.
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ganz übergangen worden ist. Daher ist seine große Bedeutung für das Nach- richtenwesen des 15. Jahrhunderts vor dem Beginn des Buchdrucks bis in die jüngste Zeit überhaupt noch nicht erkannt worden.
Die folgende Studie versucht, am Beispiel der in die ‚Speyerer Chronik‘ inserierten Dokumente derartige Vermittlungs- und Rezeptionswege von Nachrichten und Neuen Zeitungen im Spiegel ihrer handschriftlichen Über- lieferung zu beschreiben. Um dabei von einer gesicherten Quellengrundlage ausgehen zu Können, ist es im Vorfeld unverzichtbar, etwas mehr Licht in das Dunkel um den ‚Anonymus Spirensis‘ und seine Arbeit zu bringen. Zunächst gilt es, den Entstehungszeitraum der Chronik durch text- und überlieferungs- geschichtliche Kriterien näher einzugrenzen, um einen sicheren Ausgangs- punkt für die Quellenanalyse zu gewinnen. Zu diesem Zweck sollen weiterhin der Texttyp und die Kompilationsform der ‚Speyerer Chronik‘ bestimmt sowie der Autorentyp, sein Standort und seine Interessen beschrieben werden. Die kodikologische Analyse des Autorenexemplars dient dazu, die Entstehung und den besonderen Charakter der Chronik zu erklären, die maßgeblich von den in ihr zusammengetragenen Quellen bestimmt wird. Schließlich muß die übrige handschriftliche Überlieferung des Textes, der in verschiedenen Fassungen erhalten ist, mit in den Blick genommen werden. In diesem Zusam- menhang ist Hinweisen auf die Existenz paralleler Sammlungen in Speyer nachzugehen, um sowohl das zeitgenössische Interesse an den einzelnen in ihnen versammelten Quellen als auch die Funktion und Gebrauchssituation einer derartigen Sammlung insgesamt erklären zu können (II). Anhand der Analyse und inhaltlichen Gliederung ihres Quellenmaterials sollen dann in einem nächsten Schritt die verschiedenen Anlässe untersucht werden, die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu einem erhöhten Ausstoß von Schriftproduktion geführt und ihren schriftlichen Niederschlag in der ‚Speyerer Chronik‘ gefunden haben (IH). Ausgehend von den am Beispiel der ‚Speyerer Chronik‘ gewonnenen Ergebnissen wird schließlich eine Typologie der in historiographischen Zusammenhängen rezipierten Texte entwickelt. Sie soll dazu dienen, die Themen, Ziele und Wirkungen politischer Propaganda in der schriftlichen Überlieferung zu beschreiben. Dadurch lassen sich gleich- zeitig weitere Erkenntnisse über die Vermittiungsformen zeithistorischer und aktueller politischer Informationen sowie über die Zirkulation und Reich- weite dieser Texte gewinnen, und zwar unmittelbar vor dem Zeitraum, in dem der Buchdruck einen allgemeinen literarischen Markt mit ganz neuen Regeln der Publikation und Verbreitung von Texten hervorbrachte (IV).
2? Auf diese Forschungslücke hat unlängst Joachim Schneider, Heinrich Deichsler (wie Anm. 8), bes. S. 249 u. 333 hingewiesen, der in der Nürnberger Chronik des Heinrich Deichsier 73 derartiger Inserte analysiert und auf ihre Herkunft untersucht hat, vgl. die Zusammenstellung in der Tabelle ebd., S. 250 - 254 sowie S. 303 - 306.
Neue Zeitungen und politische Propaganda 153 II. Die ‚Speyerer Chronik‘ -Texttyp, Überlieferung und Funktion
Die ‚Speyerer Chronik‘ ist eine Sammlung aus Abschriften von Urkunden, amtlichem Schrifttum, politischer Korrespondenz, dokumentarischen Mate- rialien und „Neuen Zeitungen“ über auswärtige Ereignisse, die offensichtlich in Speyer zusammengestellt und durch erläuternde gegenwartschronistische Informationen ergänzt wurde. Für ihren Herausgeber Franz Joseph Mone ist sie ein „früher Versuch einer diplomatischen Reichsgeschichte und insofern ein merkwürdiger Vorläufer der Speirischen Chronik von Lehmann“”*. Nach dem Handexemplar des Sammlers, einer Handschrift aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (heute Generallandesarchiv Karlsruhe 65/624), ist sie von Mone 1848 auszugsweise ediert worden”.
Die Darstellungsweise der Chronik wird in erster Linie durch den Typ der verarbeiteten Quellen geprägt: Der Sammler und Kompilator der Chronik hat weniger literarisch ausgearbeitete oder chronikalisch geformte Schriften be- nutzt als vielmehr, unterstützt durch zahlreiche Helfer, Kanzleischriften und dokumentarische Materialien zusammengetragen und kopieren lassen. Diese waren entweder als propagandistische Texte in Umlauf gebracht worden oder stammten bereits aus archivalischen Zusammenhängen”. Die Rolle des Au- tors beschränkte sich mithin auf die Auswahl und das kommentierende Ar- rangement seines Materials, das er kontinuierlich gesammelt und durch seine chronologische Anordnung in einen gegenwartschronistischen Darstellungs-
rahmen gebracht hat”.
Berichtshorizont
Der Berichtshorizont der Chronik wird durch das Interesse des Sammlers bei seiner Quellenauswahl bestimmt. Im Vordergrund stehen das Reich und
23 Vgl. Franz Joseph Mone (Hg.), Speierische Chronik, in: Quellensammlung der badischen Landesgeschichte, hg. v. Franz Joseph Mone, Bd. 1 (Karlsruhe 1848), S. 367-520 (künftig zitiert als M one), hier $. 370. Zu Lehmann vgl. unten Anm. 85.
Zur Handschrift vgl. die Einleitung zu Mones Edition, $. 367-371, und Michael Klein, Die Handschriften 65 / 1-1200 im Generallandesarchiv Karlsruhe (Wiesbaden 1986), S. 220f.
% Mone hat in seiner Edition allerdings etliche bei Kremer, Geschichte II (wie Anm. 11) und an anderen Stellen gedruckte Teile dokumentarischen Inhalts ausgelassen sowie die Reihen- folge einiger Kapitel verändert, so daß es unerläßlich ist, für die Beschreibung des Inhalts und die Quellenanalyse der Chronik die Handschrift heranzuziehen.
2? Zur Gattung der Gegenwartschronistik vgl. Fritz Ernst, Zeitgeschehen und Geschichts- schreibung, in: Die Welt als Geschichte 17 (1957), S. 137-189; Josefine Schmidt, Studien zu’We- sen und Technik der Gegenwartschronistik in der süddeutschen Historiographie des ausgehenden 13. und des 14. Jahrhunderts (Diss. phil. Heidelberg 1963); Ursula Moraw, Die Gegen- wartschronistik in Deutschland im 15. und 16. Jahrhundert (Diss. phil. Heidelberg 1966); Franz- Josef Schmale, Mentalität und Berichtshorizont, Absicht und Situation hochmittelalterlicher Geschichtsschreiber, in: HZ 226 (1978), S. 1-16, hier S. 5, und zuletzt Rolf Spran d el, Chronisten als Zeitzeugen. Forschungen zur spätmittelalterlichen Geschichtsschreibung in Deutschland
(Köln / Weimar / Wien 1994).
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seine auswärtigen Beziehungen: Das Papsttum, Ungarn, Böhmen, Venedig, Burgund, Frankreich, der Deutsche Orden und Byzanz finden ebenso Berück- sichtigung wie das unmittelbare Geschehen in der Stadt Speyer und den ihr benachbarten Territorien. Das wichtigste Movens für die Aufzeichnung der verschiedenen Berichte war ganz offensichtlich die Türkengefahr: Seit der Eroberung von Konstantinopel am 29. Mai 1453 drängten die Osmanen sowohl auf dem südosteuopäischen Festland als auch im Mittelmeerraum wei- ter nach Westen vor und forderten das gemeinsame Handeln der Mächte des christlichen Abendlandes heraus#. Die in der Chronik zusammengestellten Briefe mit aktuellen Nachrichten über neue Eroberungszüge der Türken und Abwehrmaßnahmen gegen diese Expansion zeigen deutlich die im Reich durch diese Bedrohungen ausgelösten Reaktionen.
Einen zusätzlichen, selbständigen Schwerpunkt der Sammlung bildet die Darstellung der Regierungszeit des Kurfürsten Friedrichs L., des Siegreichen von der Pfalz (1449-1476), mit der das Schicksal der Stadt Speyer auf viel- fältige Weise verknüpft war”. Nach einem historisch-genealogischen Über- blick über das Herkommen der Wittelsbacher (c. 21-30) beginnt die kontinu- ierliche Berichterstattung über innere Verhältnisse und Politik der Kurpfalz; es folgen zusammenhängende Kapitel über den Tod des pfälzischen Kur- fürsten Ludwig IV. im Jahre 1449 (c. 31), die Übernahme der vormundschaft- lichen Regierung für den erst einjährigen Sohn und Nachfolger Philipp durch dessen Onkel Friedrich 1. (c. 32), über einen Fürstentag zu Speyer 1451°°, auf dem über die von Friedrichs Gegnern bestrittene Rechtmäßigkeit seiner
28 Vgl. Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Friedrich II, 5. Abt., 1. Hälfte, hg. v. Helmut Weigel !Henny Grüneisen (= RTA 19, 1, Göttingen 1969), Einleitung $. 1-3.
% Vgl. Willi Alter, Von der Konradinischen Rachtung bis zum letzten Reichstag in Speyer (1420/22 bis 1570), in: Geschichte der Stadt Speyer, hg. von der Stadt Speyer durch Wolfgang Eger (Stuttgart 1982), S. 369-570, bes. S. 377 #f.; zur Geschichte Friedrichs des Siegreichen vgl. u.a. die Darstellungen von Kremer, Geschichte I (wie Anm. 11); Nikolaus Feeser, Friedrich der Siegreiche, Kurfürst von der Pfalz, 1449-1476 (Programm Neuburg a.d.D. 1878/80); Ludwig Häusser, Geschichte der Rheinischen Pfalz nach ihren politischen, kirchlichen und literarischen Verhältnissen, Bd. 1 (Heidelberg ?1856, ND Speyer 1978), S. 329 ff.; Karl Menzel, Kurfürst Friedrich der Siegreiche von der Pfalz. Nach seinen Beziehungen zum Reiche und zur Reichs- reform in den Jahren 1454 bis 1464 dargestellt (Diss. phil. München 1861); Henry J. Cohn, The Government of the Rhine Palatinate in the Fifteenth Century (Oxford 1965); Bernhard Ro/f, Kurpfalz, Südwestdeutschland und das Reich 1449-1476. Die Politik des Pfalzgrafen und Kur- fürsten Friedrich des Siegreichen, Diss. phil. Heidelberg 1978, (Heidelberg 1981); Friedrich Krieger, Friedrich L, der Siegreiche, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 4 (München / Zürich 1989), Sp. 955, und Meinrad Schaab, Geschichte der Kurpfalz, Band 1 (Stuttgart u.a. 1988), S.170£f£.
% Ludwig IV. hatte seinen Bruder Friedrich testamentarisch zum Vormund seines minder- jährigen Sohnes bestimmt. Friedrich arbeitete jedoch auf eine für ihn und das Land günstigere Lösung hin, die vorsah, daß er seinen Neffen adoptierte und auf Lebenszeit unter Verzicht auf ei- gene legitime Nachkommen Herrscher der Pfalz blieb. Obwohl Ludwigs Witwe Margarethe, die pfälzischen Räte und die Landstände dieser Regelung ausdrücklich zugestimmt hatten, stellten sich die in Speyer tagenden Nachbarn der Pfalz, der Erzbischof von Mainz, Herzog Stephan von
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Regierung sowie über die Beilegung der Lützelsteiner Fehde verhandelt wurde (c. 33 f.), in der Friedrich 1452 seinen ersten militärischen Erfolg ver- buchen konnte (c. 35)?.
Entstehungs- und Berichtszeitraum
Die Jahre um 1449 bis 1451 markieren den Zeitraum, in dem der Kompila- tor seine kontinuierliche Sammeltätigkeit aufgenommen haben muß. Zum Jahre 1450 bringt er die erste Speyerer Nachricht, den Brand des Speyerer Do- mes (c. 37). Davor findet sich in der Handschrift der Chronik der Bericht über die Speyerer Versammlung von 1451 und die Eroberung der Burg Lützelstein 1452; erst nach diesen beiden Kapiteln (c. 34 £.) folgt die Schilderung eines spektakulären Kirchenschatzraubes im Venedig des Jahres 1449. Dieser Text ist dem Sammler wohl erst später bekannt geworden, da er auf einen beson- deren Karton geschrieben und nachträglich in den Kodex eingefügt worden ist (c. 36). Der alte Kern, aus dem die Sammlung erwachsen ist, wird durch das Konzept des Sammlers überliefert, das in denselben Kodex mit eingebunden ist. Hier sind Nachrichten über den Fall von Konstantinopel und Dokumente zur Organisation der beiden Reichstage des Jahres 1454, die sich mit der Türkenfrage beschäftigen sollten, sowie über die Veldenzer Fehde des Kur- fürsten Friedrich des Siegreichen von 1455 zusammengestellt, die der Sammler später chronologisch geordnet in seine Reinschrift übertragen hat??.
Der Berichtszeitraum der Chronik reicht allerdings weiter als bis in die Jahrhundertmitte zurück. Der Text beginnt unvermittelt mit Nachrichten aus der letzten Phase des Hundertjährigen Kriegs (1407-1435), in der Burgund die Krise der französischen Monarchie für seine Staatsbildung nutzte (c. 1-11). Im Mittelpunkt dieses Abschnitts steht der Bericht über die Schlacht bei Azin- court 1415, in dem die Namen der gefangenen und gefallenen französischen Fürsten in Listenform mitgeteilt werden (c. 4-6), und über den Friedensschluß
Bayern und der Markgraf von Baden, gegen diese Lösung. Friedrich bemühte sich jedoch um das Einverständnis des Papstes und des Kaisers; vgl. Cohn, Government (wie Anm. 29), S. 27-30; Roif, Kurpfalz (wie Anm. 29),$.32-40, und Schaab, Geschichte der Kurpfalz (wie Anm. 29), 8.1751.
31 Friedrich der Siegreiche versuchte, in der Fehde zwischen Leiningen und den Grafen von Lichtenberg zu vermitteln. Die Lichtenberger wurden durch die Grafen von Lützelstein unter- stützt, die zur Pfalz in einem gespannten Verhältnis standen und bei dieser Gelegenheit die ihnen aufgezwungene Lehnsabhängigkeit wieder abzuschütteln suchten. 1452 gelang es Friedrich in ei- ner militärischen Überraschungsaktion, ungehindert mit den Lützelsteinern abzurechnen und den von ihnen festgehaltenen Grafen Schaffried von Leiningen zu befreien; vgl. Schaab, Geschichte der Kurpfalz (wie Anm. 29), S. 177.
2 Vgl. Mone, S.385, Anm. ”® Vgl. unten S. 167.
# Vgl. dazu Richard Vaughan, John the Fearless: The Growth of the Burgundian State (London 1966).
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von Arras zwischen dem burgundischen Herzog Philipp dem Guten und König Karl VII. von Frankreich im Jahre 1435 (c. 8-11)”.
Während die pfälzischen und Speyerer Nachrichten offenbar aus eigenen Beobachtungen oder aus der Materialsammlung des Kompilators hervor- gegangen sind, ist diese Passage ebenso wie der folgende Bericht über die Frankfurter Königswahl von 1440 sowie den Krönungszug und die Aachener Krönung Friedrichs von 1442 (c. 12-19) aus bereits chronikalisch bearbeiteten Vorlagen.geschöpft. Die Vorgänge um die Krönung Friedrichs III. zum römi- schen König haben in der zeitgenössischen Überlieferung aufgrund ihres eindrucksvollen Zeremoniells nachhaltige Spuren hinterlassen, in Form von Reiseberichten, tagebuchartigen Aufzeichnungen und Beschreibungen durch Augenzeugen und chronikalischen Darstellungen‘. Als Nachrichtenlieferant für die Passage in der ‚Speyerer Chronik‘ diente die Fortsetzung der Chronik des Eberhard Windeck”. Arthur Wyss ist es gelungen, darüber hinaus die handschriftliche Vorlage nachzuweisen, die dem Speyerer Sammler vorgele-
35 Vgl. Joycelyne G. Dickinson, The Congress of Arras 1435. A study in medieval diplo- macy (Oxford 1955) und Richard Vaughan, Philip the Good: The Apogee of Burgundy (Lon- don 1970), S. 98 ff.
36 Vgl. Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Friedrich IIL., 2. Abt., 1. Hälfte, hg. v. Hermann Herre (= RTA 16, Stuttgart / Gotha 1928), S. 145-169 und die Edition ebd., S. 186-206. Joseph Seemüller, Friedrichs III. Aachener Krönungsreise, in: MIÖG 17 (1896), S. 584-665, hat den Bericht eines steirischen Adeligen aus dem Gefolge Friedrichs III. über die Krönungsfahrt und die Aachener Ereignisse aus dem Ms. Add. 16592 des British Museum in London mitgeteilt (danach kritische Edition in RTA 16, Nr. 108, S. 192-195). Diese aus persönlichen Tagebuchnotizen ent- standene Aufzeichnung konzentriert sich v.a. auf das äußere Geschehen, das Itinerar mit seinen geographischen und landschaftlichen Details, die Festlichkeiten, Turniere, Aufzüge, das Zeremo- niell, die ständische Einordnung der Anwesenden, während die politischen Hintergründe nur am Rand Erwähnung finden; vgl. dazu auch Helgard Ulmschneider, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, hg. v. Kurt Ruh u.a., Bd. 7 (Berlin / New York 1989), Sp. 1216 f., und RTA 16, S. 165-167.
Während der größte Teil der zeitgenössischen Chronistik nur wenige Einzelheiten über die Krönungsreise und die Aachener Ereignisse überliefert (Georg Schamdocher, der in Friedrichs Gefolge die Krönungsreise mitgemacht hatte, erwähnt beispielsweise nur den peinlichen Zwi- schenfall, der daraus entstand, daß der Herzog von Berg das königliche Trinkgeschirr mitnehmen wollte; vgl. Andreas Felix v. Oefele, Rerum Boicarım scriptores, Bd. 1 (Augsburg 1763), S. 316, und Birgit Studt, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, hg. v. Kurt Ruh n.a., Bd. 8 (Berlin / New York 1992), Sp. 600f.), findet sich in der Fortsetzung der Chronik des Eberhard Windeck ein ausführlicher Bericht über die Reise von Frankfurt nach Aachen und die Vorgänge während seines dortigen Aufenthalts; vgl. Seemüller, Krönungsreise, S. 616, Anm. 1 {mit Hinweis auf die parallele Darstellung in der ‚Speyerer Chronik‘).
3? Eberhart Windeckes Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Zeitalters Kaiser Siegmunds, hg. v. Wilhelm Altmann (Berlin 1893), S. 466 - 472. Altmanns Überlegungen zur Überlieferung, die auf der Annahme eines verlorenen ursprünglichen Siegmund-Buches beruhen, das von Wind- ecke mit Memorabilia aufgefüllt worden sei; vgl. Edition S. VIH u. XL und Ders., Studien zu Eberhart Windecke. Mitteilung bisher unbekannter Abschnitte aus Windeckes Welt-Chronik (Berlin 1891), sind nicht mehr haltbar. Arthur Wyss, Eberhard Windeck und sein Sigmundbuch, in: Centralblatt f. Bibliothekswesen 11 (1894), S. 433-483, hier $. 474, hat aufgrund der Unter- suchungen von Alexander Reifferscheid, Des Kaiser Sigismund Buch von Eberhard Windeck
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gen haben muß. Es handelt sich um den Wiener Cod. 13975, eine illustrierte Handschrift, die im Jahre 1443, also kurz nach den Aachener Ereignissen, in der Werkstatt des Diebold Lauber in Hagenau entstanden ist?®.
Die letzte Notiz, die der Sammler selbst in die Handschrift eingetragen hat, ist die Beschreibung des Zuges, den der ungarische König Matthias Corvinus von Ofen aus gegen die Türken geführt hat (c. 294). Von einem anderen Schreiber stammt das Lied des Matthias Zoller über die Niederlage Karls des Kühnen gegen die Eidgenossen bei Murten 1476 und die Nachricht von des- sen Tod bei Nancy am 5. Januar 1477 mit den Namen der zusammen mit ihm gefallenen oder gefangenen Fürsten (c. 294)". Der äußere chronologische Rahmen der Chronik wird somit durch die Geschichte der burgundischen Herzöge bestimmt. Er reicht von der Ermordung des Herzogs von Orleans
und seine Überlieferung, in: Nachrichten d. kgl. Ges. d. Wiss. zu Göttingen (1887), S.522-545, bes. S. 536, zwei Fassungen der Chronik erschlossen. In den Handschriften der zweiten Fassung, die il- lustriert sind und durch Überschriften gegliedert werden, sind bestimmte Kapitel, v.a. Mainzi- schen Inhalts gestrichen. Stattdessen ist hier der Bericht über die Aachener Krönungsfahrt Fried- richs von 1442/43 aufgenommen. Zu dieser Fassung, die offensichtlich 1443 nach dem Tod Win- decks entstanden ist, gehören u.a. die beiden Wiener Handschriften V! (cod. 13975) und V? (cod. 2913). Zur engen Verwandtschaft der Handschriften dieser „Ausgabe“ vgl. Christian von Heusinger, War Diebold Lauber Verleger?, in: De captu lectoris. Wirkungen des Buches im 15. und 16. Jahrhundert dargestellt an ausgewählten Handschriften und Drucken, hg. von Wolfgang Milde / Werner Schuder (Berlin /New York 1988), S. 145-154, hier S. 146.
® Vgl. Wyss, Eberhard Windeck (wie Anm. 37), $. 449-451. Zu dieser Handschrift vgl. Her- mann Menhardt, Verzeichnis der altdeutschen literarischen Handschriften der österreichischen Nationalbibliothek (Bd. 3), Berlin 1961, S. 1354; Franz Unterkircher, Katalog der datierten Handschriften in lateinischer Schrift in Österreich, Bd. 2 (Wien / Köln / Graz 1971),S.154; Ders., Inventar der illuminierten Handschriften, Inkunabeln und Frühdrucke der Österreichischen Nationalbibliothek, Teil 1 (Wien 1957), S. 159, und von Heusinger, Diebold Lauber (wie Anm. 37), S. 146. Auf den Wiener Cod. 13975 (V!) deuten neben anderen textkritischen Beobachtungen die Übernahme des Fehlers von V! im Rubrum von c. 12, in dem König Friedrich als Sohn Herzog Al- brechts (statt Herzog Ernsts) von Österreich bezeichnet wird, sowie des Kolophons von V' inc.19 der ‚Speyerer Chronik‘: Explicit totum / Infunde da michj potum etc., welches in den übrigen Handschriften der Windeck-Chronik anders lautet. Eine weitere wichtige Beobachtung ist das Rubrum zu c. 17 der ‚Speyerer Chronik‘, das sich über die beiden Spalten von Seite 32 der Hand- schrift zieht und auf ein Bild verweist, das sich möglicherweise in der Vorlage des Sammlers befun- den hat: Hie sitzet der romische konig Friderich von Osterrich mit sinen / kurfursten zu tisch zu Ach uff dem rathuß vnd dienet yme/ zu tische der hertzog von Berg der hertzog von Gelre der / bischoff von Luttich vnd der jungherre von Cleffe etc. Der entsprechende Text zu diesem Rubrum fehlt; stattdessen ist von der Hand des Sammlers auf dem leeren Raum der Seite die Formel für den Eid nachgetragen, den der Kaiser dem Papst schwor; vgl. Mone, S. 376, Anm. 4, der ein für diese Handschrift vorgesehenes Bild vermutet hat. Der Text des Krönungseides findet sich nochmals weiter unten in der Handschrift auf S. 63.
# GLA Karlsruhe 65/624, $.733b - 737b; gedruckt beivon Liliencron, Volkslieder Il (wie Anm. 224), Nr. 144.
® Vgl. dazu Richard Vaughan, Charles the Bold: The Last Duke of Burgundy (London 1975), S. 428-432, und Werner Paravicini, Karl der Kühne. Das Ende des Hauses Burgund (Göttingen / Zürich / Frankfurt 1976), S. 92f.
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durch Johann Ohnefurcht 1407 und deren blutige Vergeltung im Jahre 1419 (c. 1) bis zum Untergang Karls des Kühnen. Es wäre allerdings voreilig und irreführend, aus diesen Eckdaten eine weiterreichende inhaltliche Konzeption abzuleiten.
Die Tätigkeit des Speyerer Sammlers erstreckte sich auf den relativ langen Zeitraum von mindestens 25 Jahren, von den ersten selbständigen Nachrich- ten, die er um die Jahrhundertmitte über Speyerer und kurpfälzische Ereig- nisse gesammelt hat, bis spätestens 1477, jenem Epochenjahr, das den Zerfall der burgundischen Herrschaft markiert. Möglicherweise um die Jahrhundert- mitte ist er in Kenntnis der zusammenhängenden chronikalischen Berichte ge- langt, die er zu Beginn des Textes ausgeschrieben hat; die Schilderung des Krönungszugs Friedrichs II. hat ihm frühestens 1443 in der Lauber-Hand- schrift zur Verfügung gestanden. Aus dem Jahre 1442 datiert bereits ein für die Stadt Speyer ausgefertigtes Exemplar des Zirkularschreibens an die Reichs- stände, mit dem Elisabeth, die Witwe des römischen Königs Albrecht II, ver- suchte, den Vormundschaftsstreit um ihren Sohn Ladislaus unter Ausnutzung der drohenden Türkengefahr zur Reichsangelegenheit zu erheben“. Daraus ist zu schließen, daß sich der Speyerer Sammler vermutlich seit etwa 1442 um reichspolitisch relevante Nachrichten bemüht hat.
Die intensive gegenwartschronistische Berichterstattung über Ereignisse in seiner näheren Umgebung, über das Reich und seine auswärtigen Konflikte setzt jedoch erst mit den 50er Jahren des 15. Jahrhunderts ein, zweifellos aus- gelöst und gefördert durch die seit dem Fall von Konstantinopel im Reich ver- stärkt wahrgenommene Türkengefahr und die ehrgeizige Politik und kriegeri- schen Unternehmungen des Kurfürsten Friedrich I. von der Pfalz, in welche die Stadt Speyer immer wieder verwickelt wurde. Es ist gewiß kein Zufall, daß gerade Nachrichten zu diesen beiden Ereigniskomplexen der Jahre 1454/55 im Konzept des Kompilators zusammengestellt sind, die dann einen Schwerpunkt in seiner Chronik einnehmen.
Deutungsperspektive
Der persönliche Standort des Kompilators tritt hinter die von ihm zusam- mengetragenen Dokumente zurück. In seiner Chronik finden sich keine par- teiischen Stellungnahmen für oder gegen den Kaiser, den Speyerer Bischof, den Pfalzgrafen oder den burgundischen Herzog. Daher läßt sich die politi- sche Perspektive des Sammlers nur durch den Inhalt und die von ihm getrof- fene Auswahl seiner Quellen erschließen.
Aus der reichsstädtischen Orientierung Speyers erklärt sich das Interesse des Sammlers an Ereignissen und Fragen von reichspolitischer Bedeutung: die Aachener Krönung, der Romzug und die Kaiserkrönung Friedrichs III., der Kampf gegen die Türken, der auf den Reichstagen diskutiert und organisiert
4 In Mones Edition als c. 20 abgedruckt; in der Handschrift GLA Karlsruhe 65/624 steht der Brief allerdings bereits auf $S. 16-22, also vor dem Bericht über die Aachener Krönungsreise.
Neue Zeitungen und politische Propaganda 159
werden sollte, die burgundische Expansion im Westen des Reiches. Zu ihrer Dokumentation konnte der Sammler auf zahlreiche Briefe zurückgreifen, die in Reichsangelegenheiten zwischen dem König und den Reichsständen ge- wechselt wurden. Die zahlreichen Belegstücke aus dieser politischen Korrespondenz zeigen, wie stark die Stadt Speyer in das reichsstädtische Kommunikationsnetz eingebunden war. Nachrichten aus Speyer wie der Dom- brand von 1450, ein Treffen von ungarischen und burgundischen Gesandten in der Stadt 1455 (c. 78 £.), die Verlegung des im Mainzer Bistumsstreit verwüste- ten Germanus-Stiftes 1464 (c. 255), Dokumente zum Streit der Stadt mit ihrem Bischof und Klerus über Rechte und Freiheiten 1466 (c. 261-264) un- terstreichen die städtische Perspektive des Sammlers.
Schwieriger zu beurteilen sind hingegen die vom Kompilator zusammenge- tragenen Berichte und Dokumente über die Beziehungen der Stadt Speyer zu ihrem wichtigsten territorialpolitischen Nachbarn, dem einflußreichen und mächtigen Kurfürsten von der Pfalz, da die städtische Politik auf vielerlei Weise mit der der Kurpfalz verbunden war.
Anknüpfend an alte Gewohnheiten hatte die Stadt im J ahre 1451 nach an- fänglichem Zögern den Schirmvertrag mit der Pfalz durch Friedrich den Sieg- reichen erneuert, da ihr zugesichert wurde, daß sie bei pfälzischen Fehden von militärischen Verpflichtungen freigestellt würde®. Damit geriet Speyer, das angesichts seiner übermächtigen Nachbarn Rückhalt bei der Kurpfalz suchte, in eine schwierige Situation zwischen seinem königlichen Schutzherrn und dem Pfalzgrafen. Besonders der Mainzer Bistumsstreit von 1461/62 brachte gefährliche Verwicklungen für die Stadt, da sie von kaiserlicher wie von pfälzi- scher Seite umworben wurde, am Krieg teilzunehmen (c. 211£.)*. Im Konflikt zwischen kaiserlichem Gebot und Schirmvertrag mit der Pfalz war Speyer dar- über hinaus in Gefahr, mit seinem Bischof in Konfrontation zu geraten, der zu dem von Kaiser und Papst unterstützten Mainzer Erzbischof Adolf von Nas- sau hielt (c. 244). Es ist verständlich, daß sich die Stadt Speyer, für die der Streit zwischen den beiden Territorialherren eine stete Bedrohung der eigenen Freiheit bedeutete, sich insgeheim gegen ihren Bischof auf die Seite des Pfäl- zers schlug, der ja bislang ihr gegenüber eine durchaus freundliche Haltung ge- zeigt hatte. Damit begab sie sich allerdings in ein kompliziertes politisches Dreiecksverhältnis, denn von jeher bestanden enge personelle Verbindungen des Heidelberger Hofes mit dem Domkapitel und den Bischöfen von Speyer*. Obwohl die vom Kompilator zusammengestellten Dokumente den Verlauf der
“2 Vgl. Alter, Von der Konradinischen Rachtung (wie Anm. 29), S.392.
#3 Zum Mainzer Bistumsstreit vgl. Karl Menzel, Diether von Isenburg, Erzbischof von Mainz (Erlangen 1868); Adalbert Erler, Mittelalterliche Rechtsgutachten zur Mainzer Stifts- fehde 1459-63 (Wiesbaden 1964), S. 1-14, und Dieter Brosius, Zum Mainzer Bistumsstreit 1459-1463, in: Archiv für hess. Geschichte u. Altertumskunde NF 33 (1975), S. 111-136.
# Vgl. Alter, Von der Konradinischen Rachtung (wie Anm. 29), S. 426, und Gerhard Fouquet, Das Speyerer Domkapitel im späten Mittelalter (ca. 1350-1540). Adlige Freund- schaft, fürstliche Patronage und päpstliche Klientel (Mainz 1987), bes. S. 2331f.
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Mainzer Stiftsfehde aus städtischer Perspektive schildern, hat er dennoch nicht darauf verzichtet, eine Satire des Speyerer Bischofs auf Friedrich den Siegreichen und seine Helfer in die Chronik aufzunehmen (c. 225).
Die Stellung des Speyerer Bischofs gegen Friedrich den Siegreichen war nur eine vorübergehende Episode. Unter Matthias Ramung (1464-78), der bereits seit 1457 Friedrichs Kanzler und Vertrauter war (c. 254), wurden die Bezie- hungen zwischen Bischof und Kurpfalz rasch wieder enger, bald allerdings mit deutlicher Spitze gegen die Stadt Speyer: Matthias Ramung sah in ihr eine bischöfliche Stadt und war nicht gewillt, deren Status als Freie Stadt anzuer- kennen*. Im Zusammengehen mit dem Pfalzgrafen suchte er an die städte- feindliche Politik eines seiner Vorgänger, Bischof Rabans von Helmstadt, wie- der anzuknüpfen, so daß die Speyerer Bürger von der berechtigten Sorge er- füllt waren, das Schicksal der ehemals Freien Stadt Mainz teilen zu müssen. Diese war 1462 durch den neuen Erzbischof Adolf von Nassau mit Unterstüt- zung Herzog Ludwigs von Veldenz erobert und faktisch dem Mainzer Erzstift untertänig gemacht worden”. Der Sammler hat seiner Chronik einen Brief von einem guten fruntt zu Mentz“ an den Rat der Stadt Speyer eingefügt, in welchem die Schilderung der Eroberung von Mainz der Stadt als Warnung die- nen sollte, einen solchen Schaden mit flißigem ernste” zu verhüten (c. 230). In einer weiteren, diesmal gegen den Bischof gerichteten Satire, die der Speyerer Sammler überliefert hat, nennen die Speyerer den schlechten Einfluß des Bi- schofs auf den Kurfürsten als Grund für die Entfremdung zwischen ihrer Stadt und Friedrich dem Siegreichen (c. 263). Im Anschluß an den Bericht über aus- wärtige Ereignisse der Jahre 1467-68 (c. 265-271) und nachdem die Versuche des Bischofs, die Reichsstadt wieder stärker unter seine Gewalt zu bringen, ge- scheitert waren (c. 264)°°, hat der Speyerer Sammler fortgefahren, die pfäl- zische Politik zu dokumentieren.
Weiteren Konfliktstoff, der Niederschlag in der ‚Speyerer Chronik‘ gefun- den hat, lieferte der Weißenburger Kriegs!. Friedrich der Siegreiche hatte als Landvogt im Elsaß 1469 dem Kloster Weißenburg gegen den Widerstand des Abtes die Bursfelder Reform aufgezwungen, einen neuen Abt und Konvent eingesetzt und mit der Belagerung der Stadt Weißenburg begonnen, die gegenüber diesen landesherrlichen Eingriffen erbitterten Widerstand leistete.
“ Vgl. Maximilian Buchner, Die Stellung des Speierer Bischofs Mathias Ramung zur Reichsstadt Speier, zu Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz und zu Kaiser Friedrich II, in: ZGO 63, NF 24 (1909), S. 29-82 und S. 258-301, hier S. 32£.
% Vgl. Buchner, Die Stellung (wie Anm. 45), $. 44.
#” Vgl. Alter, Von der Konradinischen Rachtung (wie Anm. 29), S. 423.
# Mone, S.478.
# Mone, 8.477.
” Vgl. Buchner, Die Stellung (wie Anm. 45), S. 68f., und Alter, Von der Konradinischen Rachtung (wie Anm. 29), S. 432.
5! Vgi. dazu Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Friedrich III., 8. Abt., 1. Hälfte, hg. v.
Ingeborg Most-Kolbe (= RTA 22, 1, Göttingen 1973), S. 125-245, und Schaab, Geschichte der Kurpfalz (wie Anm. 29), $. 182f.
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Mit der Einsetzung Herzog Ludwigs von Veldenz zum Reichshauptmann und neuen Landvogt durch Kaiser Friedrich III. weitete sich die Angelegenheit zum Reichskrieg gegen die Kurpfalz (1470-71) aus”. Der Stadt Speyer gelang es, während des ganzen Krieges ihre Neutralität zu wahren?. Der Sammler hat an den Beginn seines Berichts über die Weißenburger Fehde eine im Interesse der ehemaligen rheinischen Bischofsstädte Mainz, Worms und Speyer ge- schriebene Prophezeiung gesetzt*, die viel Blutvergießen im Lande Löwen (d.h. des Pfalzgrafen) voraussagte (c. 273)°°. Daran fügt er jedoch, =
wiederum jedes parteiischen Kommentars enthaltend, Dokumente über den Veldenzer Krieg an, eine Übersicht über die Eroberungen Friedrichs des reichen, (c. 278), den Friedensvertrag mıt Ludwig von Veldenz (e. 279) un
eine Liste der Gefangenen des Kurfürsten (c. 280). Weitere Nachrichten zur pfälzischen Geschichte betreffen die inneren und dynastischen Verhältnisse der Kurpfalz, die Hochzeit des Kurprinzen Philipp in Amberg 1474 (e. 283) so- wie den Tod und die Feier der Exequien Friedrichs des Siegreichen im Winter
1476/778 (c. 284).
Text- und Autorentyp
Der Inhaltsüberblick hat deutlich gemacht, daß die ‚Speyerer nn kei- neswegs ein Beispiel offiziöser städtischer Geschichtsschreibung darstel t, die etwa im Auftrag des Speyerer Rates oder in der städtischen Kanzlei de den ist. Sie ist vielmehr als Resultat des privaten Engagements eines Kompila- tors anzusehen, der offensichtlich eine möglichst umfassende Sammlung aller für ihn greifbaren Materialien betrieb, um ein Dossier zu den ihm .. erscheinenden zeitgeschichtlichen Vorgängen und politischen Streit ae zusammenzustellen. Möglicherweise bekleidete der Sammler eine bedeutende Funktion in der städtischen Politik oder Verwaltung, die ihm Zugang zur Kanzlei gewährte. Zumindest muß er jedoch regelmäßige an zu Mitgliedern des Stadtrates gepflegt haben, um in Kenntnis der zahlreichen in die Chronik inserierten verwaltungstechnischen Dokumente und Briefe zu gelangen, die an den Rat gerichtet bzw. von ihm ausgegangen waren. r dieses Typs prägen die Zusammensetzung seines Materials ebenso wie di aktuellen Nachrichten über spektakuläre Ereignisse aus fernen Ländern, Berichte über die osmanische Expansion, über Vorkommnisse auf den Konzi- lien, an der römischen Kurie, in Venedig, Ungarn und Böhmen, um die er sich intensiv für seine Chronik bemüht hat.
32 Zur Weißenburger Fehde vgl. Richard Lossen, Staat und Kirche in der Kurpfalz an a gang des Mittelalters (Münster 1907), S. 174-176; RTA 22, 1 (wie Anm. 5l), S. 125-141 (Ein leitung), und Schaab, Geschichte der Kurpfalz (wie Anm. 29),S.182f.
3 Vgl. Alter, Von der Konradinischen Rachtung (wie Anm. 29), S. 433. :
5 Ihre Identität verbirgt sich hinter dem aus ihren Initialen verschlüsselten Namen „MUSa“, unter dem sie als eine gemeinsam handelnde politische Kraft erscheinen.
55 Musa wird sich frauwen, darumb das sie uss geloßt worden ist von den clawen des lewen und: der lewe verjagt muß werden am letzsten gefingen; Mone, 8.500.
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Damit ist die ‚Speyerer Chronik‘ einem Typ städtischer Historiographie zuzuordnen, den man als dokumentarische Aufzeichnung charakterisieren kann. Im Unterschied zu literarisch anspruchsvolleren, abgeschlossenen Geschichtswerken einerseits, die für einen breiteren Leserkreis bestimmt wa- ren und sich wie die Straßburger Chronik des Jakob Twinger von Königshofen oft an die weltchronistische Tradition anschlossen, und persönlichen und fa- milienbezogenen Schriften andererseits, sind solche dokumentarischen Auf- zeichnungen, die zuerst in den Stadtbüchern faßbar werden, als Ausgangs- punkt der städtischen Geschichtsschreibung anzusehen. Im Auftrag des Rates oder doch vom ihm gesteuert, hatten seit dem 14. Jahrhundert Stadtschreiber und andere im städtischen Auftrag arbeitende Experten der schriftlichen Ver- waltung anläßlich außergewöhnlicher Ereignisse wie Herrscherempfängen, städtischen Fehden oder innerstädtischen Konflikten zur Feder gegriffen‘.
Seit dem 15. Jahrhundert wird dann jedoch ein neuer Autorentyp, der des zeithistorisch interessierten Amateurs, faßbar’’”. Gut unterrichtete Sammler historischer Materialien haben zwar meist noch im Umfeld der städtischen Verwaltung und Kanzlei, nun aber - wie der Speyerer Kompilator - in erster Linie aus privater Initiative und persönlichem Interesse aufgrund ihrer weit- reichenden persönlichen, auf politischer Tätigkeit, Reisen, Handel oder Ordenszugehörigkeit beruhenden Kontakte umfangreichere Geschichtswerke über ihre eigene Stadt und deren auswärtige Beziehungen verfassen können®®.
Der Speyerer Chronist hat jedoch allen Versuchen, seine Person unter den Speyerer Stadtschreibern, Ratssekretären, Ratsmitgliedern oder städtischen Gesandten zu ermitteln, die Aussicht auf Erfolg verstellt. Sich jeder persön- lichen Aussage etwa in Form von Erzählerkommentaren oder eines Prologs enthaltend, hat er stattdessen seine Absicht kundgetan, ganz hinter dem von ihm zusammengetragenen Material zurücktreten und nicht mit seiner persön- lichen Autorität für seinen Bericht verbürgen zu wollen: liber dietus nemo quia
> Vgl. Johannes Bernhard Menke, Geschichtsschreibung und Politik in den deutschen Städ- ten des Spätmittelalters, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 33 (1958), S. 1-84 u. 34/35 (1959/60), S. 85-194; Reinhard Barth, Argumentation und Selbstverständnis der Bürgeropposi- tion in städtischen Auseinandersetzungen des Spätmittelalters (Köln / Wien 1974), S. 9-11; ER. H.du Boulay, The German Town Chroniclers, in: The Writing of History in the Middle Ages. Essays presented to R. W. Southern (Oxford 1981), S. 445 - 569, bes. S. 449-458; Joachim Eh lers, Historiographie, Geschichtsbild und Ratsverfassung im spätmittelalterlichen Braunschweig, in: Rat und Verfassung im mittelalterlichen Braunschweig, hg. v. Manfred Garzmann (Braunschweig 1986), S. 99-134; Klaus Wriedt, Geschichtsschreibung in den wendischen Hansestädten, in: Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein im späten Mittelalter, hg. v. Hans Patze (Sig- maringen 1987), S. 401-426, und Peter Johanek: Hofhistoriograph und Stadtchronist, in: Auto- rentypen, hg. v. Walter Haug / Burghart Wachinger (Tübingen 1991), S. 50-68, bes. $. 53.
5” Über den Autorentyp des Amateurs und Antiquars, der Geschichte zum gelehrten Zeitver- treib schreibt, vgl. Guen&e, Histoire et culture historique (wie Anm. 9), $. 691.
°® Zum jüngeren Typus des privaten Sammlers vgl. du Boulay, German town chroniclers (wie Anm. 56), S. 459-461.
Neue Zeitungen und politische Propaganda 163
per neminem iustificabitur‘”. Dies ist die einzige explizite Außerung, die Er im gesamten Text über die Funktion der Chronik findet; sie bestätigt, Erg x Sammlung keinerlei offiziösen Interessen unterworfen war und die Hand- schrift ausschließlich den Bedürfnissen ihres Herstellers diente.
mindest den Autorentypus, den dieser private Sammler verkörpert, ae zu können, ist es Kedoch sinnvoll, das Amt des Speyerer nr schreibers jener Zeit kurz in den Blick zu nehmen“. Eine interessante nn in diesem Tätigkeitsfeld spielte der gelehrte Jurist Bernhard Fröwis aus ee vorarlbergischen Feltkirch, der nach einem Studium an der ns delberg um 1465 Stadtschreiber von Speyer wurde®!. In den Jahren - ; finden sich im Ratsbuch der Stadt Speyer zahlreiche Nennungen es M. Bernhardus Frolbiß als stadt unnd rathschreibern, dieti olim en notarü, scriba, subscriba, substituti, secretarü zu Speyer‘. Als im Jahre : zwei Klagen gegen die Stadt am kaiserlichen Hofgericht verhandelt m se sollten, die sich auf die Teilnahme Speyers am kriegerischen Geschehen des Jahres 1460 bezogen, wurde der rechtsgelehrte Stadtschreiber als en ns Gesandtschaft nach Neustadt bei Wien gesandt, um Speyer in diesem sr zu vertreten®. Auch im Streit zwischen dem Stuhlbrüderprobst Eberhard = und dem vom Kaiser in die Bruderschaft aufgenommenen Peter Schreyer, x sich zu einem Kampf zwischen Bischof Matthias Ramung von Speyer r Friedrich I. von der Pfalz gegen die Freie Stadt Speyer ausweitete, agierte = Stadtschreiber in Wiener Neustadt‘. In den Jahren 1467/68 muß En Er Heidelberg gekommen sein; über den Weg, der ihn an den kurpfälzisc en 2 geführt hat, ist bisher noch nichts bekannt. Möglicherweise hat hierbei ie Speyerer Bischof und kurpfälzische Kanzler Matthias Ramung eine vermit- telnde Rolle gespielt. In den Jahren 1468 bis 1494 erscheint er als nn des pfälzischen Kurfürsten und als Beisitzer des Heidelberger Hofgerichts.
5 GLA Karlsruhe 65/612, S. 84, unten auf der Seite umrandet.
#% Albert Pfeiffer, Das Archiv der Stadt Speier (Speier 1912), S. 12-14, ER ne = Ratskonsulenten sowie der Stadt- und Ratsschreiber, unter denen der Ratskonsu ar nn. von Dornberg von Memmingen (genannt zum Jahre 1460) sowie die See n Demae Blicker gen. Schmalkalder (1450-1496), Marcus Momorson (1459, 1460, 1462), nn a hard Fröwis und Eberhard Seelbach (1466, 1476-1485) nach ihrer Amtszeit = ns er tätigkeit in Frage kämen (die Daten von Pfeiffer sind vervollständigt nach den Erwähnung Alter, Von der Konradinischen Rachtung (wie Anm. 29), S. 401, 423, 427 u. 430). r ;
s1 Sein Studium schloß er 1456 mit dem Bakkalaureat utriusque juris ab; vgl. Gustav Toepke, Die Fe der Universität Heidelberg von 1386-1662, Bd. 1 (Heidelberg a S. Anm. 3, und Bd. 2 (Heidelberg 1886), S. 389 u. S. 516. Des weiteren vgl. Pfeiffer, Archı Anm. 60), S. 13, und Buchner, Die Stellung {wie Anm. 45), $. 65. .
2 Stadtarchiv Speyer 1A 72, fol. 4 (und öfter). Für diesen Nachweis danke ich Andrea Stühn.
% Vgl. Alter, Von der Konradinischen Rachtung (wie Anm. 29), S. 430.
#4 Vgl. Buchner, Die Stellung (wie Anm. 45). S. 65; zum Stuhlbrüderstreit vgl. auch ae Friedrich Krieger, Die Reise des Speyerer Domvikars Bernhard Ruß an den Kaiserhof nac Wien (1482). Zur Praxis kaiserlicher Herrschaftsausübung im Spätmittelalter, in: Archiv für mit- telrheinische Kirchengeschichte 38 (1986), S. 257-286.
164 Birgit Studt
1470 agierte er neben Matthias Ram i i 70 ung, dem eigentlichen Wortfü Sense Gesandtschaft, als Redner des Kihriärden auf en Nr eichstag, wo die Weißenburger Sache verhandelt wurde®. .
Aufgrund seiner intimen Kenntnisse der städti ıferi i er städtischen und der kurpfälzi nn nn sich a Fröwis als Urheber einer Aedrisen a miung geradezu anbieten. Seine Doppelfunktion i und pfälzischen Diensten könnte das Int er eresse des Sammlers für die Politi wohl der Stadt als auch der Ku ä i an a rpfalz erklären. Die Tatsache, d ich i ‚Speyerer Chronik‘ Materialien find i i ee : en, die gleichzeitig in der pfälzi historiographie verarbeitet worden si 1 ee | en sind, läßt auf persönlich ' des Chronisten zu Kreisen des Heid a S ist !berger Hofes schließ keine expliziten Hinweise für die Id dar ee ten entität des Sammlers mit der P Are Fröwis vorliegen, müssen diese Überlegungen Spekulation a a 12 a Bernhard Fröwis mit seiner Tätigkeit für den Speyerer a a Talzgrafen das ‚typische Beispiel des Spezialisten der schrift- ung und des juristisch versierten Politikers, Ratgebers und Di-
plomaten, mit dem sich ee auch der Autorentyp des Speyerer Kompilators
Die handschriftliche Überlieferung
er des Kompilators, das Zustandekommen seiner Samm- ee en der einzelnen Dokumente, die in die Chronik einge- in nn onstruieren, ist man auf die kodikologische und alas: Eeph a = Überlieferung angewiesen. Auf diesem Weg sind a cd I er das Kommunikationsnetz zu gewinnen, in das der ee war und auf dem seine historiographische Tätigkeit ae naus trägt die Berücksichtigung des handschriftlichen u Kenntnisse über die konkreten Verfahren des a ältigen Formen der Organisation und Aufbewahrung von eh an Sichere Rückschlüsse können demgegenüber ee ie Funktionen derartiger gegenwartschronistischer
gen hieraus nur schwer gezogen werden, da die kodikologischen
Daten nicht ausreich ie Ü l en, um die Überlief - i dieser Chronik umfassend zu ee Tr NE
Zei ann: . en on der Handschrift im Generallandesarchiv Seen a 2 der essich zweifellos um das Arbeitsexemplar des nn ns en Base mehren sich Hinweise auf : Tuelerung von Texten, die dem T n iegenden ‚Speyerer Chronik‘ entsprechen und die noch in Rn an
5 Vel.Coh i g n, Government (wie Anm. 29), $.64 u. 210, und RTA 22,1 (wie Anm. 51), $. 248
u. Nr. 84, S. 269; in derselben An. i » ; gelegenheit war er bereits i i schen Städten als Gesandter Friedrichs 1. eingesetzt; ann ee a % Vgl. dazu unten S. 184. und 187-189. re
Neue Zeitungen und politische Propaganda 165
sind. Die antiquarische Forschung des 17. Jahrhunderts überliefert Auszüge aus der Speyerer Chronistik, die allerdings in Berichtszeitraum, Nachrichten- material und Wortlaut erheblich von der durch Mone edierten Handschrift abweichen und somit parallele Texte bzw. verwandte Sammlungen reprä- sentierens7. Da die meisten der von den pfälzischen Geschichtsschreibern des 17. und 18. Jahrhunderts exzerpierten Handschriften heute verloren sind, las- sen sich keine genauen Aussagen über ihre Text- und Überlieferungszusam- menhänge und die Entstehungszeit treffen. Fest steht jedoch, daß eine gegen- wartschronistische Sammlung wie die ‚Speyerer Chronik‘ im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit keine singuläre Erscheinung in der reichsstädtisch-speyerischen Chronistik darstellte. Dies bestätigt eine Hand- schrift mit einer vergleichbaren Materialsammlung von historischen Berich- ten, Urkunden und Briefen aus dem beginnenden 16. Jahrhundert. ihr Be- richtszeitraum erstreckt sich vom ausgehenden 14. J ahrhundert bis in das Jahr 1461 und beruht zum Teil auf den gleichen Quellen wie Mones ‚Speyerer Chronik‘s#. Daher soll diese Handschrift mit dem Textzeugen im GLA Karls- ruhe (65/624) verglichen werden, um den Überlieferungszusammenhang zwi- schen beiden Sammlungen zu ergründen und so Aufschluß über die Zirkula- tion und Vermittlung von derartigen reichspolitischen und zeithistorischen Informationen in der Stadt Speyer zu erhalten.
Franz Joseph Mone hat die Handschrift Ka bereits einer eingehenden pa- läographischen und kodikologischen Analyse unterzogen, so daß seine Ergeb- nisse hier nur rekapituliert, ergänzt und in wenigen Details korrigiert zu wer- den brauchen®. Anhand der Bestimmung der Hände, der unterschiedlichen Papierqualitäten in der Handschrift sowie zusätzlicher kodikologischer Beob- achtungen über den Zusammenhang zwischen dem Wechsel von Blättern bzw. Lagen und der Schreiber, der Einrichtung der Seiten und dem Gebrauch un- terschiedlicher Tinten konnte Mone die Entstehung der Kompilation plausibel
erläutern.
Von der Haupthand A stammt der größte Teil der Texte dieser Handschrift. Der sich mehrfach verändernde Schriftduktus ihrer Einträge macht deutlich, daß sie nicht in einem Zuge gemacht wurden, sondern in unregelmäßigen zeit- lichen Abständen vermutlich von Schriftstücken kopiert worden sind, die den Schreiber zu verschiedenen Zeiten erreicht haben”. Da von Hand A auch Nachträge auf den Blättern der anderen Schreiber sowie Rubriken zu einem großen Teil der Kapitel stammen, ist sie zweifellos mit der des Sammlers der Chronik zu identifizieren. Neun weitere Schreiber B-K haben mit ihren Ko- pien zusätzliches Material beigetragen, welches dem Sammler bzw. Haupt-
# Vgl. Mone, Einleitung, S. 369. 8 Landesarchiv Speyer, Kopialbücher Nr. 187. ® Vgl.Mone, Einleitung, S. 368f., und Klein, Handschriften (wie Anm. 25), 8. 220f.
” Vgl. beispielsweise den Nachtrag in Ka, S. 579b mit einer zusätzlichen Notiz über die Ver- teilung der Beute (c. 231) nach dem Bericht über den Überfall auf Mainz (c. 230).
166 Birgit Studt
schreiber A offenbar selbst nicht vorgelegen hat. Mit sechs von ihnen (B,C,D, G,H, D) muß er in räumlicher und zeitlicher Nähe zusammengearbeitet haben, da er auf dem restlichen freien Raum der von ihnen beschriebenen Blätter die eigene Berichterstattung fortgesetzt hat. Die von seinen Korrespondenten ge- lieferten Schriftstücke haben den Sammler in der Regel so rechtzeitig erreicht, daß er mit den von ihm selbst angefügten Nachrichten den chronologischen Rahmen bis auf wenige Ausnahmen wahren konnte. Besonders eng scheint sich die Zusammenarbeit mit dem Schreiber D gestaltet zu haben; aus dem mehrfachen Handwechsel auf den Seiten 201-243 läßt sich erschließen, daß der Sammler sich mit diesem bei den Einträgen zu den Jahren 1456 und 1457 ab- gewechselt hat. Auch mit B muß er eng kooperiert haben, mit dem er sich die Abschrift der Beschreibung der Aachener Krönung von 1442 geteilt hat. Daß bei einer derartigen Gemeinschaftsarbeit gelegentlich auch Versehen unter- liefen, illustriert eine Textauslassung zwischen S. 29 und 31, wo B die von A begonnene Kopie falsch fortsetzte. Der Sammler hat diesen Fehler jedoch be- merkt und den fehlenden Text auf einem eingehefteten Zettel nachgetragen. Einer der beteiligten Schreiber ist uns sogar namentlich bekannt. Der Schrei- ber H, der u.a. eine Beschreibung des Regensburger Christentages von 1471 und zahlreiche Namenslisten zur Sammlung beigetragen hat, ist als der Speyerer Ratsbote Thoman von Thöringberg identifiziert worden”.
Ein elfter an diesem Kodex beteiligter Schreiber L hat mit der Abschrift der Chronik begonnen. Sein Text, der am Ende der Handschrift Ka eingebunden ist, stammt jedoch von einer anderen Vorlage, da sie signifikante Abweichun- gen gegenüber dem vorangegangenen Text in der Handschrift aufweist. Die Kopie beginnt mit dem Bericht über die Eroberung von Konstantinopel (Mone, c. 49) und bricht mit der Wiedergabe von Dokumenten zum Veldenzer Krieg von 1455 unvermittelt ab.
Am Ende der von A zusammengestellten Sammlung findet sich im Kodex eine Inkunabel von 8 Blättern, eine deutsche Übersetzung der Türkenbulle Papst Pius‘ I]., datierend vom 11. November 1463”, Obwohl der Druck an chronologisch falscher Stelle des Kodex steht, verdankt er seine Aufnahme dennoch der Sammeltätigkeit des Kompilators; im Zusammenhang seiner Be- richterstattung über Ereignisse des Jahres 1463 hatte er nämlich den Inhalt dieser Bulle Pius‘ II., die anläßlich der weiteren osmanischen Eroberungen zum Krieg gegen die Türken aufrief und einen entsprechenden Ablaß ver-
” Vgl. Jakob Reissermayer, Der große Christentag zu Regensburg 1471 (Programm des Kgl. neuen Gymnasiums Regensburg, Beilagen 1887/88), 1. Teil, S. 60f., und 2. Teil, S. Sf., jedoch ohne Nachweis des Fundortes, so daß diese Identifizierung nicht nachprüfbar ist. Mone, Einlei- tung S. 368, hat in seiner Schrift eine pfälzische Kanzleihand wiedererkennen wollen, wohl aus
dem Grunde, weil H zahlreiche Dokumente aus dem Umkreis des Heidelberger Hofes kopiert hat.
”? Ludwig Hain, Repertorium bibliographicum in quo libri omnes ab arte typographica in-
venta usque ad annum MD typis expressi recensentur, Bd. 1, 1-2 und 2, 1-2 (Stuttgart / Tübingen 1826-38, ND 1948), Nr. 263.
167
Neue Zeitungen und politische Propaganda
N itels auf den Text der kündete (c. 253), referiert und am Ende des Kapitels Urkunde _.ı. Die bulle vindestu hie nach geschriben vnd wart auch
verkundet”.
rund des kodikologischen Befundes der Handschrift Ka hat man sich ee lenken vorzustellen: Der Schreiber und a = der die Beiträge von B-K zu seinem Werk verbunden hat, hatte n S ba sprünglich eine kleine Sammlung von aktuellen Nachrichten und 2 re über die Reichstage von Nürnberg und Frankfurt des Jahres = un - den Veldenzer Krieg von 1455 zusammengestellt. Diese Materia nn 2 diente dem Kompilator als Grundlage für sein späteres Werk, in dem EN nochmals kopiert und ausgeschrieben hat. Sie ist - im Eee an nn schrift einspaltig und in anderer Tinte geschrieben - ebenfalls mi n a dex gelangt (S. 123-160), wo sie ohne Zusammenhang mit den a gegangenen bzw. folgenden a nn Es ET er | ammen mit dem Text von L”', ın dıe Keinst i 1 ten Tee von A eingefügt worden sein. Leider gibt der ers nn einband keinen Hinweis auf den Zeitpunkt, zu dem die Handschrift in
heutigen Gestalt zusammengebunden worden ist.
i iti i i i Reinschrift und Konzept
Die Edition, in der Mone die Materalien von h ind | :
ans chronologisch sortiert und ausgewählt hat, läßt die ursprüngliche nn ordnung der Kapitel in der Handschrift nicht mehr erkennen. Demgegenü
SSR i zeigt der kodikologische Befund, daß der Sammler die einzelnen Dokumente
in der Reihenfolge notiert hat, in der sie ihm bekannt geworden sind. Seine
eichnungen hat A - im Wortlaut teils unverändert, teils verändert E a er SSeItE (bes. S. 86-117 u. 164-176) in seine ns a nommen”. Hier erscheinen die Texte chronologisch a = ae ständigt durch weitere Nachrichten, die er inzwischen erha = Se Ss diese Weise konnte er sein ursprüngliches Dossier zur Türkenfrag
3 Mone, S.489. h 74 [, hat das Konzept des Sammiers nicht kopiert. Außerdem 2 .n mn a i i inige Zusätze, die A au der Chronik vorgelegen haben, da der Schreiber einige Z ze, ;eren Bl ß Sr Spalten enchrift nachträglich eingefügt hat, nicht übernommen Ar nn ” = terer Hinweis darauf, daß das Konzept und die Abschrift von L erst später mit der g i ü ind. Kompilators A zusammengefügt worden sin 4 75 Ausgelassen hat er bei der Übernahme in die Reinschrift nn ai nn nn i im Konzept S. 130), und dies wahrschel : Rabans von Speyer an die Stadt von 1422 (im , \ a nz i icht i i i bringen war. Dieser Brief war jedo er chronologisch nicht in der Reinschrift unterzubrin 1 Seren ür die feindli iti fe gegenüber der freien Reichsstadt, t für die feindliche Politik der Speyerer Bischöfe g j freien Re . Ra ae stets zu beschneiden bestrebt waren, lange von ... ne i i in: Geschichte der Sta ver, Bd. Voltmer, Von der Bischofsstadt zur Reichsstadt, in: < > en ! j j lich auch der Grund für seine Aufnahme ın 1982), S. 344 ff., bes. $. 353. Dies war sicher eh ie in di ü Dossiers zur Speyerer Geschic 5 t des Sammlers sowie in die parallel überlieferten ° az ler unten); Abdruck des Dokuments bei Stephan Alexander Mg: . u diplomatica ad selecta iuris ecclesiastici Germaniae ... congesta (Frankfurt / Leipzig s
1969), S. 182.
168 Birgit Studt
Veldenzer Krieg durch „Neue Zeitungen“
Ide Krie „Ne gen“ aus entfernteren Gegenden, beispielsweise über den Sächsischen Prinzenraub (c. 66) oder die ns von Rhodos (S. 167b-168b) ergänzen und aktualisieren.
Das Bemühen des Schreibers A, eine Seite oder Spalte stets mit dem Ende eines Dokumentes oder mit einem abschließenden Bericht über ein be- stimmtes Ereignis aufzufüllen, so daß auf der folgenden Seite mit neuen Schriftstücken ‚begonnen werden konnte, verweist auf den Formwillen des Sammlers. Weiterhin hat er zwischen den einzelnen Abschnitten durchwe Platz für Rubriken vorgesehen, die jedoch später nicht immer ausgeführt oo den sind. Auf seine Absicht, nicht nur eine reine Materialsammlung, sondern ein zeithistorisches Handbuch zu schaffen, deutet die Tatsache, daß er durch- aus Versuche zu einer historiographischen Verklammerung der einzelnen Texte unternommen hat. Entweder versah er die mitgeteilten Dokumente mit zusammenfassenden oder einführenden Erläuterungen zur historischen Situa- tion oder den politischen Verhältnissen, oder er entwarf Rubriken, die er über die von seinen Korrespondenten gelieferten Schriftstücke gesetzt hat Außer- dem hat der Sammler durch Rückverweise auf zusammengehörende Texte (als do vor hier geschriben stet in dissem buch)”, die je nach dem Zeitpunkt ihres m o an Ss der Handschrift gelangt waren, versucht
amtzusamm i i i üge nen en ang seines Werkes inhaltliche Bezüge und Ver-
Damit erscheint die ‚Speyerer Chronik‘ als eine ursprünglich lose, aber wohl ordinierte und historiographisch organisierte Materialsammlung die für die fortlaufende und umfassende Dokumentation von Zeitereignissen aus der spezifischen Perspektive der Stadt Speyer konzipiert war. Sie ist wohl erst nach dem Tod des Sammlers - darauf deuten das an unpassender Stelle mitein- gebundene Konzept und der Text von L - zu einem Kodex zusammengefügt re ee durch L überlieferte Fassung der Chronik zeigt, nr unabgeschlossene Zustand der Sammlung keinen Hinderungsgrund ür ihre Benutzung und Rezeption bedeutete. Bereits zu einem frühen Zeit- punkt muß sie dem zeitgenössischen Schreiber L zur Kenntnis gekommen sein, da seine Abschrift nicht auf der von A überarbeiteten und a Nachträ- gen versehenen Fassung beruht, wie sie heute in Ka überliefert ist”.
En der Beobachtung, daß die Rezeption der Sammlung des Speyerer = ronisten bereits zur Zeit ihrer Entstehung eingesetzt hat, sind methodische en für die Beurteilung ihrer Überlieferungsgeschichte zu ziehen. an darf keine Abschriften von einem einzigen, durch den Kompilator abge schlossenen und autorisierten Exemplar der Chronik annehmen, sondern muß von einem mehrsträngigen Überlieferungsprozeß ausgehen der das Resultat eines zeitgenössischen Interesses an aktuellen zeithistorischen Nachrichten i Umkreis des Speyerer Sammlers ist. Er
% Mone, S.432. 7 Vgl. oben Anm. 74.
Neue Zeitungen und politische Propaganda 169
Mit Konzept und Reinschrift des Sammlers A sowie dem durch den Schrei- ber L überlieferten Text, die als drei auch in ihrem Berichtszeitraum unter- schiedliche Fassungen der ‚Speyerer Chronik‘ bereits im 15. Jahrhundert vor- handen waren, ist die Überlieferung von Speyerer Dokumentationen zur Zeit- geschichte keineswegs erschöpft. Eine verwandte, aber von den drei genann- ten Textzeugen stark abweichende Materialsammlung ist in einer bislang unbeachteten Handschrift des frühen 16. Jahrhunderts überliefert, die heute als Kopialbuch 187 im Landesarchiv Speyer aufbewahrt wird (= Sp). Dieser Kodex umfaßt 390 gezählte Seiten und ist sowohl am Anfang wie am Ende unvollständig. Im Incipit des Textes findet sich ein Verweis, der darauf schließen läßt, daß dem Stück noch ein umfangreicher Abschnitt vorausgegan- gen sein muß: In dem vorgeschrieben jare in dem vorberurten kriege erhube sich eine großs mishelle vnd zweytracht zu Spyre das einer genant Heinrich von Landaw ... Mitten in der Kopie eines Briefes des abgesetzten Mainzer Erzbi- schofs Dietrich von Isenburg an die Stadt Speyer bricht der Text dann unver- mittelt ab. Hinsichtlich seines Berichtszeitraums unterscheidet sich Sp erheb- lich von den in Ka überlieferten Texten: Sp beginnt mit Ereignissen des Jahres 1375, dem Aufstand der Hausgenossen gegen den neuen Rat der Stadt Speyer (S. 1-3)78, berichtet weiterhin über Auseinandersetzungen der Stadt mit Bi- schof Adolf von Nassau”, die Bedrängung der süddeutschen Städte durch den besonders städtefeindlich eingestellten Löwenbund, die Landfriedensgesetz- gebung König Wenzels, den militärischen Zusammenschluß des Schwäbischen und des Rheinischen Städtebundes 1381 in Speyer und über einen zweiten innerstädtischen Konflikt im Speyer des Jahres 1386 (S. 3-29)8, Nach einem großen zeitlichen Sprung von mehr als einem halben Jahrhundert folgen Dokumente über die beiden Reichstage des Jahres 1454, die nach Regensburg und Frankfurt zur Organisation der Türkenabwehr einberufen worden waren (S. 29 ff.). Von hier an deckt sich der Berichtszeitraum des Textes mit dem der ‚Speyerer Chronik‘ in Ka. Die Handschrift Sp reicht allerdings nur bis zum Jahre 1461 und endet mit der ausführlichen Wiedergabe von Zirkular- und Propagandaschreiben, mit denen der Mainzer Bistumsstreit auf propagan-
distischer Ebene geführt wurde.
Innerhalb dieses gemeinsamen Berichtszeitraums von 1454 bis 1461 zeigen die beiden Handschriften jedoch erhebliche Unterschiede in dem Quellenma- terial, das von ihnen verarbeitet worden ist. In Sp ist eine signifikante Auswahl von Schriftstücken zur politischen Reichsgeschichte getroffen worden, die sich in dieser Vollständigkeit in Ka nicht findet. Der Urheber der Sammlung, die in Sp überliefert ist, hat sich vornehmlich auf Urkunden, Briefe, „Neue Zeitun-
® Vgl. zu diesen Vorgängen Voltmer, Von der Bischofsstadt (wie Anm. 75), $. 336.
® Vgl. Voltmer, Von der Bischofsstadt {wie Anm. 75), S. 337.
© Zu diesen Auseinandersetzungen zwischen den Fürsten und Städten vgl. Heinz Anger- meier, Königtum und Landfriede im deutschen Mittelalter (München 1966), S. 2691.; zu den innerstädtischen Konflikten Voltmer, Von der Bischofsstadt (wie Anm. 75), S. 338.
170 Birgit Studt
gen“ und eine große Vielfalt vergleichbarer dokumentarischer Materialien konzentriert. Während hier Quellen historiographisch-narrativen Charakters nur eine untergeordnete Stellung einnehmen und die Dokumente selbst im Vordergrund stehen®!, war dem Sammler von Ka stets auch an der historiogra- phischen Überarbeitung seiner Quellen gelegen. Er hat bisweilen lateinische Schriftstücke - wenn auch unzureichend — paraphrasiert, während in der Speyerer Handschrift die Texte stets in ihrem originalen Wortlaut stehen?. Auch der erste Benutzer der Handschrift Sp hat durch seine Marginalien auf den dokumentarischen Gebrauchswert dieser Sammlung abgehoben. Am Rand und in den Zwischenräumen der Kapitel hat er regestenartig den Inhalt der jeweils folgenden Texte zusammengefaßt und bisweilen Querverweise auf zusammengehörige Texte der Handschrift angebracht®. Diese erheblichen Unterschiede im Textbestand der beiden Handschriften deuten darauf hin, daß die Fassung des Textes, die der Kodex Sp bietet, eine zweite, in Anlage und Quellenbestand vergleichbare stadt- und reichsgeschichtliche Sammlung
darstellt, die unter ähnlichen Bedingungen im Umkreis der Stadt Speyer ent- standen sein muß.
Die parallele Überlieferung von verschiedenen Fassungen der Chronik bzw. verschiedenartigen Dossiers mit aktuellen reichspolitischen Berichten und Dokumenten aus städtisch-speyerischer Perspektive zeugt von einem lebhaf- ten Interesse an zeithistorischen Nachrichten und einer intensiven Sammel- tätigkeit von aktuellen dokumentarischen Schriftstücken, die im ausgehenden 15. Jahrhundert im Umkreis der Stadt Speyer zirkulierten. Es ist das Verdienst
®1 Diese unterschiedliche Gewichtung bei Auswahl und Verwertung der Quellen läßt sich an der Wiedergabe einer Aktennotiz illustrieren, die sich auf einem von den Kompilatoren benutzten Fehdebrief der Stadt Speyer an Herzog Ludwig von Veldenz befunden haben muß. In Sp findet sich S. 58 nach dem Bericht, daß die Stadt dem Veldenzer den Krieg ansagte, und dem Verweis auf den entsprechenden Fehdebrief vom 5. Juli 1455 der ausführliche Vermerk: der briewe ist Conrat Russen geben worden vff frytag sanıt Ulrichs tag [= 5. Juli]. Als Conrat Russe der hauptman under den funffzig mennern, den wir unsern herren dem pfaltzgraven schickten, mit den selben funffzig vBzoge gein Armsheim an die erst herperge vnd dan er den selben brieve Diethern von Venningen solte geben. Den furethen in rechter zyt zu obersenden die wyle doch unser herr der pfaltzgrave syne widersags brieff vff sant VIrichs tag gein Bergzabern, als wir vernammen, gesant hat. In Ka steht an
entsprechender Stelle nur ganz kurz: Dirre brieff gab Conrad Ruß Diethern von Venningen dem hoffmeister. ($. 117a u. 158; Mone, S. 402).
#2 Der Sammler A hat beispielsweise die Namensliste der Speyerer Versammlung des Jahres 1455 (c. 79) anhand eines Einladungsschreibens an die Teilnehmer erstellt (vgl. Mone, S. 405, Anm. 1), während in Sp, S. 78 f. der lateinische Text dieses Briefes vollständig überliefert ist.
#? Beispielsweise Sp, S. 52: Hertzog Ludwigs antwurt uff disen brieff finst duch hinach im 36 blat [jetzt S. 59].
®% Probekollationen von Abschnitten, die sowohl im Konzept als auch der Reinschrift von A, in der Abschrift durch L und in Sp überliefert sind, haben Sp als eine von den durch A und über- lieferten Texten unabhängige und korrektere Fassung erwiesen. Beispielsweise zeigt die gegen- über Ka völlig verschiedene Reihenfolge der Schriftstücke zur Veldenzer Fehde von 1455, daß der Urheber der Handschrift Sp ebenso wie A in seinem Konzept unabhängig voneinander auf ein- zelne Vorlagen zurückgegriffen haben müssen.
Neue Zeitungen und politische Propaganda 171
r Sammler, derartige Materialien lange vor Christoph Lehmanns
A Dasclluig der ce Geschichte im Rahmen einer nn Reichsverfassungsgeschiche erstmals in dieser ea 9 getragen und unter historiographischen Gesichtspunkten Denn nn ben‘. in der Vielfalt an verwandten und parallelen Texten wird ein n a grapbischer Darstellungstypus faßbar, der eindeutig als Resultat ee meltätigkeit zu beschreiben ist, da er keinerlei Hinweis auf _ o 2 a Auftrag seitens des Rates oder zumindest auf derartige Bezüge in ea = fiziöser Natur bietet. Die hier zusammengestellten Quellen . . : mehr als rechtssichernde Aufzeichnungen für eine Be, z ppo oder als handlungsorientierendes Erfahrungswissen für un Be uns zukünftige Leser, sondern sind in ihrem dokumentarischen a = . juristisch-praktischer, politischer und möglicherweise auch antıq Interessen einzelner Persönlichkeiten. ie
Noch bis ins 18. Jahrhundert hinein sind diese Speyerer stadt- und een 5 storischen Sammlungen von der re ee ea er
nd ausgeschrieben worden. Vom Ende des 10. Alizze de Archivars u. A N on ie i imen Hausarchiv der Wittelsbacher übe ind®’.
er Kremer für seine ‚Geschichte Friedrichs des rg Ba 1765 die Handschrift Ka benutzt und offenbar auch exzerpiert hat,
s Zu Georg Christoph Lehmann und seiner erstmals 1612 en ie ee a Rau, Christophorus Lehmann und seine en a a nn ” z er in: ADB 18 (Leipzig Ss. -138; \ of, Br ee ren des a Lehmann, in: Städtische ep ae Mittelalter und in der frühen Neuzeit, hg. v. Peter Johanek, sowie N nn eh BR manistischen Kontext von Jurisprudenz und Historiographie, in dem a 3“ a vgl. nur Notker Hammerstein, Jus und Historie. Ein Beitrag zur Gesc) a a Denkens an deutschen Universitäten im späten 17. und 18. Jahrhundert \ > a rs 35-40, und zuletzt den Forschungsüberblick von Helmut zZ ede Im aie 2 ® . oo te“. Zur Historiographiegeschichte der frühen Neuzeit, in: Historisches Ja S. 436-456, bes. S. 437-442. . 5 Vgl. beispielsweise Wriedt, Geschichtsschreibung in den wendischen Hansestädten (wie
Anm. 56), bes. S. 414-416. : #7 Hauptstaatsarchiv München, Abt. III, Hs. 34; vgl. Ludwig Rockin & : ce Arbeiten zur baierischen und pfälzischen Geschichte im Geheimen a = are (= Abhandungen der kgl. Bayer. Ak. d. Wiss. Hist. Cl, Bd. 14, 3; 15, n en 1879-1880), hier II, S. 164, Nr. 47b und S. 229f., Nr. 70. Die en n ce ‚Scheyerer Fürstentafel‘ (dazu vgl. weiter unten S. 68 f) sowie c. 31-35 = : ” Fe = nr To enandenn lee je nn nn tkieschen ehe keikes Arbeiten vgl. 1449 behandeln. Zu Michael Arroden und seı scher 1 so i ; ie Pflege der Geschichte durch die Wittelsbacher (München sn a a a sn : i Ce ehteht chreikung am Hof Kurfürst en von Bayern, in: Wittelsbach und Bayern, Bd. II, 1 (München 1980), S. 330-340, hier $. 33 : ® Vgl. Kremer, Geschichte I (wie Anm. 11), Einleitung. Nach seiner DE x Handschrift zu schließen, hatte erden Textzeugen bereits in seinem heutigen nn I an spricht von 804 Seiten, deren erste Blätter ein wenig beschädigt waren. Auszüge a
172 Birgit Studt
Stephan Alexander Würdtwein 1781 für seine Auszüge in den ‚Nova Subsidia diplomatica‘, die bereits mit dem Jahre 1360 beginnen, auf einen anderen Textzeugen zurückgegriffen haben®. Entweder hatte er die Handschrift Sp die in ihrer heutigen Form erst mit dem Jahre 1374 einsetzt, in ihrem ur- sprünglich vollständigen Umfang oder aber einen weiteren Kodex zur Verfü- gung. Da Würdtwein wie Karl Ludwig Tolner in seiner ‚Historia Palatina‘® von 1700 nur unzusammenhängende Auszüge geringeren Umfangs überlie- fern und in ihren Abdrucken Kürzungen, Umstellungen und u.a. willkürliche Fe ne I nicht auszuschließen sind, sind ihre Texte für rungskritische Unter i ü en an un nicht brauchbar und müssen deshalb
Ein umfangreicher Auszug aus der ‚Speyerer Chronik‘ ] ich i von Ludwig Rockinger beschriebenen, Blchre 1944 leider a nen Handschrift des Geheimen Hausarchivs in München vor, die um 1736 Abt J ohann Friedrich Schannat in Rom angefertigt hatte?!. Da Rockinger keine längeren Exzerpte aus der Handschrift wiedergegeben hat, kann auch über die mit dieser Abschrift überlieferte Fassung keine Klarheit gewonnen werden
: Christoph Lehmann, der für seine 1612 erstmals gedruckte ‚Chronica der . Reichsstadt Speier‘ neben Urkunden und Materalien des reichsstädti- schen Archivs sicherlich auch derartige Dossiers mit dokumentarischen
ehe sind e en Karlsruhe, S Kremer-Lamey, Nr. 40 überliefert. Die Exzerpte
gen unter Auslassung reichsgeschichtlicher Nachricht T h
schichte Friedrichs des Siegreichen von der Pf. aan ee : ichs des ; alz. Der Berichtzeitraum erstreckt sich vom Regie-
rungsantritt Friedrichs im Jahre 1449 (Mone, c. 31) bis zum Ende des Weißenburger Kriegs end
dem Prozeß d ü 2 2m). gegen den Kurfürsten auf dem Augsburger Reichstag von 1474 (Mone, c. 2781. u.
u BE a. Subsidia diplomatica (wie Anm. 75), S. 180, 182-187; vgl. ebd., S. 180:
ö . hat Keyser Karl grave Eberharten mit grosser macht uber. : RER EIER € zogen. Da batten die stätt i
Swaben den Keyser umb ein hauptmann, da wurde innen gegeben pfalztgrave Der Ruprecht
[.- -] In disem Krig legten sich die bischöff i { / | zu Spier, zu Cost: ien einen friden (mit Verweis auf das ‚Chron, Spireis. Ms a
° Karl Ludwig Tolner, Historia Palatina, 2 Tei °"K » ‚2 Teile (Frankfurt/M. 1700), S. 70 - ü Ereignissen der Mainzer Stiftsfehde, 1462). Mone, Einleitung S. 369, BR a
lage eine jüngere Handschrift, weist ab i iti i a ‚ weist aber gleichzeitig auch auf die Unzuverlässigkeit von Tolners
91 Vgl. Rockinger, Ueberältere Arbeiten III (wie i = kansknibierien Ineipit und Explicit der ande an ar oo ee : a. En der wie der Karlsruher Textzeuge S Kremer-Lamey 40 (vgl. o. Aa 88) vom aa a, bis zum Ende des Veldenzer Krieges 1471 gereicht haben muß seine Konzilsgeschichte und ned a en . kurfürstliche Archiv abgegeben worden ist, vgl. Wilhelm E 3 , ee ee I a, Archivalische Zeitschrift 3. Folge 11 (1936), S. 24-103, und Ludwig ahnen Be Re
eiträge zur Geschichte der „Bibliotheca Palatina“ in Rom. Pfälzisch-bayerische ' Versuche ae
Erforschung der „Palatina“ im 17. und 18 in: Römi ar - Jahrhundert, in: Römische Quartalschrift 57 (1962),
Neue Zeitungen und politische Propaganda 173
Schriftstücken des 15. und 16. Jahrhunderts benutzen konnte?, hat mit seiner Geschichte der Reichsstadt Speyer und ihren politischen Beziehungen als letz- ter nochmals die ursprünglich reiche Speyerer Überlieferung aus dem Spätmittelalter und der beginnenden Neuzeit zusammengefaßt, bevor große Teile der Archivalien des Stadtarchivs in den Wirren des Pfälzischen Erbfolge-
kriegs 1689 vernichtet wurden”.
III. Anlässe von Schriftproduktion und Dokumentationstätigkeit im Spiegel der ‚Speyerer Chronik‘
Auch wenn sich für die ‚Speyerer Chronik‘ des 15. Jahrhunderts die ur- sprüngliche Provenienz der Quellen, vor allem im Bereich der politischen Korrespondenz des Speyerer Rates, nicht mehr bis ins Detail zurückverfolgen läßt, ist es doch möglich, die verschiedenen in ihr verwerteten Quellentexte und -typen zu charakterisieren und die parallele Überlieferung dieser Quellen in der benachbarten Gegenwartschronistik zu verfolgen. Ziel ist es, aus diesen Überlieferungskonfigurationen zu erschließen, welche Texte und Themen im dritten Viertel des 15. Jahrhunderts das Interesse der zeitgenössischen Beobachter und Berichterstatter des politischen Geschehens gefunden haben. Bei dieser vergleichenden Quellenanalyse bietet es sich an, von den politi- schen Freignissen und Anlässen auszugehen, die in besonderer Weise Impulse für vielfältige Formen von Schriftproduktion gaben, da die Sammeltätigkeit des Speyerer Kompilators durch solche äußeren Anstöße maßgeblich be-
stimmt worden ist.
Auf die zahlreichen Herausforderungen von Kaiser und Reich, die beson- ders in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts von verschiedenen Konflikt- herden ausgingen, reagierten die Berater, Juristen und Kanzleien des Königs, von Fürsten, Herren und Städten mit einem auffällig vermehrten Ausstoß an Schriftlichkeit, um in verwaltungstechnischer, diplomatischer und nicht zuletzt auch propagandistischer Hinsicht der Probleme Herr zu werden und Lösungs- versuche gegen vielfach zähe Widerstände durchzusetzen. Die Edition der ‚Deutschen Reichstagsakten‘, die allerdings für die Regierungszeit Fried-
2 Christoph Lehmann, Chronica der freien Reichsstadt Speier (Frankfurt/M. 1612, 21662, 31698, 4., vermehrte Edition hg. v. Johann Melchior Fuchs, 1711). Buch VII der ‚Chronica‘ umfaßt die Kapitel zum ausgehenden 14. und das 15. Jahrhundert. Sie betreffen sämtlich Ereignisse, die auch in allen o.g. Fassungen der ‚Speyerer Chronik‘ behandelt werden. Darüber hinaus bietet die Lehmannsche Chronik ebenfalls die Zusammenstellung dokumentarischer Materialien, verknüpft mit der historiographischen Darstellung; vgl. Rau, Lehmann (wie Anm. 85), 8.27, und Fran ck,
Lehmann (wie Anm. 85), S. 135.
% Vgl. Hans Oberseider, Das Archiv der Stadt Speyer zur Zeit der Zerstörung der Stadt durch die Franzosen (1689), dessen Flüchtung und Wiederheimführung (1698/99), in: Archivalische
Zeitschrift NF 13 (1906), S. 160-218.
174 Birgit Studt
richs III. nur in zwei, wenngleich wichtigen Ausschnitten vorliegt”, spiegelt deutlich den reichen schriftlichen Niederschlag dieser vielfältigen Versuche der Konfliktregulierung wider.
Am Beispiel der reichspolitisch wie wirtschaftlich äußerst bedeutsamen Mainmetropole Frankfurt, die als Zentrum der königsnahen Landschaft am Mittelrhein und Untermain einen wichtigen Schnittpunkt des Nachrichtensy- stems im Reich bildete®, läßt sich die intensive Schriftproduktion, die aus der Kommunikation zwischen Reichsständen und Zentralgewalt sowie den Reichsständen untereinander hervorgegangen ist, besonders gut verfolgen. Im Archiv der Reichsstadt, die eine wichtige Rolle als Nachrichtenvermittlerin für den Herrscher im Reich spielte, findet sich eine reiche Überlieferung von Gesandtschaftskorrespondenz, Briefwechseln des Rates mit anderen Reichs- angehörigen, kaiserlichen Mandaten und tagespolitischen Schriften wie Ladungen zu kaiserlichen und Reichstagen, die als Rundschreiben versandt worden waren”. Da die editorische Erschließung von Quellen zur Reichs- geschichte der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erst an ihren Anfängen steht, ist es zur Zeit nur möglich, in einigen Ausschnitten schlaglichtartig die verschiedenen reichspolitischen Themen und Konfliktstoffe zu beleuchten die sowohl in der archivalischen als auch in der historiographischen Über- lieferung ihren Niederschlag gefunden haben.
Bot in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Hussitengefahr zahlreiche Anlässe für die verschiedensten Formen von Schriftproduktion — von der schriftlichen Organisation der Hussitenkreuzzüge?’ über die Herstellung von Kriegsbüchern bis hin zur Anlage von historisch-politischen Dossiers über die
a RTA 19, 1 (wie Anm. 28) (für die Jahre 1453-1454) und RTA 22, 1 (wie Anm. 51) für den Zeitraum von 1468 bis 1470; für die übrige Zeit vgl. Johann Joachim Müller, Des heiligen Rö- mischen Reiches Reichstagstheatrum wie selbiges unter Keyser Friedrich V. (IH.) allerhöchster Regierung von anno 1440 bis 1493 gestanden (Jena 1713); Joseph Chmel, Aktenstücke und Briefe zur Geschichte des Hauses Habsburg im Zeitalter Maximilians I., Band 1 (= Monumenta Habsburgensia 1, Wien 1854, ND 1968) oder auch das reiche bei Johannes Janssen, Frankfurts Reichscorrespondenz neben anderen verwandten Actenstücken von 1376-1509, 2 Bde. (Freiburg 1. Br. 1863-72) zusammengestellte Material. Heribert Müller, Die Reichstagsakten (Ältere Reihe) und ihre Bedeutung für die europäische Geschichte, in: Fortschritte in der Geschichtswis- senschaft durch Reichstagsaktenforschung, hg. v. Heinz Angermeier / Erich Meuthen (Göttingen 1988), S. 17-16, berichtet über Perspektiven der Erschließung dieser wichtigen Quellengruppe.
" 5 Dieses Beispiel ist jetzt durch die ‚Regesten Kaiser Friedrichs II.‘ gut dokumentiert; vgl. egesten Kaiser Friedrichs III. (1440-1493). Nach Archiven und Bibliotheken geordnet, hg. v. Heinrich Koller, Heft 4: Die Urkunden und Briefe aus dem Stadtarchiv Frankfurt am Main, bearb v. Paul-Joachim Heinig (Wien / Köln / Graz 1986). i Vgl. FEIN ig, Regesten Friedrichs III. (wie Anm. 95), Einleitung S. 10. u. 22. 2 a Münchener em 9503 finden sich zum Hussitenkomplex beispielsweise die Reichsmatri- an Siegmunds für seinen ‚Hussitenzug, den sog. „Gleven-Anschlag“ vom 1. März 1431 N a der eine breite Überlieferung in fürstlichen und reichsstädtischen Archiven und en E28 sn hat, ein Vertrag zwischen dem König und den Städten über vier Punkte der u, Ew 5 ei 2 I sowie eine Kriegsordnung für den Hussitenzug dieses Jahres (f. 233vb - nr ; andschrift vgl. unten Anm. 105; Edition der Texte bei Dietrich Kerler, Deutsche eichstagsakten unter Kaiser Siegmund, 3. Abt. (= RTA 9, Göttingen 21956), Nr. 408-410.
Neue Zeitungen und politische Propaganda 175
Hintergründe der Entstehung und Bekämpfung dieser Häresie®® -, so waresin der zweiten Jahrhunderthälfte die Türkengefahr, die die gesamte westliche Welt in Aufregung versetzte und eine Flut von Türkenschriften hervorrief”. Die propagandistischen Sendschreiben des Kardinals Isidor von Kiew, in de- nen er als einer der ersten Augenzeugen über das Wüten der Türken in Konstantinopel, von militärischen Maßnahmen und Plänen Mechmeds II. be- richtete und gleichzeitig zum Kampf gegen die Türken aufrief!®, gehören zu den wohl am weitesten überlieferten Türkenschriften dieser Zeit. Unter dem Eindruck der Eroberung von Konstantinopel ließ Papst Nikolaus V. in seiner Türkenbulle vom 30. September 1453 einen allgemeinen Kreuzzug, eine Türkensteuer und einen Ablaß ausschreiben!"!. Da aber der Erfolg den geheg- ten Erwartungen aufgrund der geforderten finanziellen Aufwendungen in kei- ner Weise entsprach, suchte das Papsttum im Zusammengehen mit dem Kaiser nach geeigneteren Maßnahmen zur Abwehr der osmanischen Expansion. In den Weihnachtstagen des Jahres 1453 schrieb Friedrich III. zusammen mit dem Legaten Papst Nikolaus‘ V. den Regensburger Reichstag aus, der als Kon- greß der christlichen Könige und Fürsten Europas und zugleich Tagung der deutschen wie italienischen Glieder des Reiches geplant und für den 23. April 1454 angesetzt wurde. Er eröffnete die Reihe der Türkenreichstage der Jahre 1454 und 1455, die jedoch nach dem jähen Abbruch der letzten Zusammen- kunft in Wiener Neustadt am 12. April 1455 ohne Festsetzung eines weiteren Treffens der Reichsstände bald unterbrochen worden war'”. Da für die Tages- ordnung des Regensburger Reichstags als einziger Punkt die Bekämpfung der Türken, die Rückeroberung Konstantinopels und die Vertreibung der Türken
98 Andreas von Regensburg hat in seinen historisch-politischen Aktensammlungen vielfältige Materialien zu den Hussitenkriegen zusammengestellt; ferner versorgte er im Jahre 1422 Bischof Johann II. von Regensburg mit einem Dossier von Auszügen aus seinen historiographischen Ar- beiten, das Hintergrundinformationen zur Vorbereitung des geplanten Regensburger Reichstages zur Hussitenfrage enthielt; vgl. Peter Johanek, Andreas von Regensburg. in: Die deutsche Lite- ratur des Mittelalters. Verfasserlexikon, hg. v. Kurt Ruh u.a., Bd. 1 (Berlin / New York 1978), Sp. 341-348, hier Sp. 3441.
» Vgl. Robert Schwoe bel, The Shadow of the Crescent: The Renaissance Image of the Turk, 1453-1517 (Nieuwkoop 1967), bes. S. 1-56; Ernst Werner, Die Geburt einer Großmacht — Die Osmanen (1300-1481). Ein Beitrag zur Genesis der türkischen Feudalismus (Weimar *1985), S. 280 ff., und Erich Meuthen, Der Fall von Konstantinopel und der lateinische Westen, in: HZ 237 (1983), S. 1-35.
10% RTA 19,1 (wie Anm. 28), Nr. 40. Zur Person vgl. ebd. S. 325 f., Anm. 9, und Schwoebel, The Shadow of the Crescent (wie Anm. 99), S. 7f. Zu den ersten Augenzeugenberichten und Zeitungen über die Eroberung von Konstantinopel vgl. A. Pertusi (Hg.), La caduta di Costantinopoli, t. 1: Le testimonianze dei contemporanei; t. 2: L’eco nel mondo (Fondazione Lorenzo Valla, Verona 1976).
10 Vgj.etwaSchwoebel, The Shadow of the Crescent (wie Anm. 99), $. 31. Die Kreuzzugs- bulle ist abgedruckt in den RTA 19, 1 (wie Anm. 28), Nr. 10, 1,$.59-64.
12 Vgl. RTA 19, 1 (wie Anm. 28), Einleitung, S. 1, und Eberhard /senmann, Kaiser, Reich und deutsche Nation am Ausgang des 15. Jahrhunderts, in: Ansätze und Diskontinuität deutscher Nationenbildung im Mittelalter, hg. v. Joachim Ehlers (Sigmaringen 1989), S. 19-214, hier S. 195-214.
176 Birgit Studt
aus Europa und dem Heiligen Land vorgesehen war, stieß man auf den Wider- stand der Fürsten, die in erster Linie auf eine Lösung in der Frage der Reichs- reform drängten und dies zur Voraussetzung ihrer Beteiligung machten!®.,
Die ‚Speyerer Chronik‘ überliefert eine große Zahl der Schreiben, die im Zusammenhang mit den Verhandlungen zur Vorbereitung des Türkenkreuz- zugs entworfen, an die Glieder des Reiches verschickt und durch das Medium des Buchdrucks erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht wor- den sind!%. Nach einem Bericht über die Froberung von Konstantinopel (c. 49) folgt unter dem Rubrum Hie schreibe der babst in alle lande der cristen- heit sie zu ermanen wieder die heiden die deutsche Übersetzung der Türken- bulle Papst Nikolaus‘ V. vom 30. September 1453!1%. Zum Regensburger Reichstag (c. 52) überliefert sie die Proposition der kaiserlichen Gesandten zur Vorbereitung und Weiterberatung des Zuges gegen die Türken, die als vor- gebliche Meinung des Kaisers verlesen worden war und als Reichstagsab- schied übernommen wurde (c. 53)!%, Über den Frankfurter Tag, auf dem am 29. September 1454 die Beratungen über die Türkenabwehr fortgesetzt und abgeschlossen werden sollten, informieren in erster Linie Dokumente der städtischen Berichterstattung (c. 54-59). Da die Stadt Speyer auf dem Tag nicht vertreten war, hat der Sammler einen Brief kopiert, der ihr vom Frank- furter Stadtrat übersandt worden war!”. Darin wird der Stadt das von allen Reichsständen geforderte Aufgebot für den geplanten Türkenkreuzzug und der Termin für die nächste Zusammenkunft in Wiener Neustadt mitgeteilt (c. 55). Das nächste Kapitel (c. 56) überliefert die städtische Stellungnahme zu der geforderten Reichshilfe. In einem Rundschreiben der in Frankfurt ver- sammelten Ratsendboten an die anwesenden wie ausgebliebenen Städteboten wehrten sich diese gegen eine autoritative Veranschlagung durch die Fürsten, die sie als übermäßige Belastung der Städte empfanden, und beriefen sich auf ihre hergebrachten Rechte der Selbstveranschlagung. Zum Tag in Wiener
103 Vgl. Viktor von Kraus, Deutsche Geschichte im Ausgang des Mittelalters, Bd. 1, (Stutt- gart / Berlin 1905), S. 314-321; Schwoebel, The Shadow of the Crescent (wie Anm. 99), $. 33, und RTA 19, 1 (wie Anm. 28), S. 2.
14 Vgl. hierzu auch Ferdinand Geldner, Bemerkungen zum Text des ‚Türkenschreis‘ von Balthasar Mandelreiß, des ‚Türkenkalenders‘ (1454) und der ‚Ermanung ... wider die Türken‘ von Niclas Wolgemut, in: Gutenberg-Jahrbuch 1983, $. 166-171.
105 Ka, S. 77-84; zur Überlieferung des lateinischen Textes vgl. RTA 19, 1 (wie Anm. 28), Nr. 10, 1,5. 56-58; die deutsche Übersetzung findet sich weiterhin im clm 9503, f. 351-354a. Der Kodex überliefert neben historiographischen Exzerpten zur bayerischen Geschichte eine Zusam- menstellung von Texten zur Hussiten- und Türkengefahr; vgl. RTA 19,1 (wie Anm. 28), S. 58, und en manu-scriptorum bibliothecae Monacensis, Bd. IV, 1 (München 1874, ND
1% RTA 19, 1 (wie Anm. 28), Nr. 38, II, S. 314-318; zur Entstehung des Textes vgl. ebd. S. 307-309 (Einleitung); zur Parallelüberlieferung $. 314 £., wiederum im clm 9505, £. 355a - 356 (im Anschluß an die Darlegung Johann von Lysuras zur Reichsreform vom 12. oder 13. Mai 1454, wohl nach einem Exemplar der Kanzlei Herzog Ludwigs des Reichen).
07 Mone, S.396.
Neue Zeitungen und politische Propaganda 177
Neustadt schließlich, wo die Fürsten den Kaiser aufgesucht hatten, der bislang auf den Versammlungen im Reich nicht erschienen war, überliefert der Speye- rer Sammler die deutsche Übersetzung einer langen Denkschrift des Aeneas Silvius Piccolomini. Damit mußte der kaiserliche Rat die Gesandten des un- garischen Königs, die mit einigen Hoffnungen auf Reichshilfe für Ungarn nach Neustadt gekommen waren, auf das folgende Jahr vertrösten (c. 61)!®.
Auch weitere Nachrichten über militärische Vorstöße der Türken nach Eu- ropa seit der Eroberung von Kontantinopel haben in der ‚Speyerer Chronik‘ Niederschlag gefunden!®. Unter ihnen finden sich die Berichte über die Bela- gerung und den Entsatz der Feste Belgrad, die den größten Widerhall in ganz Europa auslösten, da es den ungarischen Truppen und einem Kreuzfahrerheer unter der Führung des ungarischen Reichsverwesers Johannes Hunyadi - an- gefeuert durch die Predigten des Minoritenmönchs Johannes von Capistran — am 22. Juli 1456 gelungen war, die Türken zurückzuschlagen!!®. Drei Briefe des Johannes Hunyadi, die in den Tagen unmittelbar nach der Schlacht aus Belgrad an verschiedene Adressaten verschickt worden waren, stellen bis auf geringfügige Änderungen ein und dieselbe kurze Beschreibung des Schlachthergangs aus der Kanzlei Hunyadis dar. Als amtlicher Bericht ver- fügte er vor allen anderen Augenzeugenberichten über die größte Authenti- zität und war daher am intensivsten verbreitet. Die Höfe wetteiferten, bei der Übersendung der Siegesnachricht des Hunyadi einander zuvorzukommen'"!. In der ‚Speyerer Chronik‘ findet sich eine deutsche Übersetzung des Briefes Johannes Hunyadis an Ladislaus von Gara, den Palatin von Ungarn, datierend vom 24. Juli (c. 93). Dieses Schriftstück hat auch in der übrigen Überlieferung, die teilweise König Ladislaus Postumus als Empfänger nennt, reiche Spuren hinterlassen!!2. In der ‚Speyerer Chronik‘ folgt ein zweiter Brief mit weiteren
18 Vgl. Reissermayer, Christentag I (wie Anm. 71), S. 12f.; zum Text vgl. ebd. S. 13, Anm. 3.
199 In der Handschrift Ka findet sich auf S. 645 - 646 die Abschrift eines fliegenden Blattes mit dem Überblick über die Eroberungen Mechmeds II. seit dem Fall von Konstantinopel. Der Druck der Bulle Papst Pius’ II. von 11. November 1463, in der der Papst erneut zu einem Türkenkrieg aufrief, einen Türkenablaß verkündete und in diesem Zusammenhang auch die jüngsten türki- schen Eroberungen aufzählte, ist in Ka als S. 739-754 eingefügt: Hain (wie Anm. 71), Nr. 263.
110 Vgl. V. Zsolnay, Johannes von Hunyadi und die Verteidigung Belgrads 1456 (Phil. Diss. Mainz 1963); Johannes Hofer, Johannes Kapistran. Fin Leben im Kampf um die Reform der Kirche, 2 Bde. (Heidelberg 1964-65), hier Bd. 2, $. 355ff. Eine Zusammenstellung der Augenzeugenberichte über die Schlacht bei Belgrad bei Franz Babinger, Der Quellenwert der Berichte über den Entsatz von Belgrad am 21./22. Juli 1456 (Münchener Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. KL, Jg. 1976, H. 6, München 1957), bes. S.27ff., und bei Hofer, Johannes Kapistran I, S. 471-480, Exkurs 24.
11 Vgl. Hofer, Johannes Kapistran I (wie Anm. 110), S. 486 u. 496.
112 In der Chronik des Basler Kaplans Erhard von Appenwiler, einer historiographischen Sam- melhandschrift aus Murbach und in einer humanistischen Sammelhandschrift aus dem Besitz des Salzburger Kanzlers Bernhard von Kraiburg; vgl. Hofer, Johannes Kapistran I (wie Anm. 110), S.472£.;Sprandel, Zeitzeugen (wie Anm. 27), S. 101f. sowie die folgende Anm.
178 Birgit Studt
Nachrichten über dieses Ereignis, ausgestellt in Wien am 2. August 1456 (c. 94). In der Parallelüberlieferung wird der Domdechant Johannes Goldener zu St. Stephan in Wien als Verfasser des Briefes genannt, der an Franz Schlick, einen Domherrn in Regensburg, gerichtet ist!!?.
Im Zusammenhang mit den Ausschreiben zum Nürnberger Tag im Novem- ber 1456 wurden weitere Nachrichten über den Belgrader Sieg verbreitet. Diese Fürstenversammlung diente u.a. der Wahl eines römischen Königs, der dem Kaiser an die Seite gestellt werden sollte, da jenem Untätigkeit bei der Türkenabwehr und in der Reichsreform vorgeworfen wurde''*. Die ‚Speyerer Chronik‘ überliefert ein vom 10. September 1456 datierendes Schreiben der Kurfürsten Dietrich von Mainz, Dietrich von Köln, Friedrich von der Pfalz, Friedrich von Sachsen und Friedrich von Brandenburg, in dem sie den Kaiser zum 30. November nach Nürnberg laden, um ihm die kurfürstlichen Vorstel- lungen einer Reichsreform zu unterbreiten, die sie zur Bedingung für eine ra- sche Lösung der Türkenfrage machten (c. 103)""5. Im Anschluß folgt die Ab- schrift einer dem Brief auf einem gesonderten Zettel beigefügten Nachricht, daß die Türken vor Belgrad geschlagen worden seien. Dies wird mit der wie- derholten Aufforderung an den Kaiser verbunden, auf dem Nürnberger Tag zu erscheinen, damit gemeinsam mit ihm darüber beraten werden könne, wie der Sultan endgültig aus Europa zu vertreiben sei!’®.
113 Ygl, Hofer, Johannes Kapistran I (wie Anm. 110), S. 476. Erhard von Appenwiler, Kaplan
. am Basler Münster, hat für seine historischen Aufzeichnungen ebenfalls diese beiden Briefe über-
setzt; Basler Chroniken, Bd. 4, bearb. v. August Bern oulli (Leipzig 1890), S. 324-329. Der latei- nische Text ist in der Handschrift 45, £. 68r-v der Stadtbibliothek Colmar überliefert, in der im Auftrag des Murbacher Abtes Bartholomäus von Andlau eine Fülle von dokumentarischen Mate- rialien v.a. zur Reichsgeschichte zusammengestellt worden sind; zur Handschrift vgl. die Be- schreibung im Catalogue general des manuscrits des bibliothöques publiques de France, Bd. 57 (Paris 1969), S. 201-208, Nr. 563; Edition der Briefe durch Bernoulli, Basler Chroniken, Bd. 4, Beilage VI, S. 390-394. Zu zwei Briefen des Salzburger Kanzlers und späteren Bischofs von Chiemsee Bernhard von Kraiburg, in denen er am 25. und 26. August 1456 aus Wien dem Erz- bischof von Salzburg und seinem Protonotar Heinrich Rüger von Pegnitz einen Augenzeugen- bericht über die Entsetzung Belgrads mitteilt, vgl. Babinger, Quellenwert (wie Anm. 110), S. 34f.; Werner M. Bauer, Die Schriften des Bernhard von Kraiburg. Ein Beitrag zur Entwick- lung der frühhumanistischen Rhetorik in Österreich, in: Sprachkunst 2 (1971), S. 117-172, hier S. 153f., sowie Hofer, Johannes Capistran I (wie Anm. 110), S. 477; der vollständige Text nach dem Münchener clm 27063, einer humanistischen Sammelhandschrift, die weiteres Material über den Fall von Konstantinopel und den Entsatz von Belgrad bringt, bei Paul Joachimsohn, Bernhard von Kraiburg (Programm des Königl. Realgymnasiums Nürnberg 1901), S. 34-36: zum Inhalt der Handschrift vgl. Catalogus codicum latinorum bibliothecae regiae Monacensis, Bd. II, 3 (München 1878), S. 238.
113 Vgl. Adolf Bachmann, Die ersten Versuche zu einer römischen Königswahl unter Fried- rich IIL., in: Forschungen zur deutschen Geschichte 17 (1877), $. 275-330, hier S. 318 ff.
115 Zu diesem Schreiben vgl. Heinig, Regesten Friedrichs III. (wie Anm. 95), $. 172, Anm. 2. 116 Ed. Mone, S.414f. Zu weiteren Ausfertigungen dieses Briefes vgl. unten Anm. 267 u. 269.
Neue Zeitungen und politische Propaganda 179
Erst weitere Einfälle der Türken nach Ungarn, deren Verwüstungs- und Raubzüge 1469 und 1470 bis in die Steiermark führten und die habsburgischen Erblande bedrohten, bewegten den Kaiser zu eigenen ernsthaften Maßnah- men der Türkenabwehr. Nach einem erfolglosen Nürnberger Tag im Septem- ber 1469, auf dem der Kaiser vergeblich die militärische Unterstützung des Reiches gefordert hatte, berief er 1471 Fürsten und Städte auf einen großen Tag nach Regensburg, um mit ihnen sowohl über die Türkenfrage als auch über die Reichsreform zu beraten. Darüber hinaus gab er seinen Beschluß kund, der Regensburger Versammlung persönlich zu präsidieren''”. Die Aus- sicht auf Wiederherstellung des inneren und äußeren Friedens und einer neuen Ordnung im Reich sowie auf die persönliche Anwesenheit des Reichs- oberhauptes sorgte für eine positive Resonanz im Reich, so daß der große Regensburger Christentag von 1471 reiche Spuren in der schriftlichen Über- lieferung hinterlassen hat!!®. In der ‚Speyerer Chronik‘ ist die Beschreibung des Einzugs Kaiser Friedrichs in Regensburg am 16. Juni aus der Feder des Schreibers H überliefert (c. 273)!1%, von der Hand desselben Schreibers stammt das detaillierte Verzeichnis der in Regensburg anwesenden geistlichen und weltlichen Fürsten, Herren und Ritter, das der Sammier erst nachträglich, nach dem Bericht über Ereignisse der Jahre 1474, in seine Chronik eingefügt hat (c. 281).
Ein wichtiger Konfliktherd im Reich, der vielfältige Anstöße zur Produk- tion von amtlichem und propagandistischem Schrifttum bot, war die ehrgei- zige Territorialpolitik des pfälzischen Kurfürsten Friedrich I. des Siegreichen von der Pfalz. Eine der ersten großen Auseinandersetzungen zu Beginn seiner Regierungszeit führte er 1455 mit seinem Vetter, Herzog Ludwig von Zwei- brücken-Veldenz, der Friedrich den Lehnseid verweigert hatte!?°. Da die Stadt Speyer in diesen Kampf mit hineingezogen wurde, hat der Speyerer Sammler zahlreiche Dokumente, die im Vorfeld, während und zur Beilegung der Aus- einandersetzung zwischen den streitenden Parteien gewechselt wurden, in seine Chronik aufgenommen: Absage- und Fehdebriefe, Rechtfertigungs- schreiben und schließlich den Friedensvertrag, den Friedrich seinem Vetter
7 Vgl. Reissermayer, Christentag I (wie Anm. 71), S. 25-29; Rudolf Bemmann, Zur Geschichte des Reichstags im 15. Jahrhundert (Leipzig 1907), 8.25-29, und /senmann, Kaiser, Reich und deutsche Nation (wie Anm. 102), $. 213.
8 Vgl. Reissermayer, Christentag II (wie Anm. 71); Heinig, Regesten Friedrichs III. (wie Anm. 95), $. 23. Heinrich Waltzer hat im Zusammenhang seiner Untersuchung der Chronik des Georg Hauer von Niederaltaich auf die Rolle des Regensburger Christentages für die Ver- breitung aktueller Schriftstücke, die über die Lage der christlichen Kirche informierten, hinge- wiesen. Sie wurden zur Vorbereitung der Versammlung an prominente Teilnehmer versandt und gelangten als begehrte tagespolitische Nachrichten auf inoffiziellem Wege in die Hände inter- essierter Sammler und Chronisten; vgl. H. Waltzer, Georg Hauer von Niederaltaich, in: Archivalische Zeitschrift NF 10 (1907), S. 186-310, hier $. 256-259.
119 Zu diesem Schreiber vgl. oben bei Anm. 71. 120 Vgl. Schaab, Geschichte der Kurpfalz (wie Anm. 29), S. 177.
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diktiert hatte!?!. Spielte sich dieser Konflikt noch im territorialen Rahmen der Pfalz ab, so führte die Rivalität zwischen Markgraf Albrecht Achilles und den bayerischen Herzögen, in die sich auch Friedrich der Siegreiche ziehen ließ, zu Verwicklungen auf reichspolitischer Ebene. Wegen angeblicher Geld- und Ge- bietsforderungen wurden im Juli des Jahres 1459 von der Nürnberger Fürstenversammlung gegen den Pfälzer schwerwiegende Sanktionen ver- hängt!?. Die zahlreichen in diesem Rechtsstreit gewechselten Rechtfer- tigungs- und Propagandaschreiben, mit denen die einzelnen Parteien für ihre Rechtsansprüche und ihren Standpunkt bei ihren Bündnispartnern und in der politischen Diskussion warben, füllen zahlreiche Seiten der ‚Speyerer Chronik‘?.
Als Beispiel sei nur das vom 2. Januar 1460 datierende Zirkularschreiben Friedrichs des Siegreichen an seine Gegner in Mainz, Veldenz, Brandenburg und Württemberg genannt, in dem er seine Politik gegenüber den ungerechten Auflagen des von ihm als „blinden Spruch“ bezeichneten Urteils des Nürnber- ger Reichstags von 1459 verteidigt (c. 142). In seinem ausführlichen Recht- fertigungsschreiben spricht er Punkt für Punkt alle gegen ihn erhobenen Vor- würfe an und begegnet ihnen mit der warheit. Dazu bezieht er sich auf rich- tunge, verschribunge, gelubde vnd eyde qwit- vund verzieg-brieffe, die mit aller parthien wissen vnd willen gescheen und versiegelt worden seien, und be- schwört die Autorität und Beweiskraft derartiger Schriftstücke, die in den Archiven verwahrt seien!?, Weiter schreibt er, wenn dagegen verstoßen würde, bedeute dies ein groß swechunge und abbruche des glaubens, und daz zu wider alle menschlich vertruwen (c. 142)!5. Weiterhin überliefert der Speyerer Sammler einen Brief des Mainzer Erzbischofs Dieter von Isenburg an den Rat der Stadt Speyer vom 25. Februar 1460, der sich auf die verschie- denen Rechtfertigungs- und Propagandaschreiben Friedrichs des Siegreichen (etliche schriffte in wiederantwurts wyse uff unser antwort) bezieht, von denen
121 Mone, S. 401-404; Mone hat zahlreiche dieser Schriftstücke nicht ediert, so daß zur Er- gänzung der Abdruck der fehlenden Stücke in Kremers Urkundensammlung (wie Anm. 11) her- angezogen werden muß, auf die Mone in den Anmerkungen seiner Edition verweist.
22 Vgl, Schaab, Geschichte der Kurpfalz (wie Anm. 29), 8.178, und Mone, c. 131. 123 Mone, S. 426-439.
124 Mone, S.435, Anm., verweist auf die kurpfälzische Überlieferung im GLA Karlsruhe. Auf den Niederschlag dieses Konflikts in der reichsstädtischen Überlieferung deutet ein Briefbuch mit Dokumenten zu dem gegen die Wittelsbacher Friedrich den Siegreichen und Ludwig den Reichen geführten Reichskrieg, das in den Jahren 1459-1462 von dem Nürnberger Gerichtsschreiber Johannes Tuchscherer angelegt worden ist: Staatsarchiv Nürnberg, Rep 2 c, Nr. 208. Zum Nürn- berger Interesse an diesem Krieg vgl. unten Anm. 149.
125 Mone, 5.431 u. 433. Vgl. Kari Menzel, Regesten zur Geschichte Friedrichs 1., in: Quel- len zur Geschichte Friedrichs I. des Siegreichen Kurfürsten von der Pfalz, Bd. 1 (München 1869, ND 1969), Nr. 127, 8. 328-330. Zur weiteren Überlieferung in dieser Auseinandersetzung vgl. Gu- stav Frihr.von Hasselholdt-Stockheim, Urkunden zum Kampfe der wittelsbachischen und brandenburgischen Politik in den Jahren 1459-1465 (Leipzig 1865), Beilage XIII, S. 99-104.
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er annimmt, daß sie in Speyer bekannt geworden seien!?*. Mit diesem Schrei- ben bekräftigt Dieter seine Entschlossenheit, Friedrichs Entgegnungen auf die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen zurechtrücken zu wollen (c. 147).
Derartige Äußerungen markieren den Kulminationspunkt der publizisti- schen Auseinandersetzungen, die diesen Reichskrieg begleiteten. Der militäri- sche Höhepunkt war die Schlacht bei Pfeddersheim am 4. Juli 1460. Sie endete mit dem entscheidenden Sieg Friedrichs I., der zusammen mit seinen städti- schen Hilfstruppen eine große Kriegsbeute machen und zahlreiche Gefangene nehmen konnte. In die ‚Speyerer Chronik‘ ist der Bericht eines Speyerer Kriegsteilnehmers oder Beobachters aufgenommen, in dem nicht nur der Her- gang der Schlacht von Pfeddersheim geschildert (c. 163), sondern auch ein de- tailliertes Gefangenenverzeichnis mitgeteilt wird!”
Schließlich hat der Mainzer Bistumsstreit, in den die Auseinandersetzungen zwischen den Wittelsbachern und der kaiserlichen Partei in die Streitigkeiten um den Mainzer Erzstuhl mit hineingezogen wurden, eine besonders reiche schriftliche Überlieferung ausgelöst. Die in dieser Angelegenheit publizierten Schriften machen deutlich, daß derartige Konflikte nicht nur mit militärischen Mitteln, sondern vor allern mit den Waffen der fürstlichen Kanzleien, der Rhe- torik ihrer Schriftsätze, dem Arsenal der von ihnen gesammelten juristischen Argumente, der Überzeugungskraft der zusammengestellten dokumentari- schen Materialien und der Autorität der von den Parteien vorgewiesenen Pri- vilegien geführt wurden.
Am 21. August 1461 wurde Dieter von Isenburg von Papst Pius II. als Erz- bischof von Mainz abgesetzt und Adolf von Nassau mit dem Mainzer Erzstuhl providiert, nachdem bereits am 8. August Kaiser Friedrich III. seine Einwilli- gung in die Absetzung Dieters gegeben hatte. Den Besitz der Erzdiözese mußte sich Adolf jedoch gegen den Isenburger und seine Helfer selbst erstrei- ten. Pius II. begleitete diesen Konflikt aktiv mit einer Reihe von Schreiben und Bullen zugunsten Adolts, die z.T. selbst von jenem impetriert, z.T. von der Kurie aus eigenem Antrieb erlassen wurden'#. Der Speyerer Sammler berich- tet in einem eigenen Kapitel über die Auseinandersetzungen zwischen Adolf von Nassau und Dieter von Isenburg, die zunächst mit Hilfe der schriftlichen Propaganda geführt wurden (c. 197): Bei einem Zusammentreffen der beiden Bischöfe in Mainz ließ Adolf da sin brieffe und sin pullen lessen, die er von dem pabst und von dem keiser hette!>. Diese hatte der päpstliche Legat und Basler Domdekan Johannes Flasland am 26. September 1461 nach Mainz überbracht. Adolf berief sofort eine Versammlung des Mainzer Domkapitels ein, dem er die päpstlichen Briefe, mit denen Dieter von Isenburg abgesetzt und Adolf
16 Mone, S. 436.
177 Ka,S. 349b-352a. Kremer, Geschichte II (wie Anm. 11), Nr. 70, S. 202 - 204 hat die Liste nach einem pfälzischen Kopialbuch wiedergegeben.
128 Vgl. Dieter Brosius, Mainzer Bistumsstreit (wie Anm. 43), S. 125. !9 Mone, S.458.
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von Nassau zum neuen Erzbischof erklärt wurde, zur Kenntnis brachte'””. Zu- mindest auf das Mainzer Domkapitel hatte dies die beabsichtigte Wirkung; es inthronisierte Adolf als neuen Erzbischof. Um auch im Reich für seine Aner- kennung und Unterstützung zu werben, schrieb Adolf uß allen fursten und her- ren und stetten, und ließ auch anslagen dez babst bullen und dez keisers briff, und zoch uß in das Rinckau‘?!. Damit bezieht sich der Speyerer Chronist auf die Abschriften, die der neuernannte Mainzer Erzbischof sofort von dem kai- serlichen Mandat und den päpstlichen Urkunden anfertigen und an seine wichtigsten politischen Verbündeten schicken ließ. Vermutlich nach seiner Einsetzung am 2. Oktober ließ Adolf in der Fust-Schöfferschen Offizin in Mainz darüber hinaus Einblattdrucke nach den Originalen herstellen, die offenbar für Anschläge an den Kirchen des Mainzer Stiftsgebietes bestimmt waren!?.,
Die ‚Speyerer Chronik‘ überliefert in erster Linie die zahlreichen Propa- gandaschriften, mit denen die Stadt Speyer in dieser Stiftsfehde sowohl von kaiserlicher und päpstlicher Seite als auch von pfälzischer Seite wirkungsvoll umworben worden war!?. In der öffentlichen Meinung der Stadt tendierten bereits die ersten Reaktionen deutlich zugunsten der Kurpfalz. Als die Bann- bulle des Papstes, mit der er sich 1462 dem Kaiser anschloß, der am 21. De- zember 1461 über Friedrich den Siegreichen und den von ihm unterstützten Dieter von Isenburg die Reichsacht verhängt hatte, Ende Februar und Anfang März an die Domtür geheftet wurde, ist sie gleich darauf von Speyerer Bür- gern abgerissen worden'#. Der Speyerer Chronist berichtet weiter über diesen Propagandakrieg: In der selben zjt zwuschen wihenachten und ostern wart man- ger brieff angeslagen von dem pfaltzgraffen und dem markgraffen von Baden und dem bischoff von Meintz, der von Ysemburg, und der von Nassau. auch von dem cappittel zu Meintz'?, auch davon finden sich wiederum Abschriften in seiner Chronik.
Der Kampf um die Mainzer Erzdiözese war von großer Bedeutung für die Nutzung der Buchdruckerkunst durch die politische Propaganda, da anläßlich dieses Konflikts die streitenden Parteien erstmals die Möglichkeiten der neuen Technologie zur massenhaften Vervielfältigung der sie begünstigenden offiziellen Schriftstücke bzw. der eigenen Rechtfertigungsschreiben erkannt haben. Die im Zusammenhang mit der Stiftsfehde publizierten Schriftstücke
130 Vgl. hierzu Christian von Heusinger, Die Einblattdrucke Adolfs von Nassau zur Main- zer Stiftsfehde, in: Gutenberg-Jahrbuch 1962, S. 341- 352, hier, $. 349 f.
131 Mone, 5.4581.
132 Vgl. von Heusinger, Einblattdrucke (wie Anm. 130), S. 350. Zum Niederschlag dieser Schriften in der ‚Speyerer Chronik‘ vgl. unten Anm. 193.
13 Mone, c. 194, 195, 210-212; des weiterern Ka, S. 460b -462b sowie $. 540a-548b: abge- druckt bei Kremer, Geschichte II (wie Anm. 11), S. 240f. und S. 271 -276.
!# Vgl. Alter, Von der Konradinischen Rachtung (wie Anm. 29), S. 404. 35 Mone, c. 222,8. 470.
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können daher als die ersten Dokumente einer Kriegspropaganda gelten, die mittels der Druckerpresse geführt wurde!?*. Von dem umfangreichen schriftli- chen Ausstoß dieser Auseinandersetzungen sind sieben Aktenstücke überlie- fert, die von Adolf von Nassau in Druck gegeben worden sind. Dieter von Isenburg setzte hingegen den Druck zur Publikation einer eigenen Streit- schrift ein!3. Die ‚Speyerer Chronik‘ überliefert eine Abschrift des von Dieter von Isenburg in den Druck gegebenen und weit verbreiteten Manifests gegen Adolf von Nassau vom 30. März 1462, in dem Dieter anbot, seinen Streit vor einem Schiedsgericht austragen zu lassen. Der Vorschlag, für den prominente Ratgeber des Erzbischofs, die Juristen Gregor Heimburg und Konrad Humery, verantwortlich waren, sollte die öffentliche Meinung für Dieter ein- nehmen’.
Während sich in den diplomatischen Auseinandersetzungen das politische Ansehen der Parteien stets veränderte, hatte Friedrich der Siegreiche in der Schlacht bei Seckenheim am 30. Juni 1462 den Krieg zunächst für sich und sei- nen Verbündeten Dieter von Isenburg entschieden. Der hier errungene Presti- gegewinn wurde allerdings am 29. Oktober durch die Eroberung von Mainz durch Adolf von Nassau wieder zunichte gemacht. Der Seckenheimer Sieg be- deutete jedoch für die Politik des pfälzischen Kurfürsten einen überragenden militärischen wie diplomatischen Erfolg, da es ihm gelungen war, einige der prominentesten seiner territorialpolitischen Gegner, Graf Ulrich von Würt- temberg, den Markgrafen von Baden und seinen Bruder, den Bischof von Trier, gefangenzunehmen und hohe Lösegeldsummen für ihre Freilassung zu erpressen'?”.
16 Vgl. Erler, Rechtsgutachten (wie Anm. 43), S. 10f., und Konrad Repgen, Antimanifest und Kriegsmanifest. Die Benutzung der neuen Drucktechnik bei der Mainzer Stiftsfehde 1461/63 durch die Erzbischöfe Adolf von Nassau und Diether von Isenburg, in: Studien zum 15. Jahr- hundert. Festschrift für Erich Meuthen, hg. v. Johannes Helmrath u.a., Bd. 2 (München 1994), S. 781-803, bes. S. 782 mit Anm. 11. Vgl. dazu auch Giesecke, Buchdruck (wie Anm. 19), S. 264-266, wobei freilich zu beachten ist, daß die gedruckten Flugschriften die Diskussion nicht initiierten, sondern nur einen Funktionsausschnitt und letztlich ein Ergebnis dieser Aus- einandersetzungen darstellen.
137 Vgl]. die Beschreibung der Drucke bei Seymour de Ricci, Catalogue raisonne& des pre- mieres impressions de Mayence, 1445-1467 (Mainz 1911), 5. 84-89, Nr. 69-78;von Heusinger, Einblattdrucke (wie Anm. 130), S. 342 ff., und zuletzt Repgen, Antimanifest (wie Anm. 136), bes. 782 ff. Edition der deutschsprachigen Stücke bei Konrad Repgen, Die politischen Einblatt- drucke der Mainzer Stiftsfehde, in: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 46 (1994), S. 281-321. Repgen plädiert dafür, daß Adolfs „Antimanifest“ im Herbst des Jahres 1461 entstan- den und in den Druck gegeben worden sei und sich daher nicht auf das gedruckte Manifest Die- ters von Isenburg, sondern auf dessen offenbar nur handschriftlich verbreitetes Aussschreiben vom 1. Oktober 1461 beziehe.
138 Ka, S. 502a-514a; Nachweis des Drucks im Gesamtkatalog der Wiegendrucke, hg. v. der Deutschen Staatsbibliothek zu Berlin (GW), Bd. 1-7 (Stuttgart 21968), Bd. &ff. (Stuttgart / Berlin 1978 ff.), hier Nr. 8338, und de Ricci, Catalogue (wie Anm. 137), Nr. 78, $. 88 f.
1 Zur Schlacht von Seckenheim vgl. Christian Roder, Die Schlacht von Seckenheim in der pfälzer Fehde von 1462-63 (Villingen 1877) und Hansjörg Probst, Seckenheim. Die Geschichte eines Kurpfälzer Dorfes (Mannheim 1981), S. 376-403.
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Dies mag der Grund dafür sein, daß in der reichen zeitgenössischen Überlieferung der Seckenheimer Schlacht, die von der wittelsbachischen Partei bewußt gefördert und gesteuert wurde, Gefangenenverzeichnisse eine vorrangige Rolle spielen. Dieser Befund läßt sich mit jenen Texten erklären, die nach der Schlacht von Seckenheim von den Kanzleien der beteiligten Für- sten angefertigt und an auswärtige Helfer und Verbündete versandt worden sind. Die Gefangenenverzeichnisse wurden von der pfälzischen Kanzlei sorg- fältig geführt und in stets aktualisierten Fassungen an ihre Bündnispartner verschickt, da sie bereits aufgrund der beeindruckenden Zahl an Gefangenen des siegreichen Kurfürsten, unter denen sich neben den fürstlichen viele be- kannte adlige Namen fanden, wirkungsvoll den Erfolg der pfälzischen Partei zur Geltung brachten und damit zugleich bei den Verbündeten und potentiel- len Helfern für die pfälzische Politik warben'!®,
Für die Durchschlagskraft der wittelsbachischen Propaganda spricht die Rezeption dieser Gefangenenlisten in der zeitgenössischen Historiographie. Naheliegend ist die Verarbeitung solcher Materialien in der pfälzischen Hof- historiographie, und so finden sich Gefangenenlisten in Michel Beheims ‚Pfäl- zischer Reimchronik‘!*! und in späten Handschriften der Chronik des Matthias von Kemnat!#. Auch die ‚Speyerer Chronik‘ überliefert ein erst Ende Juli 1462 angelegtes Verzeichnis der Gefangenen von Seckenheim, das die ausführlichste Version aller Listen bietet, da inzwischen alle Gefangenen und Verwundeten vollständig erfaßt worden waren. Offensichtlich geht auch diese
0 Vgl. die Zusammenstellung und Wiedergabe der Texte bei Roder, Schlacht von Seckenheim (wie Anm. 139), S. 4-6 und 44-48. Zu den oben genannten Dokumenten kommen noch die bei Roder, S. 5f. erwähnten beiden Gefangenenlisten des Wilhelm von Rappoltstein, der unter den elsässischen und Sundgauer Kriegern an der Schlacht teilgenommen hatte, das Ver- zeichnis der Gefangenen in dem 1870 verbrannten Cod. D 43 der Straßburger Stadtbibliothek sowie die bei Probst, Seckenheim (wie Anm. 139), $. 388 erwähnte wohl älteste Gefangenenliste des Hans von Gemmingen, die noch am Abend des Schlachttages oder gleich am Tag darauf angelegt worden ist. Sie ist im Kopialbuch des Pfalzgrafen Otto von Mosbach überliefert (GLA Karlsruhe, 67/900); vgl. Friedrich von Weech, Inventare des Großherzoglich Badischen Gene- ral-Landesarchivs, Bd. 1 (Karlsruhe 1901), S. 150.
141 Michel Beheims Pfälzische Reimchronik, hg. v. Konrad Hofmann, in: Quellen zur Ge- schichte Friedrichs I. des Siegreichen Kurfürsten von der Pfalz, Bd. 2 (München 1863, ND Aalen 1969), S. 1- 258, Str. 785-828.
142 Leider sind die meisten dieser Stücke in der Edition der Chronik nicht berücksichtigt: Chronik Friedrichs I., hg. v. Konrad Hofmann, in: Quellen zur Geschichte Friedrichs I. des Sieg- reichen Kurfürsten von der Pfalz, Bd. 1, S. 1-141, Bd. 2, $. 304-315 (München 1862-63, ND Aa- len 1969); zu dieser Ausgabe vgl. Studt, Fürstenhof (wie Anm. 6), S. 70 f. Die Listen finden sich im cgm 2844, f. 59r-63 v, abgedruckt bei Frid. Chr. Jonath. Fischer, in: Novissima Scriptorum ac Monumentorum Rerum Germanicarum collectio (Halle 1781), S. 34-36, im Anhang zur Chronik in der Hornberger Handschrift F 156, 24r-27r und im cgm 1614, S. 147-152; Näheres zu den Hand- schriften, die alle aus der Mitte und 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts stammen, bei Studt, Für- stenhof (wie Anm. 6), S. 97-99, 106-108 u. 110f.
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Aufstellung auf Materialien der kurpfälzischen Kanzlei zurück!#. Die wei- teren Nachrichten des Speyerer Chronisten über die Schatzung und Freilas- sung der gefangenen Fürsten und ihrer Gefolgsleute sind so detailliert, daß sie wiederum nur auf amtlichen Quellen beruhen können (c. 236-239). Berück- sichtigt man, daß in der Kanzlei Friedrichs des Siegreichen ein eigenes Kom- pendium mit Materialien zur Schlacht von Seckenheim zusammengestellt wor- den ist!#, jäßt sich die Verwertung derartiger Dokumente in der pfälzischen Hofhistoriographie und in der ‚Speyerer Chronik‘ durch die gezielte Benut- zung von Kanzleischrifttum oder von eigens zu Zwecken der Publikation zu- sammengestellten Dossiers leicht erklären!®.
Nur wenige Tage nach der Schlacht hat Friedrichs Verbündeter, der Main- zer Erzbischof Dieter von Isenburg, in einem Brief vom 2. Juli 1462 an die Stadt Walldürn den Sieg der pfälzischen Partei geschildert und die Namen der Gefangenen aus den Reihen des Markgrafen von Baden, des Bischofs von Metz und des Grafen von Württemberg mitgeteilt. Dieses Dokument hat Heinrich Deichsler in seine Nürnberger Chronik inseriert!*, Ein weiteres, kür- zeres Schreiben, das Dieter von Isenburg noch am Tag der Schlacht dem Main- zer Provisor in Erfurt, Dr. Johann von Allenblumen, zugehen ließ, findet sich in einem Brief des Johann Heyterbach an Peter Luder aus Erfurt vom 10. Juli 1462147. Der Bericht über den sich am 18. Juli 1462 anschließenden Sieg von Friedrichs Verbündetem, Herzog Ludwig dem Reichen, bei Giengen, ebenfalls
13 Ka, S. 555a-558a. Mone hat dieses Stück nicht ediert und verweist stattdessen auf Kremer, Geschichte II (wie Anm. 11), Nr. 87, S. 277-279, der das Verzeichnis mit Lesarten aus „verschiedenen Originalreversen“ abgedruckt hat; vgl. auch Roder, Schlacht von Seckenheim (wie Anm. 139), S. 44.
14 GLA Karlsruhe 67/982; vgl.von Weech, Inventare I (wie Anm. 140), $. 158, und Manfred Krebs, Gesamtübersicht der Bestände des Generallandesarchivs Karlsruhe, 1. Teil (Stuttgart 1954), S. 205. Das Kanzleibuch enthält Materialien (Abschriften und einige Originalnotizen) über die Verhandlungen sowie Verträge mit den bei Seckenheim gefangen genommenen Fürsten von Metz, Baden und Württemberg und deren Rittern, Quittungen über erhaltene Lösegeldzahlungen in Form von eingehefteten Zetteln, Abschriften oder knappe Aktennotizen sowie Verzeichnisse der freigelassenen Gefangenen aus der Gegnerschaft Friedrichs des Siegreichen, die ihm zuvor die Treue schwören und Bürgen stellen mußten (vgl. ebd. £.32v; 371-38v).
15 Vgl. dazu auch Mone, S. 483, Anm.
146 Hg. v. Theodor von Kern, in: Die Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahrhundert, Bd. 10, (Leipzig 1872, ND 1961), S. 271-281; vgl. Schneider, Heinrich Deichsler (wie Anm. 8) S. 252, Nr. 47a; zu Deichsler und seiner außerordentlich umfangreichen historio- graphischen Materialsammlung vgl. Schneider, Heinrich Deichsler (wie Anm. 8), bes. S. 29f., 42 ff. u. 248 ff.
7 Überliefert in der Schedelschen Sammelhandschrift cim 215, 254r-v; Druck bei Joseph Chmel, Bericht über eine von ihm im Frühjahr und Sommer 1850 unternommene literarische Reise, in: Sitzungsberichte der k. Ak. d. Wiss., Phil.-hist. Cl, Bd. 5 (Wien 1850), S. 696 f., und Wil- helm Watrenbach, Peter Luder, der erste humanistische Lehrer in Heidelberg, in: ZGO 22 (1869), S. 33-127, hier S. 123. Zur Handschrift vgl. Agostino Sottili, I codici del Petrarca nella Germania occeidentale III, in: Italia medioevale e umanistica 12 (1969), S. 335 - 476, hier S. 364 - 382.
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mit einem Verzeichnis der gefangenen Ritter und Adligen, ist offenbar zusam- men mit den die Seckenheimer Schlacht betreffenden Schriften durch die pfäl- zische Kanzlei in Umlauf gebracht worden!®, da sie im Zusammenhang mit je- nen ebenfalls in den Nürnberger Jahrbüchern des Heinrich Deichsler über- liefert sind!#. Alle diese in verschiedenen Fassungen kursierenden Verzeich- nisse zeigen aufgrund von Abweichungen und verschiedenen Lücken einen unterschiedlichen Bearbeitungsstand. Grund dafür war, daß sie in stets aktua- lisierter Form neu herausgegeben wurden, wenn die Gefangenen in den Tagen nach der Schlacht erst nach und nach in Heidelberg eintrafen!?°. Gerade dieser Sachverhalt dokumentiert, wie intensiv bereits das Instrument der schrift- lichen Verwaltung in derartigen Konflikten zu Zwecken der politischen Pro- paganda genutzt worden ist.
Die Weißenburger Affäre und der Veldenzer Krieg (1469-71) Friedrichs des Siegreichen haben eine vergleichbar rege Schriftproduktion ausgelöst. Die ‚Speyerer Chronik‘ spiegelt wie die pfälzische Hofhistoriographie wie- derum die von der kurpfälzischen Kanzlei gesteuerte Überlieferung. Ein höchstwahrscheinlich von der pfälzischen Kanzlei in Umlauf gesetztes Schrei- ben, in dem die Eroberungen Friedrichs des Siegreichen im Veldenzer Krieg 1471/72 und die am 2. September 1471 wohl in Mannheim mit Herzog Ludwig von Veldenz ausgehandelten Friedensbedingungen bekannt gemacht werden
48 In der ‚Speyerer Chronik‘ ist der Brief Herzog Ludwigs des Reichen an Friedrich den Sieg- reichen überliefert, Datum in dem felde an dem mantag vor sant Maria Magdalenen dag [2]. Juli] anno etc. 62, in dem dieser über seinen Sieg bei Giengen und seine Gefangenen berichtet. Die ge- nauen Angaben und Zahlen könne er ihm noch nicht mitteilen, vertröstet ihn aber auf ein beson- deres Schreiben: wie aber wie vil sie habent wr uch also eygentlichen nit verschriben und eigent- lichen nit verkunden; wir wollent uwer lib daz in kurtz und klerlichen und eygentlichen verschriben und zwiffelt [nit], ir werdet solichs von uns und was glucks zustat, gern und mit freiden wol ver- nemen (Mone, S. 473). Ungeachtet der Ankündigung einer ausführlicheren Aufstellung hat die pfälzische Propaganda aber nicht gezögert, mit diesem vorläufigen Bericht, der die Nachricht von ca. 1000 Gefangenen und 600 Gefallenen aus den Reihen ihrer Gegner enthält, für den Kriegs- erfolg ihres Verbündeten zu werben.
19 „on Kern (wie Anm. 146), S. 266-269; vgl. ebd. S. 266, Anm. 3, und Schneider, Hein- rich Deichsler (wie Anm. 8) S. 252, Nr. 45. Das rege Nürnbergische Interesse an der zum Reichs- krieg ausgeweiteten Mainzer Stiftsfehde ist durch die Gegnerschaft der Reichsstadt zum Branden- burger Markgrafen Albrecht Achilles zu erklären, die Nürnberg zu einem natürlichen Verbünde- ten der Wittelsbacher und des Landshuter Herzogs machte; vgl. Heinrich Schmidt, Die deut- schen Städtechroniken als Spiegel des bürgerlichen Selbstverständnisses im Spätmittelalter (Göttingen 1958), S. 40.
150 Vgl.von Kern (wie Anm. 146), S. 274, Anm. 2, sowie Roder, Schlacht von Seckenheim (wie Anm. 139) S. 44, der einige Belege aus der Überlieferung bringt: Es kommen alle tag gefan- gene mer, die sich stellen, die wir nit alle benennen kunnen (Schluß des Mainzer Verzeichnisses) oder: Item die edeln, die hartwund und bei den erczten ligen, sint hie inen nit geschriben (Explicit der pfälzischen Liste).
153 vgl. RTA 22, 1 (wie Anm. 51), Einleitung S. 124-141; speziell zur Rolle der höfischen Ge- schichtsschreibung vgl. Constanze Proksch, Klosterreform und Geschichtsschreibung im Spät- mittelalter (Köln / Weimar / Wien) 1994, S. 95-102.
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sollten’, ist in der ‚Speyerer Chronik‘ durch den Schreiber H überliefert!>?. Von derselben Hand stammt die anschließende Namensliste der Gefangenen, die Friedrich der Siegreiche in den gesamten Feldzügen während des Velden- zer Krieges gemacht hat!‘ Sie ist nicht allein nach den einzelnen Kriegsschau- plätzen angeordnet, sondern darüber hinaus ständisch gegliedert, indem sie die Gefangenen nach Edlen und Knechten unterscheidet und die jeweiligen Hauptleute nennt. Darüber hinaus sind die Anführer der pfälzischen Truppen, die den jeweiligen Sieg errungen haben, eigens vermerkt (c. 280).
Diese Redaktionsform eines amtlichen Schriftstücks kann als Indiz für seine beabsichtigte propagandistische Funktion gelten, da es geeignet war, mit der detaillierten Dokumentation der einzelnen kriegerischen Erfolge des Pfalzgrafen unter seinen Standesgenossen für die erfolgreiche pfälzische Poli- tik zu werben. Während das Verzeichnis von der zeitgenössischen Historio- graphie als wertvolles historisches Informationsmaterial diente, haben es die Heidelberger Hofhistoriographen in erster Linie in ihre Werke aufgenommen, um damit die panegyrischen und legitimatorischen Ziele ihrer Arbeit zu un- terstützen!*%.
Die Wirksamkeit und Reichweite der pfälzischen Propaganda läßt sich am Beispiel jener Schriftstücke verfolgen, die im Umfeld des Augsburger Reichs- tags von 1474 überliefert worden sind!”. In die ‚Speyerer Chronik‘ ebenso wie in die des Matthias von Kemnat sind nämlich Dokumente inseriert, die die Bedeutung des politischen Prozesses, den der Kaiser in Augsburg gegen Fried- rich den Siegreichen geführt hat, aus pfälzischer Perspektive schildern'®. Im
132 Vgl. Menzel, Regesten (wie Anm. 125), Nr. 328, S. 468. Der Vertrag ist abgedruckt in den RTA 22, 1 (wie Anm. 51), Nr. 77 a, $. 241-243.
13 Mone, c. 278 f. Zur Hand H vgl. oben Anm. 71. In Ka, S. 671-675 ist dieses Stück ohne Absatz geschrieben; dies könnte auf eine zusammenhängende Vorlage deuten.
154 Dieser Schreiber erweist sich als Spezialist für Namens- und Präsenzlisten; er hat auch das Verzeichnis der Anwesenden auf dem Regensburger Christentag des Jahres 1471 geliefert (Ka, S. 685-698; Mone, c. 281).
155 In der Sammlung des bereits genannten Nürnberger Chronisten Heinrich Deichsler findet sich eine ähnliche Aufstellung wie die Liste in der ‚Speyerer Chronik‘; von Kern (wie Anm. 146), S. 320-325; vgl. Schneider, Heinrich Deichsler (wie Anm. 8), S. 253, Nr. 58.
16 Matthias von Kemnat, ed. Hofmann (wie Anm. 142), S. 51-67, und Beheim, ed. Hof- mann (wie Anm. 141), Str. 1149, 1154£. u. 1175; vgl. dazu auch Studt, Fürstenhof (wie Anm. 6), S. 398.
17 Janssen, Frankfurts Reichscorrespondenz II, 1 (wie Anm. 94), $. 317-349 hat die Schrif- ten, die zum Augsburger Reichstag im Archiv der Reichsstadt Frankfurt überliefert sind, abge- druckt.
158 Mone hat in seine Edition die beiden diesbezüglichen Dokumente, die in der Handschrift Ka, $. 711-715 u. 716-719 überliefert sind, nicht aufgenommen. Vgl. daher Kremer, Geschichte I (wie Anm. 11), S. 497-500 u. $. 501-501, sowie Menzel, Regesten (wie Anm. 125), Nr. 356f. Auch in der Ausgabe der Chronik des Matthias von Kemnat sind diese Passagen nicht berück- sichtigt worden, obwohl sie sich in fast allen mittelalterlichen Textzeugen der Chronik finden; vgl.
gms.
188 Birgit Studt
Mittelpunkt des Prozesses stand die Frage der Rechtmäßigkeit von Friedrichs Nachfolge im Pfälzer Kurfürstentum, da der Kaiser — im Gegensatz zu den an- deren Kurfürsten und dem Papst - die von den gelehrten pfälzischen Räten gefundene Rechtskonstruktion, aus der Friedrich seine Legitimation ableitete, nie akzeptiert hatte. Die daraus resultierenden Spannungen zwischen dem Kaiser und dem Pfalzgrafen wurden zusätzlich durch politische Gegensätze zwischen Reichs- und habsburgischen Hausmachtinteressen Friedrichs II. und der expansiven Territorialpolitik Friedrichs des Siegreichen noch ver- stärkt/5®. Nach dem Weißenburger und dem Neußer Krieg hatten sich die Gegensätze derartig verschärft, daß der Kaiser 1474 dem unbotmäßigen Pfalz- grafen den Prozeß machte.
In die Chronik des Matthias von Kemnat ist eine Abschrift des Rundschrei- bens vom 12, Juni 1474 inseriert, das Friedrich, nachdem das Reichsgericht ge- gen ihn die Reichsacht verhängt hatte, an zahlreiche Reichsstände schicken ließ, um mit juristischen und historischen Argumenten seine Politik und die Legitimität seiner Stellung als Kurfürst des Reiches zu verteidigen!‘". Derar- tige Schriftsätze waren von den pfälzischen Juristen erarbeitet und durch die kurfürstliche Kanzlei publiziert worden, um bei den Reichsständen für Ver- ständnis und Unterstützung des pfälzischen Standpunkts zu werben'‘. Zu die- ser publizistischen Kampagne gehörte auch das Vergleichsprojekt, das am 23. August 1474 auf dem Augsburger Reichstag von kaiserlichen Räten und unter Mitwirkung von Verbündeten der Pfalz, Herzog Ludwigs dem Reichen von Bayern-Landshut und dem Bischof von Ausgburg, ausgehandelt und fixiert worden war. Der Text ist in der ‚Speyerer Chronik‘, und zwar durch den Schreiber H, daneben auch in der Chronik des Matthias von Kemnat überlie- fert!2. Die Bedingungen des Kaisers zur Anerkennung der Arrogation waren
beispielsweise die Handschrift der BN Paris, Ms. all. 85, f. 77v-83r, 83r-84v, 84v-86r. Zum Pro- zeß vgl. Karl Friedrich Krieger, Der Prozeß gegen Pfalzgraf Friedrich den Siegreichen auf dem Augsburger Reichstag vom Jahre 1474, in: Zeitschrift für historische Forschung 12 (1985), S. 257-286, sowie die bei Krieger, Prozeß, S. 2571., Anm. 3 genannte Literatur.
159 Vgl. Rolf, Kurpfalz (wie Anm. 29), S. 43 -46 u. 114, und Krieger, Prozeß (wie Anm. 158), S. 259.
160 Druck des Briefes bei Kremer, Geschichte II (wie Anm. 11), Nr. 181, S. 487-496 mit Nachweis dieses Textes nur bei Matthias von Kemnat; vgl. Menzel, Regesten (wie Anm. 125), Nr. 354, S. 485-491; Rolf, Kurpfalz (wie Anm. 29), S. 44f., und Krieger, Prozeß (wie Anm. 158), S. 265, Anm. 30. Vgl. demgegenüber den Bericht der Frankfurter Gesandten bei Janssen, Frankfurts Reichscorrespondenz II, 1 (wie Anm. 94), Nr. 478 u. 479.
151 Janssen, Frankfurts Reichscorrespondenz I, 1 (wie Anm. 94),$.338 Anm. * verweist auf die Überlieferung der pfälzischen Korrespondenz im Frankfurter Stadtarchiv. Buchner, Stel- lung (wie Anm. 45), S. 86f. vermutet, daß Matthias Ramung als Leiter der kurpfälzischen Kanzlei erheblichen Anteil an diesen Schriftstücken hatte, die den Pfalzgrafen als unschuldig Verfolgten hinstellen sollten.
162 Ka, S. 711-715. Der gleiche Text in der Chronik des Matthias von Kemnat im Pariser Ms. all. 85, f. 83r-84v.
Neue Zeitungen und politische Propaganda 189
zwar gegenüber den zuvor gestellten ein wenig abgemildert, aber noch immer zu weitreichend, um von dem Pfälzer bedingungslos angenommen werden zu können. In der ‚Speyerer Chronik‘ und bei Matthias von Kemnat folgt daher unmittelbar auf den Text des Vergleichs die Abschrift eines an Ludwig den Reichen gerichteten offenen Briefes vom 5. Oktober 1474, in dem der Kur- fürst seine Gründe darlegt, aus denen er den Augsburger Vergleich nicht akzeptieren könne!®.
Die Rezeption dieser Schriften in der zeitgenössischen Historiographie zeigt, daß die pfälzische Kanzlei dafür Sorge getragen hat, die Rechtsposition und Stellungnahmen des Hofes unter den Reichsständen zu publizieren und weiterverbreiten zu lassen. Die Chronik des Heidelberger Hofkaplans Matthias von Kemnat gibt ein getreues Spiegelbild dieses Standpunkts, da hier alle Dokumente, die die pfälzische Rechtsauffassung in dieser Auseinander- setzung illustrieren und gegenüber den Zeitgenossen legitimieren sollen, zusammengestellt sind. Die Kopie dieser Schriftsätze durch H, vermutlich den Speyerer Ratsboten Thoman Thöringberg!*, und ihre Aufnahme in die ‚Speyerer Chronik‘ machen deutlich, daß die pfälzische Propaganda auch außerhalb der Hofkreise auf Resonanz gestoßen ist.
Neben der latenten Türkengefahr und den vielfältigen inneren Konflikten des Reiches haben zusätzlich Ereignisse und repräsentative Akte großen Wi- derhall in der zeitgenössischen Berichterstattung gefunden, in denen sich die Institution des Kaisertums Friedrichs III. und seine Herrschaft im Reich auf augenfällige Weise manifestierten. Die herrschaftsstabilisierende Funktion derartiger symbolträchtiger zeremomieller Handlungen ist nicht gering einzu- schätzen, denn das Bedürfnis nach einem präsenten und starken Reichsober- haupt war in der Zeit der langen Abwesenheit Friedrichs II. im Reich keines- wegs gesunken, sondern artikulierte sich angesichts der vielfältigen äußeren Bedrohungen wie beispielsweise der burgundischen Expansion unter dem ehrgeizigen Herzog Karl dem Kühnen im Westen des Reiches bei entspre- chenden Gelegenheiten immer deutlicher!‘. Kaiser Friedrich III. hat während seiner späteren Regierungszeit in Appellen an das Reich die Christenheit und die ‚Deutsche Nation‘ zunehmend als politische Leit- und Handlungsbegriffe
ı63 Ka, S. 716-719, wiederum von der Hand H; in der Pariser Handschrift (Ms. all. 85) der Matthias-Chronik, f. 84v -86r.
16 Vgl. oben Anm. 71.
155 Vgl. G. Franz, Die Bedeutung der Burgunderkriege für die Entwicklung des deutschen Nationalgefühls, in: Jahrbuch der Stadt Freiburg im Breisgau 5 (1942), S. 161-174; Alfred Schröcker, Die Deutsche Nation. Beobachtungen zur politischen Propaganda des ausgehen- den 15. Jahrhunderts (Lübeck 1974), S. 41-44. Zur zeitgenössischen Gleichsetzung der Begriffe Nation und Reich vgl. Ernst Schubert, König und Reich. Studien zur spätmittelalterlichen Ver- fassungsgeschichte (Göttingen 1979), S. 240 -243.
190 Birgit Studt
aktiviert, um zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen tatsächliche oder ver- meintliche Gegner des Reiches zu mobilisieren’.
Bereits der Romzug und die Kaiserkrönung Friedrichs III. im Jahre 1452 waren auf großes Interesse der zeitgenössischen Beobachter gestoßen. Von keiner anderen Romfahrt und Kaiserkrönung sind so viele ausführliche Be- schreibungen überliefert wie von dieser!#. Unter ihnen hat der autobio- graphische Reisebericht des Niklas Lankmann, eines Gesandten Friedrichs IIT., der zu Heiratsverhandlungen mit der Schwester König Alfons’ von Portu- gal nach Lissabon gereist und von dort aus die Braut nach Rom begleitet hatte, die wohl intensivste Rezeption sowohl in der handschriftlichen als auch in der Drucküberlieferung gefunden. Seine Beschreibung der Brautfahrt und Kaiser- krönung Friedrichs III. durch Papst Nikolaus V. in Rom am Sonntag Laetare des Jahres 1452 zeichnet sich durch detaillierte Schilderungen von Empfangs- feierlichkeiten, Aufzügen, Kleidung und des gesamten höfischen Zeremoniells aus; im Mittelpunkt stehen die Ordnung für den Einzug des Kaisers, der Kai- serin Eleonore und ihres Gefolges nach Rom sowie ein Verzeichnis mit den Namen derer, die nach der Kaiserkrönung durch Friedrich II. auf der Tiber- brücke zu Rittern geschlagen worden sind!®. In der ‚Speyerer Chronik‘ findet sich das Verzeichnis über Friedrichs Gefolge, das ihn auf seinen Romzug be-
166 Vgl, Schröcker, Deutsche Nation (wie Anm. 165), S. 33, 41 u. passim; Ulrich Nonn, Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation. Zum Nationenbegriff im 15. Jahrhundert, in: Zeit- schrift für historische Forschung 9 (1982), S. 129-142, bes. S. 141; /senmann, Kaiser, Reich und deutsche Nation (wie Anm. 102), S. 163-167; Peter Moraw, Bestehende, fehlende und heran- wachsende Voraussetzungen des deutschen Nationalbewußtseins im späten Mittelalter, in: Ansät- ze und Diskontinuität deutscher Nationenbildung im Mittelalter, hg. v. Joachim Ehlers (Sigma- ringen 1989), S. 99-120, bes. S. 118£.; Claudius Sieber-Lehmann, „Teutsche Nation“ und Eid- genossenschaft. Der Zusammenhang zwischen Türken- und Burgunderkriegen, in: HZ 253 (1991), S. 561-602, bes. $. 565-573, und Heinz Thomas, Das Identitätsproblem der Deutschen im Mit- telalter, in: GWU 43 (1992), S. 135-156, bes. S. 153.
167 Vgl. dazu Johannes Martens, Die letzte Kaiserkrönung in Rom, 1452 (Leipzig 1900), $. 21£. mit Anm. 1, Ottokar Lorenz, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter seit der Mitte des 13. Jahrhunderts, Bd. 2 (Berlin ?1887), S. 303-308, und Alfons Lhotsky, Quellenkunde zur mittelalterlichen Geschichte Österreichs (Köln / Graz 1963), S. 361-364.
168 Vgl. Paul Viblein, Lankmann, Niklas, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Ver- fasserlexikon, hg. v. Kurt Ruh u.a., Bd. 5 (Berlin / New York 1985), Sp. 603-607, zur hand- schriftlichen und Drucküberlieferung vgl. ebd., Sp. 605f. Ausgabe bei Hieronymus Pez, Scripto- res rerum Austriacarum 2 (1725), S. 561-570. Eine deutsche Übersetzung des Textes wurde unter dem Titel ‚Der aus zug von Teütschen landen gen Rom‘ im Jahre 1503 von Hans Otmar in Augs- burg gedruckt (benutztes Ex. der SB München, Res. 4° J. publ. g 1241, 15). Eine gekürzte, auf den Romzug Friedrichs abgestellte deutsche Fassung dieses Berichts ist früher dem österreichischen Adligen Caspar Enenkel, der Friedrich nach Rom begleitete, zugeschrieben worden; vgl. Peter Johanek, Enenkel, Caspar, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, hg. v. Kurt Ruh u.a., Bd. 1 (Berlin / New York 1978), Sp. 523; abgedruckt als ‚Hodoeporicon Friderici III. pro corona adipiscenda anno MCCCCLII ab anonymi quodam eius comitatu lingua germanica tunc temporis usitata conscriptum‘ ist sie bei Stephan Alexander Würdtwein, Subsidia diplomatica ad selecta ecclesiastici Germaniae et Historiarum capita elucidanda, t. XI (Frank- furt / Leipzig 1778, ND 1969), S. 4-37; vgl. dazu weiter unten Anm. 170.
Neue Zeitungen und politische Propaganda 191
gleitete (c. 45 £.), und die Ordnung für den Einzug in Rom (c. 47). Diese aus- führlichen, ständisch geordneten Teilnehmerverzeichnisse sind in zahlreichen Fassungen überliefert - entweder separat!® oder im Zusammenhang mit ei- nem Bericht über die Romfahrt Friedrichs IT”.
Die Zusammenkunft Kaiser Friedrichs III. mit dem burgundischen Herzog Karl dem Kühnen zu Trier im Oktober und November des Jahres 1473 war ein weiteres spektakuläres Ereignis von reichspolitischer Bedeutung, das aller- dings weniger vom Kaiser als vom burgundischen Herzog zur Demonstration von Macht, Prestige und höfischem Glanz genutzt worden war. Gleichwohl hat es im Reich die Aufmerksamkeit in hohem Maße auf sich gezogen. Das Inter- esse der Berichterstatter galt weniger dem Inhalt der Verhandlungen, bei de- nen es um die Verheiratung der burgundischen Erbtochter Maria mit Fried- richs III. Sohn Maximilian und die Erhebung Karls des Kühnen zum Römi- schen König bzw. die Schaffung eines burgundischen Königreichs ging!”', son- dern dem festlichen Rahmenwerk und der nach außen entfalteten Dramatur-
169 Im Cod. germ. 6 der Staats- und UB Hamburg findet sich dieselbe Fassung wie in der ‚Speyerer Chronik‘; abgedruckt nach dieser Handschrift bei J. G. Büsching, Wöchentliche Nachrichten für Freunde der Geschichte 1 (1821), S. 125, 159, 206 u. 282.
1% So beispielsweise im Anhang zur Chronik des Augsburger Ratsherrn Hektor Mülich, in dem sie zusammen mit anderen Schriftstücke dokumentarischen Charakters als Belege für das in der Chronik Berichtete zusammengestellt sind; vgl. Die Chronik des Hector Mülich 1348-1487, hg. v. Friedrich Roth (= Die Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis zum 16. Jahrhundert 22, Leipzig 1892, ND 1965), S. XLL£. u. 279. Der Text ist ebd. S. 307-328 als Beilage X abgedruckt: zu den anderen Dokumenten vgl. ebd. S. 277f. Hinzu kommen beispielsweise Colmar, Bibliotheque de la Ville, Cod. 45, f. 35r-38r (zu diesem Kodex s. oben Anm. 113) und der bereits genannte (vel. Anm. 97 u. 105) Münchener clm 9503, f. 3421-358r. Beide Sammelhandschriften überliefern u.a. zahlreiche Schriften zur Türkengefahr, so daß die von den Zeitgenossen aufmerksam beobachtete und protokollierte Zeremonie des Ritterschlags durch Friedrich III. möglicherweise schon mit Kreuzzugsplänen gegen die Türken in Verbindung gebracht worden ist; vgl. dazu die Über- legungen von Heinrich Koller, Der St. Georgs-Ritterorden Kaiser Friedrichs III., in: Die geist- lichen Ritterorden Europas, hg. v. Josef Fleckenstein / Manfred Hellmann (Sigmaringen 1980), S. 417-429, hier S. 422f. Weiterhin findet sich der Bericht über Romzug und Kaiserkrönung im Münchener cgm 276, f. 1r-6v u. 7r-18r sowie in cgm 5482, f. 68r-99r; zu dieser Handschrift vgl. weiter unten Anm. 233. Im cgm 1586, einer im Jahre 1510 in Tegernsee zusammengestellten historiographischen Sammelhandschrift, in die Originalausfertigungen von päpstlichen Bullen, kaiserlichen Briefen und Ausschreiben der bayerischen Herzöge mit eingebunden sind, steht der Text f. 151r-156v in engem Zusammenhang mit Schriften über die Juden und Türkengefahr; zum weiteren Inhalt dieser Handschrift vgl. Chmel, Bericht (wie Anm. 147), S. 612-619, und Schottenloher, Flugblatt und Zeitung (wie Anm. 18), $. 153f.; vgl. auch unten bei Anm. 244.
1 Vgl. Franz Lindner, Die Zusammenkunft Kaiser Friedrichs III. mit Karl dem Kühnen von Burgund im Jahre 1473 zu Trier, Diss. phil. Greifswald (Cöslin 1876); Gottlieb Krause, Beziehungen zwischen Habsburg und Burgund bis zum Ausgang der Trierer Zusammenkunft im Jahre 1473, Diss. phil. Göttingen (Graudenz 1876), S. 46if.; Karl Rausch, Die Burgundische Heirat Maximilians I. (Wien 1880), S. 81-96; Adolf Bachmann, Deutsche Reichsgeschichte im Zeitalter Friedrich III. und Max I., Bd. 2 (Leipzig 1895, ND Hildesheim / New York 1970), S. 421-438; Hermann Heimpel, Karl der Kühne und Deutschland, in: Elsaß-Lothringisches Jahrbuch 21 (1943), S. 1-54, hier $S. 13-38; Vaughan, Charles the Bold (wie Anm. 40), S. 140-155.
192 Birgit Studt
gie der Verhandlungen. Der nach höchsten Ehren strebende burgundische Herzog setzte die öffentliche Demonstration seines ungeheuren Reichtums durch kostbare Kleidung und Juwelen, die er und sein Gefolge bei seinem Ein- zug, bei Aufzügen, Empfängen, Messen, Gastmählern und Turnieren trugen als propagandistisches Mittel ein, um seine politischen Ansprüche wir- kungsvoll zu unterstreichen!”. Die zahlreichen Schilderungen bestätigen, daß dies eine ungeheure Faszination auf die anwesenden Teilnehmer ausübte. Hinzu kommt, daß die politischen Verhandlungen äußerst geheim gehalten wurden, so daß nur Aufzeichnungen und Berichte der Quartiermacher, Herolde, Gesandten und fürstlichen Sekretäre über den äußeren Rahmen und zeremoniellen Ablauf der Verhandlungen überliefert sind'”°, die gleichwohl von der zeitgenössischen Chronistik begierig rezipiert wurden.
Ein solcher Bericht ist der ‚Libellus de magnificentia ducis Burgundiae‘, in dem das Gastmahl, das Karl der Kühne in der Abtei St. Maximin dem Kaiser und seinem Gefolge gegeben hat, als einer der glänzendsten Höhepunkte der Zusammenkunft geschildert wird. Dieser ‚Libellus‘ war in zahlreichen lateini- schen, deutschen und niederländischen Fassungen weit verbreitet und wurde von vielen Chronisten kopiert!”*, Nikolaus Gerung von Blauenstein, der Ka- plan des Bischofs von Basel, beispielsweise schildert in seiner F ortsetzung der ‚Flores temporum‘ die Trierer Ereignisse und verweist gleichzeitig auf den ‚Libellus de magnificentia ducis Burgundie‘, den er am Anfang seiner Hand- schrift kopiert hatte!”5. Für den Basler Geschichtsschreiber Johannes Knebel diente er u.a. als Quelle seines ‚Diariums‘ der Jahre 1473--7917%,
2 Vgl. Vaughan, Charles the Bold (wie Anm. 40), S. 145.
'3 Vgl. Bachmann, Reichsgeschichte II (wie Anm. 171), S. 422£., Anm. 1. Ein Beispiel fü a der protokollarischen Berichterstattung sind die Aufzeichnungen über en Far eg die Johannes Gensbein, der langjährige Schreiber des Grafen Philipp von Katzen- w IE Meet angefertigt und dann auch in seinen eigenen Kollektaneen verwertet nase en & i erichtet: Daz ich Johannes Genßbeyn vurg. gesene und mit gewest bynne, von in m € a en hern von Katzenelnbogen und myner herschaff uff geschrieben s ” e und mir diesße abeschriefften, wie sie alle her naich geschrieben steet, eyns naich
u eo folgende y5 behalden hane, zitiert nach Arthur Wyss, Eine Limburger Hand- ee en 7 (1882), S. 569-584, hier S. 574. Zu Gensbein und seiner historisch- en = an ung vel. unten Anm. 183. Eine andere Beschreibung, die ein Begleiter des ee ainz in zwei Briefen geliefert hat, ist ediert bei Ludwig Bertalot, Ein neuer
richt ü er die Zusammenkunft Friedrichs III. und Karls des Kühnen zu Trier 1473, in: West- deutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst 30 (1911), S. 419-430. er
174 Vgl. Basler Chroniken, Bd. 3, hg. v. Wi Vis inzi ‚Bd. 3, hg. v. Wilhelm Vischer (I 7 -339: ” e hs u EN er r (Leipzig 1887), S. 332 - 339; Parallel
75 Basler Chronik ; dic Einleitung $. un en, Bd. 7, hg. v. August Bernoulli (Leipzig 1915), S. 68f.; vgl. auch die
176 H . £ en Bd. 2, hg. v. Wilhelm Vischer / Heinrich Boos {Leipzig 1880), a = x re Re Basler Domprobstei und Notar der neugegründeten Universität gl. Guy P. Marchal, in: Die deutsche Literatur des Mittelalt fas- serlexikon, hg. v. Kurt Ruh u.a., Bd. 4 (Berlin / New York 1983), Sp. 1OT-1274. on
Neue Zeitungen und politische Propaganda 193
Der Speyerer Sammler ist in den Besitz einer Schilderung der Trierer Zu- sammenkunft gelangt, den eine Ulmer Gesandtschaft in Trier angefertigt und mit nach Hause gebracht hatte (c. 282)'””. Auch dieser Bericht schildert den Einzug von Kaiser und Herzog in Trier und das große Festmahl. Beeindruckt durch die prunkvolle Erscheinung des burgundischen Hofstaates wird die große Anzahl des reich gekleideten Gefolges betont, das aus 500 Bogen- schützen, 250 Kürassieren, 15 Herolden und 16 Musikanten bestanden habe. Außerdem wird notiert, daß Karl Tücher und Teppiche mitgebracht habe, um seine Aufenthaltsorte zu schmücken. Besonders detailliert wird die Ausstat- tung der Kirche geschildert, in der Karl die Festmesse feiern ließ. Die ganze Kirche sei mit reich verzierten gewirkten Tüchern ausgehängt gewesen, die im Chor mit einem besonderen Bildprogramm versehen waren: das lijden und der gantz passion Christi. da waren auch thucher mit der hystorien Troyana, gar kostliche gewirkt!”. Der mitgebrachte Altar war u.a. mit 12 Standbildern der Apostel geschmückt, die aus Gold und Edelsteinen gefertigt waren; ihr Wert wurde von den Ulmern auf 700000 Gulden geschätzt. Ohnehin hatten die zahlreichen Preziosen und Juwelen, die Karl zur Schau stellte, bei allen Beob- achtern tiefen Eindruck hinterlassen: Item der hertzog was allen tag so kostlich becleit, daß es nymantz mag erschetzen'”. Die Beschreibung des anschließen- den Mahles wird von der genauen Wiedergabe der Tischordnung bestimmt; darüber hinaus finden die 33 verschiedenen Gänge und das kostbare Tafelsil- ber und Geschirr bewundernde Beachtung".
IV. Typen der in historiographischen Zusammenhängen rezipierten Texte
Das weite Spektrum von Dokumenten, die in verstärktem Maße seit der Mitte des 15. Jahrhunderts zu den verschiedensten politischen Anlässen her- gestellt und publiziert wurden und die der Speyerer Sammler aufgegriffen und in seine chronologisch und zeithistorisch orientierte Chronik inseriert hat, um-
17 Jtem solchs han gesehen Jacob Ehinger burgermeynster der stat Ulme und Lenhart Bitterlin ratherre daselbs mit iren knechten, und habent solchs zum geringsten uff gezeichnet und daz also be- schrieben mit ine heyme gefurte, Mone, S. 510.
138 Mone, S. 509. Ähnlich lautet die Beschreibung des Bildprogramms in der Fortsetzung der Augsburger Chronik Siegmund Meisterlins durch Konrad Bollstatter im Münchener cgm 213, f. 264v-265r; vgl. dazu Dieter Weber, Karlder Kühne in der Meisterlin-Fortsetzung des Konrad Bollstatter (aus Cgm 213), in: Porta Ottoniana. Beträge zur fränkischen und bayerischen Landes- geschichte. Otto Meyer zum 80. Geburtstag gewidmet, hg. v. Harald Parigger (Bayreuth 1986), S. 138-159, hier S. 145.
19 Mone, S.510. 1° Besonders detailliert wird das Bankett im Brief einer Frankfurter Gesandtschaft, in der ‚Österreichischen Chronik‘ des Jakob Unrest sowie in Konrad Bollstatters Fortsetzung von Mei- sterlins Augsburger Chronik geschildert; vgl. K.Schellhass, Eine Kaiserreise im Jahre 1473, in: Archiv für Frankfurts Geschichte, 3. Folge 4 (1893), S. 161-211, hier S. 193; Jakob Unrests Österreichische Chronik, hg. v. Karl Großmann (= MGH SS rer. Germ. NS 11, Weimar 1957), S.39£.,sowie Weber, Karl der Kühne (wie Anm. 178), S. 145.
194 Birgit Studt
faßt eine erstaunlich große Vielfalt von Texttypen. Gemeinsam ist ihnen allen jedoch ein wichtiger Funktionsbereich: Obwohl sie als amtliche, offizielle oder offiziöse Aufzeichnungen, Verlautbarungen oder Stellungnahmen zu fest um- rissenen Zwecken konzipiert und primär an individuelle Empfänger oder be- stimmte Institutionen gerichtet waren, war ihre sekundäre Verbreitung über einen engeren Kreis von Benutzern hinaus in der Regel von vornherein mitge- plant. Aufgrund ihrer intendierten Publizität dienten sie in erster Linie propagandistischen Zielen, der Werbung für das herrschaftliche Renomm&
für ‚diplomatische Standpunkte, politische Ziele und Ansprüche durch die gezielte Verbreitung von Informationen über bereits geschaffene, bedeutungs- und wirkungsvolle Tatsachen: Eroberungszüge, Schlachtensiege beein- druckende Zahlen von Gefallenen und Gefangenen!®'. Obwohl die meisten dieser Texte aus fürstlichen und städtischen Kanzleien stammen, waren sie nicht allein für interne verwaltungstechnische Zwecke bestimmt waren keine Geheimschreiben, die in den Truhen und Schränken der Archive verschlossen wurden, sondern sie sollten im Gegenteil möglichst weite Verbreitung finden
um auf die öffentliche Meinungsbildung Einfluß zu nehmen und sie zu steuern. Aus diesem Grund sind derartige Schriften häufig auch in historiographischen Zusammenhängen rezipiert worden, wo sie je nach Absicht und speziellem Anliegen der Sammler, Kompilatoren und Gegenwartschronisten neue Funk- tionen übernahmen. Obwohl sie in diesen neuen Gebrauchskontexten in er- ster Linie der Dokumentation und Information, der Legitimation oder schlicht der Anschauung und Unterhaltung dienten, ist jedoch nicht zu übersehen, daß sie darüber hinaus im Sinne ihrer ursprünglichen Verfasser weiterwirkten
Dafür sind = neben der bereits häufig erwähnten Nürnberger und Augsbur er Stadtchronistik und der Heidelberger Hofhistoriographie - die Kollekaeen des Johannes Gensbein ein herausragendes Zeugnis'?. Der Sekretär des Katzenelnbogener Grafen hatte reiche Materialien zur Limburger Geschichte
Dokumente zur Reichsgeschichte und Türkengefahr, Berichte über höfische Festlichkeiten, Hof- und Pilgerreisen, an denen er beteiligt war, sowie Aus- züge aus der höfischen Epik wie humanistischen Übersetzungsliteratur zusam- mengestellt, um sich damit - wie er selbst schreibt - seine Zeit zu vertreiben!®#,
18! Zur Rolle der politischen Publizistik in der vor- und außergerichtli is i Spätmittelalter, in der sich im 15. Jahrhundert bestimmte Formen ne ann een ee vgl. die anregenden Überlegungen von Bernd Thum, Öffentlich-Machen - 20), S. 44-48 in Anschluß an die Arbeit von Herbert Obenaus, Recht und Ver-
sung der Gesellschaft mit St. Jörgenschild in Schwaben. Untersuchungen über Adel, Ei Schiedsgericht und Fehde im 15. Jahrhundert (Göttingen 1961). i a
182 ü isti
x rer Chronistik vgl. Schneider, Heinrich Deichsler (wie Anm. 8), bes.
cr a ee Geschichtsschreibung vgl. Dieter Weber, Geschichtsschreibung in
a 8: or Mülich und die reichsstädtische Chronistik des Spätmittelalters (Augsbur: ) sowie oben Anm. 170; zu Gensbein vgl. die folgende Anm. 5
183 Die Handschrift, die zuletzt in der Gräfl i Be „die . Walderdorffschen Bibliothek zu Molsberg lag, i Fer eine ausführliche Beschreibung ihres Inhalts gibt Wyss, Eine ine Hand- chrift (wie Anm. 173), S. 572-583; das Zitat über die Herkunft und Funktion seiner Aufzeich-
Neue Zeitungen und politische Propaganda 195
Im Vergleich mit diesen zeitgenössischen Chroniken und Kollektaneen stellt die ‚Speyerer Chronik‘ allerdings die bei weitem reichste Sammlung an doku-
mentarischem Schriftgut dar.
In einem abschließenden Untersuchungsschritt soll der Charakter der ein- zelnen in die ‚Speyerer Chronik‘ inserierten Quellentexte näher bestimmt und beschrieben werden. Nach dem bislang Erarbeiteten können die Merkmale ‚Entstehungsanlaß und Funktion‘, ‚ursprüngliche Träger‘, ‚Felder der pri- mären Verwendung‘, ‚inhaltliche Dominanten‘, und ‚Publikationsformen‘ als zentrale Kriterien dienen, um eine Typologie der in historiographischen Zu- sammenhängen rezipierten Texte zu entwickeln.
1. Amtliches Schrifftum
Aus der Vielfalt der Quellen, die ihren Niederschlag in der ‚Speyerer Chro- nik‘ gefunden haben, ragt hinsichtlich des Umfangs seiner Verwertung der große Bereich des amtlichen Schrifttums deutlich heraus. Er umfaßt ein großes inhaltliches Spektrum von aktuellen politischen, rechtserheblichen oder verwaltungstechnischen Materialien, die Informationen mit einem hohen Maß an Authentizität und normativem Gehalt enthalten. Sie dienten zum einen der politischen Willensbildung und Absichtserklärung von Herr- schaftsträgern oder politisch-administrativen Institutionen, zum anderen aber auch der schriftlichen Organisation politischer oder verwaltungstechnischer Handlungszusammenhänge und -ziele. Zu ihrer Rechtskräftigkeit waren sie auf einen hohen Grad an Publizität angewiesen. Daher war von vornherein die Verbreitung in mehreren Exemplaren durch beglaubigte Abschriften oder Drucke vorgesehen!*. Bei den Trägern dieser Schriften muß man deutlich zwi- schen der ursprünglichen amtlichen Verfasserschaft und primären Publikation einerseits und andererseits der sekundären Verbreitung durch diejenigen Per- sonen oder Institutionen, in deren Interessen v.a. Dokumente von rechiser- heblicher Qualität erstellt worden sind, unterscheiden!®. Die folgende Gliede-
nungen und Exzerpte ebd., S. 573, ähnlich S. 581. Zu Gensbein und seiner Sammlung vgl. ebd., S. S7i£.; Wolf-Heino Struck, Das Stift St. Georg zu Limburg an der Lahn. Ein historiogra- phischer Überblick, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 35 (1985), S. 1-36, hier S. 9-11, und Silvia Schmitz, Die Pilgerreise Philipps d.Ä. von Katzenelnbogen in Prosa und Vers. Untersuchungen zum dokumentarischen und panegyrischen Charakter spätmittelalterlicher
Adelsliteratur (München 1990), S. 131#£.
ist Dieser Bereich des pragmatischen Schrifttums ist beinahe ausnahmslos nur von der For- schung zur Druckgeschichte berücksichtigt worden; vgl. Adolf Schmidt, Amtliche Drucksachen im 15. Jahrhundert, in: Korrespondenzblatt des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine 59 (1911), Sp. 348-361;G.Schwidetz ky, Deutsche Amtsdrucksachenkunde. Ein methodisches Handbuch (Leipzig 1927); Karl Schottenloher, Der Frühdruck im Dienste der öffentlichen Verwaltung, in: Gutenberg-Jahrbuch 1944/49, S. 138-149, und Eberhard /sen- mann, Politik und Öffentlichkeit im Zeitalter Friedrichs III. und Maximilians I., in: Europäische Hofkultur im 16. und 17. Jahrhundert, Bd. 3, hg. v. August Buck u.a. (Hamburg 1981), $. 583-587.
185 Vel. Schwidetzky, Amtsdrucksachenkunde (wie Anm. 184), S. 10.
196 Birgit Studt
rung des Materials orientiert sich zwar an den ursprünglichen Urhebern und Trägern der Texte, weist aber, um das Ausmaß der Verbreitung der Texte zu dokumentieren, auch ihre sekundären Publikationsformen nach, die für die zeitgenössischen Sammler ebenso wichtige Informationsquellen darstellten.
a) Päpstliche Bullen
Das Auseinanderfallen von primärer Trägerschaft ä dung läßt sich deutlich bei solchen Schriftstücken ne Fe Ku- rie verschickt wurden, um auf bedeutende kirchen- wie territorial- und reichs- politisch relevante Konflikte Einfluß zu nehmen. Einen wichtigen Anlaß bot = Mainzer Stiftsfehde, welche das Papsttum mit Ermahnungsschreiben ıbsetzungs- und Bannbullen begleitete'#. Diese tagespolitischen Schriften en en nebeneinander in handschriftlicher Form und als Drucke über- ae 2 ährend des Mainzer Bistumsstreits hatte der neu ernannte Erz- en Adolf von Nassau die Bulle Papst Pius’ II. vom 21. August 1461, mit = Ei a Dieters von Isenburg verkündet wurde, und die drei Schrei- en z . a die seine Einsetzung als neuen Mainzer Erzbischof een nn Mainzer Domkapitel und Klerus bekannt machten, als ee . 4 opien an seine wichtigsten politischen Helfer verschickt. nn. eß er davon Einblattdrucke herstellen, die offenbar in erster
ie für den Anschlag im Mainzer Stiftsgebiet bestimmt waren!®”,
Bee Ei SOer Jahren des 15. Jahrhunderts haben die kirchlichen In- a En uchdruck genutzt, um für den Türkenkreuzzug zu werben. ee teuzzugsaufrufe und Ablaßversprechen wurden in Form von Ein- an en Umlauf gebracht!#®, die parallei dazu aber weiterhin auch in Ep n kursierten. Während die deutsche Übersetzung der Kreuzzugs-
ulle Papst Calixts III. vom 29. Juni 1456, die in Mainz in den Typen der 36zei-
186 ; N en a a ER a Drucksachen (wie Anm. 184), Sp. 349; Schottenloher, Früh- Eosverer Chronik‘ (Ka & ap von He usinger, Einblattdrucke (wie Anm. 130). In der der Bulle Papst Pius no - 554) findet sich beispielsweise die Abschrift einer Übersetzung gegen Diefer von Isenh (Rom, 29. 4. 1462), in der er die Stadt Speyer ermahnt, sich dem Bündnis un folpsnde Räsal: a Friedrich den Siegreichen von der Pfalz anzuschließen. Über die jer weiterhin an er Schäden und Auswirkungen dieses Konflikts überliefert der Samm- Speyer die Verlegun u. : ius’ IL. in deutscher Übersetzung, mit denen er 1463/64 der Stadt 626-628). gung des in der Stiftsfehde zerstörten Germanus-Stiftes erlaubt (Ka, S. 625 u.
187 Di iese besondere Gebrauchsform der Einblattdrucke würde auch erklären, warum gegen-
über den handschrif li Kopi J i i : 5 pıen eweils r i 3 t chen h Oo & ), er a Exemplare erhalten sind; vgl. von Heu
188 , j Be i % i . ‚ Amtliche Drucksachen (wie Anm. 184), Sp. 349, und Ferdinand Geldner, wesens 1973, S 595 122 SEURDNEIE von 1454/55, in: Archiv für die Geschichte des Buch- licher Fürsten vgl Adolf s n Ve DoRUnIeRIE aus der EAnzIel BERT ir na a ‚ Die aßbriefe für N i
in: Zeitschrift für Bücherfreunde NF 3, 1 (1911), 8. 65-74 u ai, £ RS
197
Neue Zeitungen und politische Propaganda
ligen Bibel gedruckt worden ist'®, in den meisten historiographischen Sammelhandschriften noch abschriftlich überliefert ist!?°, ist die Bulle Pius‘ II. vom 11. November 1463 bereits als Druck in den Codex des Speyerer Samm-
lers eingefügt!?!.
b) Kaiserliche Urkunden und Briefe
Aus dem Bereich der herrscherlichen Willenserklärungen ragen die Man- date und Briefe Friedrichs II. heraus, die in den Auseinandersetzungen mit Friedrich dem Siegreichen und den bayerischen Herzögen versandt worden waren, um die Freien und Reichsstädte zur Unterstützung der königlichen Po- litik aufzufordern. Auch diese Schriftstücke, die von der kaiserlichen Kanzlei nur handschriftlich publiziert und verschickt worden sind!”, wurden von den Empfängern, in deren Interesse sie erlassen worden waren, sowohl in Ab- schriften als auch als Einblattdrucke und Flugschriften in Umlauf gebracht'?.
Adolf von Nassau hat beispielsweise das Mandat Friedrichs III. vom 8. Au- gust 1461, in dem er die bevorstehende Absetzung Dieters von Isenburg ankündigte und alle Reichsstände aufforderte, Adolf von Nassau zu unterstüt- zen, handschriftlich verbreiten lassen!”. Der Speyerer Chronist hat eine für die Stadt Speyer ausgefertigte Kopie des kaiserlichen Mandats aus der Kanz- lei Adolfs von Nassau abschriftlich überliefert (c.196). In seinem auf den 5, Oktober datierten Begleitschreiben teilt er der Stadt Speyer mit, daß der Papst ihm bebstliche bullen und keiserliche brieffe dar uber zugesant habe, von
189 GW (wie Anm. 138) 5911, um 1456/57. 1% Clm 9503, f. 351r-354r im Zusammenhang mit Schriften des Nürnberger Reichstags von 1454, zur Handschrift vgl. oben Anm. 105.
191 Ka, S. 739-754.
192 Erst gegen Ende seiner Regierungszeit begann auch Friedrich IIL., de genen Zwecke zu nutzen; vgl. Roth, Die Neuen Zeitungen (wie Anm. 18 mann, Politik und Öffentlichkeit (wie Anm. 184), S. 586f.
193 Vgl, Schmidt, Amtliche Drucksachen (wie Anm. 184), S. 350. Während seines Streites mit der Stadt Erfurt ließ der Mainzer Erzbischof Dieter von Isenburg Einblattdrucke publizieren, um seine Rechtsposition darzustellen, wie Konrad Stolle in seiner Chronik bezeugt; vgl. Adolf Schmidt, Die Streitschriften zwischen Mainz und Erfurt aus den Jahren 1480 und 1481, in: 8. Jahresbericht der Gutenberg-Gesellschaft 1909, $. 33-50. Eine Buchdruckerrechnung Peter Schöffers von 1480 zeigt, daß Dieter die kaiserlichen Mandate sowohl in Form von Einblatt- drucken, die für Anschläge bestimmt waren, als auch in mehrseitig bedruckten Blättern als Flug- schriften vervielfältigen ließ; vgl. Adolf Schmidt, Eine Mainzer Buchdruckerrechnung von 1480, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 29 (1912), S. 25f.
1% Vgl.von Heusinger, Einblattdrucke (wie Anm. 130), S.350. Regest des gleichlautenden Rundschreibens des Kaisers an alle Reichsstände in den Regesten Friedrichs IN. nach Archiven und Bibliotheken geordnet, Heft 3, bearb. v. Paul-Joachim Heinig (Wien / Köln / Graz 1983), Nr. 81, $. 68.
n Druck für seine ei- ), S. 351, und /sen-
198 Birgit Studt
denen er der Stadt etliche glichludende ab ; i ü schrifft hie by übersende'®. Dane- ben hat Adolf einen Druck dieses Schreibens initiiert, der wie die Einblatt-
drucke der päpstlichen Urk i i i Boni . eat ae ne n Urkunden offensichtlich für Anschläge im Mainzer
c) Ausschreiben der Reichsfürsten
Die weltlichen und geistlichen Landeshe i Di rren standen nicht zurück, auch mit Bee m der eigenen Kanzlei in der Öffentlichkeit für oder militärischen Aktionen und Ziele zu werben und diejeni- nn = on 2 en Ihre Briefe, die vervielfältigt und gleichför- eihe von Empfängern in Umlauf gesetzt d Ö feste Bestandteile zu außergerichtli nee: ie x gerichtlichen Rechtsstreitigkeiten, die stets i eg a Bun Die Inhalte wurden ch END t ürstlichen Kanzleien der Öffentlichkeit bek ihrem Urteil unterworfen, die dann üb i a ıfen, er die Rechtmäßigkeit d fge- wendeten Mittel und die Ehre der Parteie i en ahrende nd ’ n entschied'?”. Dieses Verfahren d politischen Propaganda spielte eine i 1 Emmen l j große Rolle in den Auseinanderset ee Bistumsstreits. So nutzte der abgesetzte Mainzer Erzbischof Die- ee a en seines Gegners Adolf von Nassau und be- s der Druckerpresse, um die Öffentlichkeit für sei Rechtsstandpunkt einzunehmen. Sei = Fe ne s . Sein Manifest gegen Adolf 30. März 1462 hat er offenbar in aller Ei Er ea ) 1 er Eile drucken lassen und an di Fürstenhöfe, Freien und Reichsstädt i A Stenhöfe, Er e und selbst an die Zünfte versenden las- nn ir nn en von Exemplaren erhalten und auch = der ronistik überliefert!” Mit einem auf den 11. Apri datierten Begleitschreiben hat Dieter ein Exemplar an die Stadt En 2
schickt; eine h iftli . BEN liefert!®. andschriftliche Kopie davon ist in der ‚Speyerer Chronik‘ über-
195 M 1 . ER: a Be Ä u ei. S. 457. Einen Tag zuvor, am 4. Oktober 1461, hatte Adolf der Reichs- sn Oi Sr ne des kaiserlichen Mandats übersandt; vgl. Heinig, Regesten Fried- . . 95), Nr. 337, S. 202. Der Text der kaiserlichen Ausfertigung des Mandats ist
beiJanssen, Frankfurts Reichsco 4 ‚Fi rrespondenz II, 1 (wie A 5 Heusinger, Einblattdrucke (wie Anm. 130), S. ne 7. ee
16 GW {wi . ; era a 138) 10342; auf vielen Exemplaren der Einblättdrucke findet sich der hand- ea Se Nee m wi Notars und Vertrauten Adolfs von Nassau, Johannes deck, nen die Richtigkeit d i äti ird: Heusinger, Einblattdrucke (wie Anm. 130). S. 347. ra UN 197 Vgl. Obenaus, Recht und Verfassung (wie Anm. 181), S. 67-72 198 . . . . 5 j j RN ae on Auflage sind die Druckfehler der ersten Ausgabe korrigiert worden; vgl ger, Einblattdrucke (wie Anm. 130), S. 351. Zu den Standorten der erhaltenen
Exemplare gl A Kaz ; f Au W, 3 ruck i Yv W meier, I 4 c Papier des Manifests von Diether von Isenburg von
19 Ka, S. 502-514.
Neue Zeitungen und politische Propaganda 199
Anders als die Kirchenfürsten übten die weltlichen Landesherren zunächst noch Zurückhaltung bei der Nutzung des neuen Mediums des Buchdrucks für ihre politische Propaganda. In dem gegen Friedrich den Siegreichen und seine Verbündeten geführten Reichskrieg hat sich beispielsweise die pfälzische Kanzlei weiterhin auf traditionelle Publikationsformen gestützt und mit hand- schriftlich in Umlauf gesetzten Rundschreiben für ihre Position geworben. Daß dieses Kommunikationsmedium nicht minder geeignet war, sich auf dem literarischen Markt durchzusetzen, belegt die weite Streuung des Zirku- larschreibens von 1460, in dem sich Friedrich der Siegreiche bei seinen Standesgenossen gegen die gegnerischen Vorwürfe und die Auflagen des auf dem Nürnberger Reichstag gefällten „blinden Spruches“ verwahrte?®.
d) Fehdeschriften
Eine thematisch abgegrenzte Gruppe innerhalb des amtlichen Schrifttums bilden die Absagebriefe der sich befehdenden Kriegsparteien. Über ihre un- mittelbare Aufgabe hinaus, in förmlicher Weise die Treue aufzusagen und die Fehde zu eröffnen, dienten sie auch als politische Propagandaschriften, da sie teilweise - ähnlich wie die abschriftlich publizierten Ausfertigungen von Friedensbedingungen und -verträgen — zugleich dazu dienten, die eingeleite- ten kriegerischen Maßnahmen zu rechtfertigen und für die eigene Rechtsposi- tion zu werben. Sie mußten zwar dem jeweiligen Adressaten oder seinem Ver- treter persönlich überreicht werden, durch ihre äußere Form als offene Briefe ohne Verschlußsiegel war jedoch ihre Bekanntgabe gegenüber Dritten von vornherein beabsichtigt. Dadurch konnten die Ursachen und Motive für die Fehdeankündigung einer größeren Öffentlichkeit bekanntgemacht werden”. In der ‚Speyerer Chronik‘ sind die Absagebriefe überliefert, die Friedrich der Siegreiche in der Veldenzer Fehde Herzog Ludwig von Veldenz-Zweibrücken bzw. der Rat der Stadt Speyer am 5. Juli 1455 durch ihren Kriegshauptmann Conrad Ruß dem Veldenzer Hofmeister überbringen ließen?%, Sie stehen hier im Zusammenhang mit der übrigen politischen Korrespondenz, die in der Fehde zwischen den Parteien gewechselt wurde.
e) Kriegsberichte
Auf der Grenze zwischen amtlichem Schrifttum, politischer Korrespondenz und öffentlicher Kommunikation sind Kriegsberichte und militärische Doku- mente anzusiedeln, die in der Regel in brieflicher Form übermittelt wurden.
20 In der ‚Speyerer Chronik‘, ed. Mone, c. 142; in Colmar, Bibliothtque de la Ville, cod. 45, £. 30 findet sich eine weitere Kopie des Schreibens; zum weiteren Inhalt dieses zeitgeschichtlichen Dossiers vgl. oben Anm. 113.
zu Vgl. Karl Vocelka, Fehderechtliche „Absagen“ als völkerrechtliche Kriegserklärungen in der Propaganda der frühen Neuzeit, in: MIÖG 84 (1976), S. 378-410, bes. S. 392, zum streng geregelten Formular und Übergabeprotokoll vgl. Elsbet Orth, Die Fehden der Reichsstadt Frankfurt am Main im Spätmittelalter. Fehderecht und Fehdepraxis im 14. und 15. Jahrhundert {Wiesbaden 1973), S. 35-40.
@m2 Mone, c.65.
200 Birgit Studt
Die Sieger beeilten sich, ihre Kriegserfolge durch persönli i
ihre Verbündeten, Freunde und Helfer Bein zu en es über ihren ursprünglichen engen, herrschaftsbezogenen Adressatenkreis hin- ausgelangten oder zu Zwecken der Kriegspropaganda publiziert wurden konnten sie auch als Nachrichtenquelle dienen, aus der sich eine größer Öffentlichkeit über die Kriegshandlungen informierte. s ;
In kaum einer städtischen Chronik fehlen Nachrichten über die Eroberun von Mainz 1462 und die Eroberung von Lüttich durch Karl den Kühnen im J ahre 1468°%°, Der Speyerer Sammler hat von dem Überfall auf Mainz zwei Be- a. überliefert, von denen sich der erste, von einem Mainzer Bürger dem : & yon Speyer übersandt (e. 230), auch in einer Colmarer Sammelhandschrift
inder?%, während der zweite mit einem Verzeichnis der Verräter der Stadt ce. 232) in den Kollektaneen des Johannes Gensbein überliefert ist20, Am Bei- spiel einer Schilderung der Eroberung von Lüttich, die in der Speyerer Chro- nik“ überliefert ist, läßt sich eindrucksvoll illustrieren, wie derartige Berichte entstanden und weiterverbreitet worden sind. Der Brief stammt von dem Begleiter des Jungen Grafen Engelbert II. von Nassau, der an der Erstürmun re teilgenommen hatte, und ist an dessen Vater Johann gerichtet?%, An 2. , e E versichert er ihm, sein Juncker [habe] mit gottes hulff de rit- eh erlich an sich genommen uff uwer gnaden wolgevallen und bedauert:
.. en genaden von diesen dingen lenger geschrieben, so han ich der zijt nit gehabt, auch so bin ich so mode gewest, das ich mit arbeit umbe die mitter- nacht geschrieben han, auch hatt ich nit me bappier. [...] Geschrieben zu Lutich uff suntag nach sant Symonis und Juden tag anno etc. 682”. Obwohl der Brief nn allein an den Grafen von Nassau gerichtet war, ist er als material- . e : Schlachtenschilderung weit über seine ursprüngliche Adressa- ne 2 Kae hinaus weiter verbreitet worden. Der Speyerer Sammler hat R einer städtefeindlichen Perspektive offensichtlich als wertvollen
\ugenzeugenbericht geschätzt, der unter dem frischen Eindruck der Ereie- nisse entstanden war, und ihn seiner Sammlung einverleibt (ce. 270) 2
en ei Karl dem Kühnen belagerten Stadt Neuß durch das eh 5 ni ‚Speyerer Chronik‘ lediglich durch die Abschrift einer en oe : z mit dem Kaiser von Köln aus nach Neuß gezogen war, ae ° n nung des Heerlagers vor Neuß dokumentiert (c. 291 £.). a eint auf das Interesse der zeitgenössischen Sammler gestoßen zu
‚ da sie sich in derselben Fassung auch in einer Sammelhandschrift aus
203 1 I Vgl. Weber, Geschichtsschreibung in Augsburg (wie Anm. 182), S. 126 ff.
Colmar, Bibliotheque de la Ville, Ms. 45, f. 140r- 1411; zur Handschrift vgl. oben Anm. 113. Vgl. Wyss, Eine Limburger Handschrift {wie Anm. 173), S. 579.
2% Vgl. Mone, S. 497, Anm.
207 Mone, 5.499,
201
Neue Zeitungen und politische Propaganda
dem Benediktinerkloster Heiligkreuz in Donauwörth findet?®. Das gleiche gilt für den Bericht über die Rüstung des Matthias Corvinus gegen die Türken im folgenden Kapitel der ‚Speyerer Chronik‘ (c. 293). Er schildert das Aufgebot des ungarischen Heeres und seiner Hilfstruppen, das Matthias Corvinus im Jahre 1476 zu Lande und zu Wasser gegen die Türken nach Ungarn geführt hatte, wobei detaillierte Angaben über die Ritter, Söldner, Fußtruppen, betei- ligten Experten wie Büchsenmeister, Handwerker etc. sowie über die Waffen, Munition und andere Ausrüstungsstücke gemacht werden. Über die Herkunft dieses Berichts ist am Ende vermerkt: Item diß obgemelt ding hat der ratt und die burger von Offen dem ratt gein Wyen geschrieben’®. Ein vergleichbares, je- doch noch ausführlicheres Dokument zum Türkenzug des Matthias Corvinus vom Jahre 1475 findet sich in der Chronik des Matthias von Kemnat?!?, ein weiteres wiederum in der Donauwörther Handschrift?'!.
2. Politische Publizistik
Die politische Publizistik zielt auf die Beeinflussung der sich außerhalb der herrschaftlichen Kontrolle bildenden „öffentlichen Meinung“, die sich als um- laufendes Gerücht, „gemein sag“ oder „bauerngeschrey“ artikulierte. Da be- sonders in krisenhaften Situationen die politischen Auswirkungen von im Volk zirkulierenden Meinungen und Ansichten durchaus gefürchtet waren, ver- suchten die Autoren, durch spezielle literarische Formen der Herrschaftspro- paganda die öffentliche Meinung auf ihre Seite zu ziehen, um so das kollektive Denken und Handeln des gemeinen Mannes kalkulierbarer zu machen?”?.
a) Prophetien
Das Spannungsverhältnis zwischen herrschaftlicher Publizistik und öffentli- cher Meinung, die im Spätmittelalter durch die noch weitgehende Verschmel- zung der politischen mit der sozialen Öffentlichkeit bestimmt wird, offenbart sich in besonderem Maße im Medium der politischen Prophetie. Speziell im Kontext politischer und sozialer Krisen sowie aktueller Konflikte erfüllte die Prophetie propagandistische Funktionen, indem sie politische oder sozial-reli-
288 JB Augsburg Cod. 1.3.2° 18, £. 101r-105r. Zu dieser Handschrift mit Dokumenten, Urkun- denabschriften, Briefen, Berichten, Neuen Zeitungen, historischen Liedern v.a. zur Reichsge- schichte und Türkengefahr vom Ende des 15. Jahrhunderts vgl. die Beschreibung von Karin Schneider, Deutsche mittelalterliche Handschriften der Universitätsbibliothek Augsburg, Die Signaturengruppe Cod. 1.3 und Cod. III. 1 (Wiesbaden 1988), S. 60-81.
2% Mone, 5.520.
210 Nicht in Hofmanns Edition (wie Anm. 142); jedoch etwa in der Pariser Handschrift Ms. all. 85, £. 105v -106r.
1 UB Augsburg Cod. 1.3.2° 18, f. 104r-105r; vgl. Schneider (wie Anm. 208), S. 73f.
22 Vgl. Schubert, „bauerngeschrey“ (wie Anm. 20), bes. S. 899, und Martin Bauer, Die „gemein sag“ im späten Mittelalter. Studien zu einem Faktor mittelalterlicher Öffentlichkeit und seinem Auskunftswert (Diss. phil. Erlangen-Nürnberg 1981).
202 Birgit Studt
giöse Wunschvorstellungen durch astrologische Argumente ärti
noch verborgene Realität, aber für die Zukunft als an ee offenbarte. Im Medium der Prophetie konnten aktuelle Spannungen, kollek- tive Angste oder Reformwünsche artikuliert werden. Gleichzeitig versuchten die Autoren damit, Einfluß auf politische Entscheidungen der Verantwort- lichen zu nehmen?!?. Andererseits verstanden es auch die Fürsten, durch die
Ein gutes Beispiel hierfür liefern die prognostischen Schrift Lichtenberger, der zeitweise als old in Diensten See II. stand. Nach seinem Erstlingswerk, der in Speyer geschriebenen Kometen- nn des Jahres 1468, ‚verfaßte er in den Jahren 1472 bis 1474 im
usammenhang mit dem Reichskrieg gegen Karl den Kühnen verschiedene Prophetien für Friedrich IT, Seine Deutung des im Januar 1472 erschiene- nen Kometen und eine weitere astrologische Prognostik aus dem Jahre 1473 sind zusammen mit Schriften zur Kölner Fehde in den Druck gelangt?!°. Am 9. August 1474 überreichte er in Augsburg dem Kaiser und den Fürsten ein Horoskop für die Neußer Fehde, in dem Karl der Kühne zum Feind von Reich und Kirche, Friedrich III. hingegen zu einem zweiten Augustus stilisiert wurde, der dem Reich endlich Frieden bringen sollte’,
= n Rausch und agitatorischen Funktionen dieser Prophetien sind eutlich erkennbar; durch die kausale Verknüpfung von prophetischen Moti- ven mit astrologischen Berechnungen gewinnen die an sich vagen Voraussagen erheblich an zeitlicher Präzision und politischer Realität. Da die Baden
dieser Botschaften mit einiger historischer Kenntnis und politischer los: tion leicht zu dechiffrieren war, eigneten sie sich als hervorragendes propagan- distisches Medium, um das Publikum von der Unausweichlichkeit politischer
LEE überzeugen und sein Bewußtsein für das Vorhandensein von Handlungszwängen zu schärfen.
213 ieni. I M
NN J. Roh r, Die Prophetie im letzten Jahrhundert vor der Reformation als a Te Fa Beitrag zur Geschichte der öffentlichen Meinung, in: isch ‚9. 29-56 u. 447-466; Dietrich Kurze, Nationale R hin
iR ge in: HZ 202 (1966), S. 1-23; Majorie Reeves The nlucsee
e Later Middle Ages (Oxford 1969), bes. S. 332 ff.; Robert E. 1 i DL ' \ e .S. u „Le M en . a. Pag in: Past and Present 72 (1976), S. 1-24; Thum a ie Anm. 20), $. 41f., und Erich Kraft, Reformschrift und R ; r Ion zur Wirkungsverhältnis der deutschen Reforms a i Ra a vei chriften s i i
„Oberrheinischen Revolutionärs“ (Darmstadt 1982). De:
2?! Vgl. Barbara Bauer, Die Rolle d Be a 1 es Hofastrologen und Hofmathematicus als fürstlich Berater, in: Höfischer Humanismus, hg. v. August Buck (Weinheim 1989), S. 93-117 hier, an
215 Vgl. Dietrich Kurze, Johannes Licht: f ‚ enberger (11503). Ei i i Prophetie und Astrologie (Lübeck / Hamburg 1960), S. n De
21* Vgl. Kurze, Johannes Lichtenberger (wie Anm. 215), S. 9, Anm. 24. 217 Vgl. Kurze, Johannes Lichtenberger (wie Anm. 215), S. 13.
Neue Zeitungen und politische Propaganda 203
In der Chronistik des 15. Jahrhunderts sind Traktate über Kometen- erscheinungen in den Jahren 1456, 1468 und 1472 überliefert?!8. Die ‚Speyerer Chronik‘ berichtet über den Kometen von 1456 und fügt in einem eigenen Ka- pitel eine kurze Auslegung der Kometenerscheinung an (c. 89 f.). Unter Beru- fung auf Ptolemäus werden Naturkatastrophen wie Unwetter und Erdbeben, Dürre und Teuerungen, Auseinandersetzungen zwischen weltlicher und geist- licher Gewalt sowie soziale Umwälzungen und Krieg durch das Auftreten eines prophetischen Königs vorausgesagt. Die politischen Aussagen dieser Prophetie, die negative Naturerscheinungen mit politischen Entwicklungen verknüpft, bleiben allerdings so unbestimmt, daß nur mit unterschwelligen Wirkungen im öffentlichen Bewußtsein zu rechnen ist.
Wie derartige Prophetien jedoch wieder wachzurufen und zu instrumenta- lisieren waren, zeigt die Chronik des Basler Geschichtsschreibers Nikolaus Gerung von Blauenstein, der sie mit aktuellen Themen der politischen Publi- zistik verknüpft. In seiner Fortsetzung der ‚Flores temporum‘ berichtet Ge- rung über den Halleyschen Kometen von 1456 und den Kometen von 1472, wobei er auf die Deutung des letzteren durch den Astrologen Dr. Philipp ver- weist, die er am Ende seiner Handschrift eingetragen hat. In dieser Auslegung findet sich eine Kaiserprophetie über die Wiederkehr Kaiser Friedrichs II., der die Zerstörung von Konstantinopel rächen und im Jahre 1477 eine Reichsre- form durchführen werde?!®. Gegenüber solchen allgemeinen Themen von Türkenfurcht und Reformerwartung, die in zahlreichen prophetischen Texten thematisiert und in den unterschiedlichsten Verwendungszusammenhängen überliefert sind??, läßt sich die vom Speyerer Chronisten überlieferte Pro- phetie zum Weißenburger Krieg (c. 272) als handlungsbezogene Propaganda bezeichnen, da sie sich in verschlüsselter Form an einen bestimmten Adressa- tenkreis, die rheinischen Bischofsstädte, richtet und genau für das Jahr 1490 die Erfüllung konkreter politischer Wünsche voraussagt. Der Autor prophe-
2% Vgl. Lynn Thorndike, A history of Magic and Experimental Science, vol. 4 (New York 1934), S. 413£. u. 429, ders., Some tracts on comets, 1456-1500, in: Archives internationales d’Histoire des Sciences 11 (1958), S. 225-250; eine Zusammenstellung prophetischer Texte in deutschen Städtechroniken findet sich in Friedrich Roths Ausgabe der Chronik des Hektor Mü- lich (wie Anm. 170), S. 236, Anm. 3.
219 UB Basel, D IV 10, f. 164r; abgedruckt bei Karl Buxro rf-Falkeisen (Hg.), Johannes Knebels Chronik aus den Zeiten des Burgunderkriegs, 1. Abt. (Basel 1851), S. 189-191. Zu dem vermutlichen Verfasser Philipp Stolz von Rüdesheim vgl. B ernoulli, Basler Chroniken (wie Anm. 175), S. 33, Anm. 4. Eine andere Auslegung findet sich im Münchener cgm 1585, £. 142r, einem Tegernseer Sammelband mit politischen Liedern, Prophetien und Neuen Zeitungen; zur Handschrift vgl. Schottenloher, Flugblatt und Zeitung (wie Anm. 18), S. 153f.
220 Vgl. beispielsweise die Prophetie des Theodorus von Apulien für das Jahr 1464, deren Re- zeption Joachim Schneider, Heinrich Deichsler (wie Anm. 8), $. 264-278, in astrologischen, publizistischen und chronikalischen Zusammenhängen verfolgt und für Heinrich Deichsler in engen Zusammenhang mit der dort behandelten allgemeinen Türkenthematik gebracht hat.
204 Birgit Studt
zeit eine neue gute Zeit im Rheinland mit Frieden und Wohlstand, nachdem die Städte mit Hilfe des Kaisers und Burgunds aus der territorialpolitischen Einflußsphäre des Pfalzgrafen befreit sein würden2i.
b) Satiren
Eine vergleichbare Funktion wie die Prophezeiungen haben Satiren, die in aggressiver Art und Weise den politischen Gegner moralisch, sozial oder poli- tisch schädigen und als unerträglich empfundene Zustände bessern wollen. Durch ihre indirekte, verzerrende oder übertreibende Darstellung weisen sie über ihren unmittelbaren Zweck hinaus und bieten als lachende oder stra- fende Satiren eine verfremdete Sicht der sozialen Wirklichkeit???. Auf diese Weise sollte die Entrüstung und der Widerspruch des Publikums erregt und in- direkt Einfluß auf seine Meinungsbildung genommen werden?3. Durch ihre ästhetische Dimension verfügte die satirische Schreibart über vielfältige Wir- kungsmöglichkeiten und war daher unter Umständen von weitaus höherer propagandistischer Qualität als Formen direkter politischer Argumention. In der ‚Speyerer Chronik‘ ist eine Satire auf Bischof Johannes Nix von Speyer überliefert, die in das Formular einer Bischofsurkunde gekleidet ist. In diesem unter dem Namen des bischöflichen Ausstellers fingierten Brief werden alle Vorwürfe aufgerufen, die die Bürger der Stadt gegen die bischöfliche Politik vorzubringen hatten. Durch die negative Überzeichnung der Motive und ihre Zuweisung an die gegnerische Instanz wurde das in der Sicht der Bürger über-
hebliche und repressive Verhalten des Bischofs angegriffen und politisch dis- kreditiert (c. 263),
c) Historisch-politische Lieder
Die meisten sog. „historischen Volkslieder“ aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nehmen Bezug auf ein zur Zeit ihrer Abfassung aktuelles Ereig- nis, das sie einer tendenziösen bis polemischen Deutung unterziehen. Der größte Teil des in der maßgeblichen Sammlung Rochus von Liliencrons?* zu- sammengestellten Materials sind daher politische Parteigedichte, die aller- dings nur selten die Meinung des gemeinen Mannes artikulieren, sondern ein-
22! Vgl. auch oben S. 161.
=? Zur funktionstypologischen Bestimmung der satirischen Schreibweise vgl. Barbara Kön- neker, Satire im 16. Jahrhundert. Epoche - Werke — Wirkung (München 1991), S. 11-21 (mit weiterer Lit.). Könneker hat wie viele andere gattungsgeschichtliche Untersuchungen auf das sy- stematische Abgrenzungsschema von J ürgen Brummack, Zu Begriff und Theorie der Satire, in: DVjs 45 (1971), S. 275 - 377, zurückgegriffen, der ausgehend von drei Dimensionen der satirischen Schreibart - der psychologischen, der normenbezogenen und ästhetischen - diese zusammenfas- send als „ästhetisch sozialisierte Aggression“ definiert hat (ebd. S. 282).
?3 Vgl. auch Helmut A rntzen, Satire in der deutschen Literatur. Geschichte und Theorie,
Bd. 1: Vom 12. bis 17. Jahrhundert (Darmstadt 1989), S. 1-17, bes. S. 16.
?# Rochus von Lilien cron, Die historischen Volkslieder der Deutschen vom 13, bis 16. Jahrhundert, 5 Bände (Leipzig 1865-69).
205
Neue Zeitungen und politische Propaganda
deutig im Dienst der herrschaftlichen Propaganda stehen. Entstanden Be tischen oder sozialen Konfliktsituationen, dienten sie mit ihrer nn & . B höchst parteilichen Darstellung und Kommentierung Ser nn ee = in erster Linie der Sicherung und Festigung ee a er = ändi i Wahrung oder Wiederhe ständigungsgemeinschaft, um so zur a, i i hre knappe und einfache Da. fentlichen Ordnung beizutragen. Durch i re i i d analphabetes Publikum mit ausg lungsform konnte selbst ein weitgehen £ re ä i Meinungsbildung und das Ha wählten Informationen versorgt und die run ung A ir i i Die schriftliche Überlieferung eines breiten Publikums gesteuert werden”. nn 2 i i i ignisli i ächst recht schmal; einige sind nur dieser historischen Ereignislieder ist zunächst ı s ae i i daß viele Lieder erst sekundär, Unikate erhalten. Es ist anzunehmen, \ on j ä ündli iti f einzelnen Blättern, Flugschriften, iner längeren mündlichen Tradition, au ; eich Zusammenhang aufgezeichnet, später auch durch den Druck weiter verbreitet worden sind?*.
1 ik‘ si inige j hlreichen Lieder eingeflossen, die ‚Speyerer Chronik‘ sind einige jener zahlı { a und v.a. die entscheidende en ne i ühne eine empfindlic 1476 zum Thema haben, in der Karl der Kü ne ie Ei hinnehmen müssen??”. Besondere Beac gv gegen die Eidgenossen hatte ser an i N Publizisten Hans Judensint, dient der Reimpaarspruch des Speyerer ne ie Hinri haßten burgundischen Landvogte nur den Prozeß und die Hinrichtung des ver. Ze i j hre 1475 schildert, sondern am Be am Oberrhein Peter von Hagenbach im Ja € \ rt, nn i dte Mainz, Lüttich und Weißen l der Bedrohung bzw. Eroberung der Stä ‚L Ba durch die landesherrlichen Truppen an nn nn en i 2 . A hält, wie stark die politische Autonomie der Keic c En N itori Fürsten gefährdet war”*, Konfrontationen mit der Territorialmacht der fähr, Ser i ündli Lied ist nur durch den icherlich bekannte und mündlich verbreitete i t Seren überliefert, der es als Zeugnis der erde Meinung der Bürger am Mittelrhein in seine Sammlung aufgenommen hat”.
; sag“
25 Vgl. Schubert, „bauerngeschrey“ (wie Anm. 20), bes. 5. 896 - 901; . . R ge ni
(wie Anm. 212), bes. S. 15f.; Rolf Wilh. Brednich, Die ee Fi ae
hunderts, Bd. 1: Abhandlungen. Bd. 2: Katalog der Liedflugblätter ges 1 3 re Ei er (Baden-Baden 1974-75), hier I, S. 140, und ders., „Historisches Lied“, in: Lexi
alters, Bd. 5 (München / Zürich 1990), Sp. 54v-56. 26 Vgl. Brednich, Liedpublizistik I (wie Anm. 225), S. 136-140.
27 $,in Ka, $. 733b-737b das Lied des schwäbischen Autors no. Re ne N
’ Kü i Die kleineren Li 2 Kühnen bei Murten; hg. v. Thomas Cramer, Di :
Een er Bd. 3 (München 1982), S. 501-507; zur Überlieferung des Textes vgl. ebd
S. 592 (ohne Berücksichtigung der ‚Speyerer Chronik‘).
28 Vgl. Kurt Hannemann, Judensint, Hans, in: Die deutsche Be Mittelalters. Ver- fasserlexikon, hg. v. Kurt Ruh u.a., Bd. 4 (Berlin / New York 1983), Sp. 396.
29 Ka,S. 705-708; hg.von Lilieneron, Volkslieder II (wie Anm. 224), Nr. 132, S. 33 -37.
206 Birgit Studt 3, Kleine narrative Formen
a) Genealogisch-dynastische Traditionen
Der Speyerer Sammler hat den Text der ‚Scheyerer Fürstentafel‘ kopiert, eines offiziössen Dokuments der wittelsbachischen Haustradition, in der das Herkommen und die Genealogie der Dynastie glorifiziert werden?”°. Gesteu- ert durch die wittelsbachischen Hausklöster Scheyern und Andechs war dieser Text v.a. in den 50er bis 70er Jahren des 15. Jahrhunderts in zahlreichen Hand- schriften verbreitet. Wie die ‚Andechser Chronik‘, in deren Kontext eine Fassung der ‚Fürstentafel‘ überliefert ist, war sie ein hervorragendes Vehikel der dynastischen Propaganda der bayerischen wie pfälzischen Wittels- bacher!. Während die ‚Andechser Chronik‘ in erster Linie mit konkreten Zielen verbunden war, nämlich der Förderung der Andechser Wallfahrt2?, dienten die Scheyerer Traditionen eher einem allgemeinen Anliegen der dy- nastischen Geschichtsüberlieferung. Die ‚Scheyerer Fürstentafel‘ lieferte das wesentliche Material für die historisch-genealogischen Legitimation der wittelsbachischen Fürsten, indem sie ihre Herrschaft in die ungebrochene Traditionslinie der bayerischen Herzöge stellte.
In der bayerischen und pfälzischen Landeschronistik und Hofbistorio- graphie von Andreas von Regensburg über Matthias von Kemnat bis zu Ulrich Fuetrer ist die ‚Scheyerer Fürstentafel‘ daher als Schlüsseltext für die Darstel- lung des Herkommens der Wittelsbacher benutzt worden. Während die In- dienstnahme dieses Textes durch die dynastische Geschichtsschreibung im Umkreis der wittelsbachischen Höfe bereits von der Forschung hinreichend herausgearbeitet worden ist?”°, hat die Tatsache, daß er auch in der zeit- genössischen Gegenwartschronistik rezipiert worden ist, bislang kaum Beach- tung gefunden. In der ‚Speyerer Chronik‘ ist die Abschrift der ‚Fürstentafel‘ denjenigen Kapiteln, in denen die pfälzischen Nachfolgeverhältnisse und die Anfänge der Regierungszeit Friedrichs des Siegreichen geschildert werden, als historische Einleitung vorangestellt worden (c. 21-30). Dieselbe Passage findet sich unabhängig davon ebenfalls in der Fortsetzung der Chronik des Eberhard
230 Zur ‚Scheyerer Fürstentafel‘ vgl. A. Siegmund IF. Genzinger, Zur Scheyerer Tabula Perantiqua, in: Wittelsbach und Bayern. Katalog der Ausstellung, Bd. I, 1 (München / Zürich 1980), S. 151-153; Text nach einer Handschrift ebd. S. 154-163 mit neuhochdeutscher Übertra- gung; Moeglin, Les ancätres (wie Anm. 10), $. 74-101 (Textedition und französische Überset- zung ebd., $. 77-84) und Birgit Studt, Scheyerer Fürstentafe], in: Die deutsche Literatur des Mit- telalters. Verfasserlexikon, hg. v. Kurt Ruh u.a., Bd. 8 (Berlin / New York 1992), Sp. 656 - 659.
23! Zur Überlieferung vgl. Moeglin, Les ancetres (wie Anm. 10), Annexe III, S. 250-252; Studt, Scheyerer Fürstentafel (wie Anm. 230), Sp. 656 sowie oben Anm. 87.
232 Vgl. Werner Williams-Krapp, Andechser Chronik, in: Die deutsche Literatur des Mit- telalters. Verfasserlexikon, hg. v. Kurt Ruh u.a., Bd. 1 (Berlin / New York 1978), Sp. 334f.
23 Vgl. zuletzt Moeglin, Les ancetres (wie Anm. 10), S. 106 ff.
Neue Zeitungen und politische Propaganda 207
Windeck2, bei Heinrich Deichsler? sowie zusammen mit der ‚Andechser Chronik‘, einer Beschreibung des Romzugs Friedrichs III. und anderen reichs- politischen Schriften in einer Münchener Sammelhandschrift?*®,
Diese Überlieferungsdaten machen deutlich, daß die ‚Scheyerer Fürsten- tafel‘ vergleichbaren Verbreitungsmechanismen unterlag wie die Zeugnisse der politischen Publizistik. Die Reichweite der dynastischen Propaganda der Wittelsbacher beschränkte sich demnach nicht auf die engeren Grenzen der Hofhistoriographie, sondern sie speiste darüber hinaus auch die aktuellen chronikalischen Werke, Sammlungen und Dossiers zur Dokumentation der Zeitereignisse. Dadurch wurden ihre genealogisch-dynastischen Traditionen über den Umkreis der Fürstenhöfe hinaus in weitere Kommunikationsnetze transportiert.
b) Kirchliche Kultpropaganda
Von eminent propagandistischer Qualität waren die Schriften über Simon von Trient, die über einen angeblich von Trienter Juden begangenen Ritual- mord an einem christlichen Kind zu Ostern des Jahres 1475 berichten. Auf Betreiben des Tridentiner Bischofs Johann Hinderbach wurde ein Untersu- chungs- und Prozeßverfahren eingeleitet, das dazu diente, die Ritualmord- ihese zu stützen und einen Märtyrerkult zu begründen. Bischof Hinderbach verstand es, zur Legitimation des als Musterprozeß geführten Gerichtsverfah- rens und zur Förderung des Simon-Kultes Literaten und Drucker zu gewin- nen, die in einem bis dahin nicht bekannten Maße die Öffentlichkeit mobili- sierten. Die zahlreichen judenfeindlichen und hagiographischen Schriften, de- ren Spektrum vom Ereignisbericht über Lieder und Gedichte, illustrierte Ein- blattdrucke bis hin zu legendarischen und historiographischen Zeugnissen
23 Im cod. 2913 (V?), f. 458ra-472ra der NB Wien, der 1456 von Wilhelm Gralap aus Straß- burg geschrieben worden ist, vgl. Hermann M enhardt, Verzeichnis der altdeutschen literari- schen Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek, Bd. 1 (Berlin 1960), S. 614 f. Die Fortsetzung beginnt mit dem Rubrum Hie vindestu beschrieben wie die peyerischen herren vnd die pfaltzgrafen vff den Rin herkomen sint vnd von was geschlechten sie komen sint vnd wie die pfaltz- grafen von Beyern komen sint vff den Rin (abgedruckt bei A Itmann, Studien (wie Anm. 37), S. 62-81). Da sich noch einige weitere Speyerer Nachrichten in dieser Handschrift finden, wie beispielsweise der Fehdebrief Bischof Rabans von Speyer von 1422, abgedruckt bei Altmann, Studien (wie Anm. 37),S. 21, der auch im Konzept des Sammlers und in der Speyerer Handschrift (Sp) steht, ist anzunehmen, daß der Speyerer Sammler und der Fortsetzer der Windeck-Chronik auf eine gemeinsame Quelle zurückgegriffen haben, zumal der Text der ‚Speyerer Chronik* nach- weislich nicht auf V? beruht; vgl. Wyss, Eberhard Windeck (wie Anm. 37),S.449.
235 Vgl, Schneider, Heinrich Deichsler (wie Anm. 8), S. 68 u. 224.
36 Com 5482, f. 28r-32r; zu dieser Handschrift vgl. Moeglin, Les ancötres (wie Anm. 10), S. 252, Anm. 18 sowie oben Anm. 170.
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208 Birgit Studt
reichte”, waren für Johannes Hinderbach ein vorzügliches Mittel, um in den noch laufenden Ritualmordprozeß einzugreifen und durch die Schaffung eines überregionalen Märtyrerkultes die Finanzen seines Bistums zu heben’. Ne- ben diesen publizistischen und literarischen Berichten veranlaßte Hinderbach die Anfertigung von Abschriften und Übersetzungen der Prozeßakten?””, die auch nördlich der Alpen, u.a. im Umkreis der Regensburger Judenprozesse verbreitet wurden“. Die Durchschlagskraft dieser so intensiv geförderten Ri- tualmordlegende belegen ihre Aufnahme in volkssprachliche Legendare und ihre rasche Verarbeitung in der zeitgenössischen Historiographie”*.
Der Speyerer Sammler ist in den Besitz einer volkssprachlichen Bearbei- tung der Simon-Geschichte gelangt, die noch im Jahre 1475 als fiktives Ge- ständnis eines der Angeklagten entstanden ist?*. Wohl gleichzeitig mit ihm hat Matthias von Kemnat für seine bis 1475/76 geführte Chronik den Text in der- selben Fassung kopiert, dessen Schluß jedoch noch ein wenig weiter geführt wird, als er in der ‚Speyerer Chronik‘ überliefert ist?*. Eine ebenfalls ausführ- lichere Version findet sich in der ‚Österreichischen Chronik‘ des Kärntner
2? Zum Trienter Prozeß vgl. Willehad Paul Eckert, Beatus Simoninus - Aus den Akten des 'Trienter Judenprozesses, in: Judenhaß - Schuld der Christen?!, hg. von W. P. Eckert/E.L. Ehrlich (Essen 1964), $. 329-358, und ders., Aus den Akten des Trienter Judenprozesses, in: Judentum im Mittelalter, hg. v. Paul Wilpert (Berlin 1966), S. 283-336, und Franz Josef Wo rstbrock, Si- mon von Trient, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, hg. v. Kurt Ruh u.a., Bd. 8 (Berlin / New York 1992), Sp. 1260-1275, hier Sp. 1260-1262. Zu den literarischen und pub- lizistischen Zeugnissen und ihrer Überlieferung bis 1500 vgl. Frank Hamster, Primärliteratur zu Simon von Trient. Drucke und Handschriften von 1475 bis 1500 mit Standortverweisen, in: Per padre Frumenzio Ghetta, o.f.m. Seitti di storia e cultura ladina, trentina e tirolese (Trento / Vigo di Fassa 1991), S. 307-333, und Worstbrock, Simon von Trient, Sp. 1262 -1273.
238 Zu den Interessen des Trienter Bischofs vgl. Alfred A. Strnad, Hinderbach, Johannes, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, hg. v. Kurt Ruh u.a., Bd. 4 (Berlin / New York 1983), Sp. 41-44.
29 Vgl. Eckert, Aus den Akten (wie Anm. 235), S. 293-294, zur Überlieferung vgl. Ham- ster, Primärliteratur (wie Anm. 237), S. 320, und Worstbrock, Simon von Trient (wie Anm. 237), Sp. 1262.
20 Vgl. Eckert, Aus den Akten (wie Anm. 237), S. 286f., Karl Hausberger, Geschichte des Bistums Regensburg, Bd. 1 (Regensburg 1988), S. 262; Bernhard Bischoff, Frater Erhardus ©. Pr., ein Hebraist des 15. Jahrhunderts, in: Ders., Mittelalterliche Studien, Bd. 2 (Stuttgart 1967), S. 187-191, und Ders., Erhardus, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasser- lexikon, hg. v. Kurt Ruh u.a., Bd. 2 (Berlin / New York 1980), Sp. 582 - 584.
241 Vgl. Werner Williams-Krapp, Die deutschen und niederländischen Legendare des Mittelalters. Studien zu ihrer Überlieferungs-, Text- und Wirkungsgeschichte (Tübingen 1986), S. 196; Hamster, Primärliteratur (wie Anm. 237), S. 323-325, und Worstbrock, Simon von Trient (wie Anm. 237), Sp. 1271£. u. 1274.
»2 Mone, c.287,5. 514-516. Zu diesem sog. ‚Tobias-Geständnis‘ vgl. Worstbrock, Simon von Trient (wie Anm. 237), Sp. 1271£.
23 Matthias von Kemnat, ed. Hofmann (wie Anm. 142), $. 119-125.
Neue Zeitungen und politische Propaganda 209
Pfarrers Jakob Unrest sowie in drei Sammelhandschriften?®. Der Kompilator der ‚Speyerer Chronik‘ und Matthias von Kemnat scheinen in dieser Reihe je- doch die ersten gewesen zu sein, die diese volkssprachlichen Bearbeitungen des Prozeßberichts in ihren Chroniken verwertet haben.
4. Beschreibungen von Fest und Zeremoniell
Der Speyerer Sammler hat Personenverzeichnisse, wie sie sich in Tischord- nungen, Präsenzlisten, Gefangenenverzeichnissen finden, außerordentlich ge- schätzt, da er sich zur Dokumentation zahlreicher städtischer und höfischer Festlichkeiten sowie großer Versammlungen beinahe ausschließlich auf derar- tige Texte gestützt hat. Den Romzug Friedrichs III. hat er mit der Ein- zugsordnung und einer Liste des königlichen Gefolges illustriert; im Anschluß an den Ulmer Bericht über die Trierer Ereignisse des Jahres 1473, in dem das Festmahl mit einer detaillierten Tischordnung im Mittelpunkt steht, wird die Amberger Hochzeit des pfälzischen Kurprinzen Philipp von 1474 mit einem ständisch geordneten Verzeichnis der Hochzeitsgäste dokumentiert (c. 183)2®., Auch die Berichterstattung über die Exequien für Friedrich den Siegreichen am 27. Januar 1477 beschränkt sich auf die Wiedergabe der Tischordnung für das Gastmahl (c. 284).
Derartige statistische Aufzeichnungen bilden den Kern von Fest- beschreibungen, die häufig in prachtvoll gestalteten Handschriften höfischen Repräsentationszwecken dienten. Seit dem 16. Jahrhundert wurden sie zuneh- mend beliebte Objekte interessierter Sammler?*’. Besondere Resonanz in der Überlieferung haben - nicht zuletzt aufgrund der überaus großen Prachtent- faltung des „reichen“ bayerischen Herzogs — die Landshuter Hochzeits-
24 Jakob Unrest, ed. Großmann (wie Anm. 180), S. 47-49, SB München cgm 1586, f. 161r - 162r (mit gekürztem Schluß); zu dieser historiographischen Sammelhandschrift mit Urkunden und Neuen Zeitungen vgl. oben Anm. 170. StiftsB Melk, cod. 131, 360v-363v und UB Augsburg, Cod. 1.3.2‘ 18, £.94v-96v; vgl. Schneider (wie Anm. 208), $. 73. Eine andere Fassung bieten die £. 123v-127v des Cod. 490 der UB Freiburg, Teil einer mystisch-azetischen Sammelhandschrift, der zwischen 1476 und 1480 in Nürnberg oder im Augustinerinnenstift Pillenreuth entstanden ist; vgl. Winfried Hagenmaier, Die deutschen mittelalterlichen Handschriften der UB und die mittelalterlichen Handschriften anderer öffentlicher Sammlungen in Freiburg i. Br. und Um- gebung (Wiesbaden 1988), S. 123-129, hier S. 124 u. 127.
#5 Vgl. Max Buchner, Quellen zur Amberger Hochzeit, in: Archiv für Kulturgeschichte 6 (1908), S. 385 - 438, hier S. 392.
245 Dieses Protokoll der Sitzordnung ist in drei unterschiedlichen Fassungen auch separat, und zwar in archivalischen Zusammenhängen überliefert: Staatsarchiv Meiningen, GHA Sektion 1 2540; Hauptstaatsarchiv München, Fürstensachen 957, f. 3ff. und Staatsarchiv Weimar, Reg. D. Nr. 237 (Für den Hinweis auf diese Textzeugen danke ich Michael Bojcov). Die thüringische Über- lieferung deutet darauf hin, daß diese Aufzeichnungen nicht nur für den internen Gebrauch be- stimmt, sondern auch für die auswärtigen Gäste der Totenfeier von Interesse waren.
27 Vgl. auch Kurt Enke, Deutsche höfische Festlichkeiten um die Wende des 15. Jahrhun- derts, 1450-1530 (Diss. phil. München 1924). Im Jahre 1552 beispielsweise wurde wohl im Auftrag Herzog Christophs von Württemberg eine repräsentative Abschrift der Beschreibung der Uracher Fürstenhochzeit von 1474 angefertigt; vgl. Württemberg im Spätmittelalter. Ausstellung des
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feierlichkeiten des niederbayerischen Prinzen Georg mit der polnischen Königstochter Hedwig im Jahre 1475 gefunden?*. Eine ausführliche Beschrei- bung dieser Hochzeit stammt aus der Feder des Seligenthaler Kloster- schreibers Hans Seybold aus Höchstatt an der Donau, die er für den bayeri- schen Adligen Thomas Jud von Bruckberg, einen Teilnehmer der Landshuter Hochzeit, verfaßt hat. Seybold muß an den Vorbereitungen des Festes beteiligt gewesen sein und Verbindungen zur herzoglichen Kanzlei gehabt haben, da er nicht nur als Augenzeuge den Brautwerbungszug schildert, sondern auch In- halt und Form der Briefe kennt, mit denen die Gäste eingeladen worden sind, ja offenbar sogar die Futterzettel ausgeschrieben hat, denen er die Namen der einzelnen Fürsten, die Zahl ihres Gefolges und ihrer Pferde entnommen hat?*.
Die eigentlichen Experten für diese Form inszenierter Herrschaftsreprä- sentation waren die Herolde, die aufgrund ihres Spezialwissens in Fragen ad- liger Gesellschaftskultur und höfischen Zeremoniells für die Organisation so- wie den äußeren Ablauf von Hoffesten und herrscherlichen Zeremo-
Hauptstaatsarchivs Stuttgart und der Württembergischen Landesbibliothek, bearb. v. Joachim Fischer Peter Amelung ! Wolfgang Irtenkauf (Stuttgart 1985), S. 71. Die Handschrift F 156 der Gemmingenschen Bibliothek auf Burg Hornberg (s.o. Anm. 142) überliefert als Anhang zur Chronik des Matthias von Kemnat das genaue Protokoll der Feierlichkeiten anläßlich der Hoch- zeit Kurfürst Friedrichs If. in Heidelberg im Jahre 1535 (f. 29r-41r). Dort finden sich Verzeich- nisse der Teilnehmer der verschiedenen Turniere, die während der Festtage abgehalten wurden, der Geschenke, die man der Braut übergeben hatte, und eine ständisch geordnete Liste der Hoch- zeitsgäste.
243 Vgl. dazu die Zusammenstellung der Quellen und Berichte bei Sebastian Hiererh, Her- zog Georgs Hochzeit zu Landshut im Jahre 1475. Eine Darstellung aus zeitgenössischen Quellen (Landshut in Wort und Bild 2, hg. v. Max Ammer, Landshut 1965); vgl. auch Winfried Moser, Die Landshuter Hochzeit 1475 - Impressionen vom größten historischen Fest Deutschlands (Augsburg 1988). Zur Verarbeitung des Ereignisses in der zeitgenössischen Historiographie vgl. die deutsche und lateinische Fassung der bayerischen Chronik des Veit Arnpeck, Sämtliche Chroniken, hg. v. Georg Leidinger (München 1915, ND 1969), S. 375 u. 625 ff.
29 Vgl. Hiereth, Herzog Georgs Hochzeit (wie Anm. 248), S. 9f., und Buchner, Quellen zur Amberger Hochzeit (wie Anm. 245), S. 385. Druck des Berichts bei Lorenz Westenrieder, Gleichzeitige und vollständige Beschreibung der berühmten Hochzeit H. Georg des Reichen zu Lanndshut, 1475 (Beyträge zur vaterländischen Historie 2, 1789), S. 105-221; Wiedergabe des Seyboldschen Textes bei Hiereth, Herzog Georgs Hochzeit (wie Anm. 248), S. 47-161. Der Autograph Seybolds findet sich im Münchener cgm 331, f. 891-1761, der für Thomas Jud geschrieben und wohl von seiner Tochter Veronica 1501 dem Kloster Seligenthal gestiftet worden ist (vgl. den Kolophon f. 176v und das Stifterbild f. 177r). Zu dem durchgehend von Seybold geschriebenen Sammelband, der Texte des Nürnberger Reichstags von 1431 zur Organisation eines Kriegszugs gegen die Hussiten, Nachrichten und Chroniken zur ungarischen Geschichte, Ordines und Beschreibungen von Herrscherkrönungen (Albrechts II., Friedrichs III.) und eine Beschreibung der Hochzeit des Matthias Corvinus enthält, vgl. Karin Schneider, Die deutschen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek München. Cgm 201-350 (Wiesbaden 1970), S. 344-347. - Den weniger ausführlichen Bericht eines Schreibers des Markgrafen Albrecht von Brandenburg hat Johann Joachim Müller (Entdecktes Staats-Cabinett, Bd. 1, 2, Jena 1714, $. 351-384) abgedruckt. Eine andere Beschreibung findet sich in der Sammlung des Johannes Gensbein, der möglicherweise den Grafen von Katzenelnbogen nach Landshut begleitet hat; vgl. Wyss, Eine Limburger Handschrift (wie Anm. 173), S. 573.
Neue Zeitungen und politische Propaganda 211
nialhandlungen verantwortlich waren und zu diesen Zwecken die Ordnung des politisch-gesellschaftlichen Lebens schriftlich dokumentierten?°. Aller- dings war die weitere Verbreitung solcher Texte über ihren Gebrauch in der exklusiven Sphäre des Hofes hinaus von vornherein beabsichtigt, erfüllten sie doch auf vielfältige Weise repräsentative und herrschaftsstabilisierende Funk- tionen. Sie dienten der Selbstdarstellung und Verherrlichung des Fürsten und seines Hofes, der Demonstration von herrschaftlichen Machtansprüchen, der zeichenhaften Verdeutlichung adligen Prestiges sowie der Befriedigung eines wachsenden Interesses an authentischen und detaillierten Informationen über das zunehmend verfeinerte diplomatische Zeremoniell und die gesteigerte Raffinesse höfischer Repräsentation.
Die Kanzlei Maximilians I. nahm erstmals die Druckerpresse zur propagan- distischen Förderung und Legitimierung der Reichspolitik in den Dienst?!. Die bei Peter Schöffer in Mainz gedruckten Beschreibungen von Maximilians Wahl zu Frankfurt und seiner Aachener Krönung im Jahre 1486 sowie der Be- gräbnisfeierlichkeiten Friedrichs III. im Dezember 1493 beispielsweise gehen auf offizielle Darstellungen der Mainzer Reichskanzlei zurück, in deren Nähe die Schöffersche Offizin zu suchen ist. Ihre weitere Verbreitung beruht auf Diktaten und Abschriften durch verschiedene fürstliche Kanzleien und Berichterstatter; außerdem existieren spätere Nachdrucke des Textes”?. Seit-
250 Vgl. Maurice Keen, Chivalry, Heralds, and History, in: The Writing of History in the Middle Ages. Essays presented to R.W. Southern, ed. by R.H.C. Davis / J.M. Wallace-Hadrill (Oxford 1981), S. 393-414, bes. $. 408 ff.; Rosemarie A ulinger, Das Bild des Reichstags im 16. Jahrhundert. Beiträge zu einer typologischen Analyse schriftlicher und bildlicher Quellen (Göt- tingen 1980), bes. S. 65ff. u. 282 ff., und Gert Melville, Herauts et heros, in: European Monar- chy. Its Evolution and Practise from Roman Antiquity to Modern Times, hg. v. Heinz Duchhardt / Richard A. Jackson / David Sturdy (Wiesbaden 1992), S. 81-97, bes. $.89f. - Ein instruktives Bei- spiel für die literarischen Bedürfnisse, die das Heroldsamt mit sich brachte, ist das von Anthony Richard Wagner, Heralds and Heraldry in the Middle Ages. An Inquiry in the Growth of the Armorial Function of Heralds (Oxford 21956), Appendix F, S. 150-157, herausgegebene Ver- zeichnis der Bücher, die der englische Wappenkönig Thomas Benolt 1534 seinem Freund, dem Herold Thomas Hawley, vermachte. Die Liste von 98 Titeln — einen Großteil machen natürlich Wappen- und Stammbaumrollen aus - spiegelt die Spezialkenntnisse des Clarenceux King of Arms wider: Neben volkssprachigen Enzyklopädien, Literatur zu den Kriegs- und Waffenkünsten, Rechtsbüchern, historiographischer und Fürstenspiegelliteratur finden sich auch Werke über das höfische Zeremoniell wie beispielsweise Nr. 16: Jtern a Booke of the fource of Coronations of Kings and burialles of divers estates made to be written by T. Benolı. ...
=! Vgl. /senmann, Politik und Öffentlichkeit (wie Anm. 184).
232 Vgl. Schmidt, Amtliche Drucksachen (wie Anm. 184), S. 351; Otto Schottenloher (Aig.), Drei Frühdrucke zur Reichsgeschichte (Veröff. d. Gesellschaft £. Typenkunde des 15. Ih.s, B 2, Leipzig 1938), bes. S. 8f. u. 12-17, und Ursula Bruckner, Coronatio Maximiliani, in: Beiträge zur Inkunabelkunde 3. Folge 8 (1983), S. 94-109, bes. $. 105£. Die Abschrift eines Drucks über die Wahl Maximilians in Frankfurt findet sich beispielsweise in der Sammlung des Johannes Gensbein; vgl. Wyss, Eine Limburger Handschrift (wie Anm. 173), S. 576, Der Cod. 1.3. 2° 18 der UB Augsburg überliefert f. 166v-172v abschriftlich zwei Schilderungen der Wahl und Krönung Maximilians, von denen der erste auf einen Bericht Kurfürst Philipps von der Pfalz an Herzog Georg von Bayern zurückgeht; vgl. die Beschreibung beiSchne ider (wie Anm. 208), S. 80.
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dem und verstärkt seit der Regierung Karls V. sind eine große Zahl von ge- druckten Flugschriften erschienen, die sich auf ein großes Spektrum von fest- lichen Anlässen beziehen: Herrscherempfänge und Aufzüge, Wahl- und Krö- nungszeremonien, Huldigungen, Geburten und Tauffeiern, Hochzeits- und Begräbnisfeierlichkeiten, Siegesfeiern und Turniere?°. Eine verwandte Text- sorte sind Reichstagsdeskriptionen, in denen die kaiserlichen Herolde die von ihnen inszenierte und gesteuerte Dramaturgie des äußeren Ablaufs der Ver- anstaltungen detailliert protokollierten sowie die Namen und Titel aller Teil- nehmer bekanntgaben - vom Kaiser über die Fürsten und ihr Gefolge, Vertre- ter der verschiedenen Stände, die anwesenden Gelehrten bis hin zu den Ge- sandtschaften fremder Herrscher”. Die in der ‚Speyerer Chronik‘ überliefer- ten Texte dieses Typs stellen dafür zweifellos die weniger beachteten hand- schriftlichen Vorläufer dar, da sie in den seltensten Fällen separat erhalten, sondern nur in größerem Zusammenhang historiographischer Werke bzw. in Sammelhandschriften kopial überliefert sind.
Das detaillierte Verzeichnis der fürstlichen und adligen Reichstagsbesucher, das der Ratsbote der Stadt Speyer seinem Bericht über den Regensburger Reichstag von 1471 angefügt und dem Sammler der ‚Speyerer Chronik‘ über- mittelt hat (c. 281), muß teilweise auf derartige offizöse Aufzeichnungen zu- rückgehen. Seine Schilderung des kaiserlichen Einzugs in Regensburg am 16. Juni 1471, die aber offensichtlich auch auf eigenen Beobachtungen des Be- richterstatters beruht (c. 273)2%, legt großen Wert auf die Wiedergabe proto- kollarischer Details. Damit steht sie in Parallele zum Bericht des päpstlichen Zeremonienmeisters Agostino Patrizzi, der den päpstlichen Legaten Frances- co Todeschini-Piccolomini als Sekretär auf den Regensburger Reichstag be- gleitete. In seiner Schrift ‚De legatione Germanica‘ hat er ein Protokoll der politischen und diplomatischen Verhandlungen gegeben?*. Beide, der päpst- liche Zeremonienmeister und der Speyerer Ratsbote, beschreiben den Emp-
>3 In der Bayerischen Staatsbibliothek München ist eine große Sammlung dieser Schriften un- ter der Signaturengruppe Eur. in 4° überliefert. Der Dienstkatalog für diese Druckschriften erfaßt S. 365 - 390 in zehn gesonderten Abteilungen ausschließlich Flugschriften über diese Zeremonielle und Feierlichkeiten; vgl. auch die Hinweise bei Roth, Neue Zeitungen (wie Anm. 18), $.16, Anm. 1, und Karl Schottenloher, Handschriftliche Briefzeitungen des 16. Jahrhunderts in der Münchener Staatsbibliothek, in: Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik 65 (1928), S. 65-73, hier $. 66-68.
254 Vgl. Friedrich Hermann Schubert, Die deutschen Reichstage in der Staatslehre der frühen Neuzeit (Göttingen 1966), S. 188£., und Karl Schottenloher, Kaiserliche Herolde des 16. Jahrhunderts als öffentliche Berichterstatter, in: Historisches Jahrbuch 49 (1929), S. 460-471.
35 Darauf deutet die Wendung den haben wir gesehen (Mone, S. 501), womit der Bericht über die vom Kaiser in der Steiermark gefangengenommenen und nach Regensburg mitgebrach- ten Türken abgeschlossen wird. Außerdem datiert das Schreiben vom 17. Juni 1471; noch an die- sem Tag hatte der Kaiser die Festmesse zur Eröffnung des Kongresses halten lassen. Der Brief muß daher unmittelbar unter dem Eindruck der Ereignisse entstanden sein.
26 Vgl. Klaus Voigt, Italienische Berichte aus dem spätmittelalterlichen Deutschland. Von Francesco Petrarca zu Andrea de’ Franceschi, 1333-1492 (Stuttgart 1973), S. 160-171, hier S. 170.
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fang des Kaisers und seines Gefolges durch ein Komitee von bereits anwesen- den Fürsten und Gesandtschaften, das, begleitet von festlich gekleideten Trompetern, dem Kaiser eine Meile vor die Stadt entgegengezogen war. Nach dem Empfang durch Bürgermeister und Schultheißen am Stadttor wird der Einzug des Kaisers geschildert, der unter einem Baldachin hindurch den Dom betrat, wo er von Bischof, Domkapitel und Klerus der Stadt begrüßt wurde. Am folgenden Tag ließ der Kaiser eine Messe feiern; bei der Nennung der Na- men der im Chor versammelten Fürsten hat der Speyerer Berichterstatter großen Wert auf die genaue Schilderung ihrer Aufstellung gelegt, wodurch sich deren Rangfolge dokumentierte. Weiterhin sind die Namen aller anwe- senden oder neu eintreffenden Fürsten, der Mitglieder von Gesandtschaften sowie die Größe ihrer Gefolge verzeichnet.
Nicht nur in der Umgebung des Herrschers, sondern auch in der des städti- schen Magistrats wurden Herrscherbesuche und -empfänge in der Stadt schriftlich geplant und detailliert protokolliert”. Diese offiziellen Aufzeich- nungen aus der städtischen Kanzlei gerieten bald in größere Benutzungskon- texte, wie beispielsweise in die städtische Chronistik”®. Im 16. Jahrhundert wurden zahlreiche Beschreibungen von Herrscherempfängen in der Stadt in Form kleiner gedruckter Hefte publiziert2°. Hierzu zählt beispielsweise die 1529 in Speyer erschienene Neue zeyttung von Speyr von handlung der fursten einreytten vnd erscheinung, die dem Speyerer Reichstag gewidmet ist?®. Zu den inhaltlichen Konstanten solcher Reichstagsdeskriptionen gehören die feierliche Begrüßung des Kaisers vor der Stadt, die Beschreibung des kaiser- lichen Gefolges, der Empfang durch die Stadt, eine vom Kaiser bestellte Fest- messe mit Wiedergabe der Rangordnung und der Namen aller Fürsten sowie eine Einschätzung der Größe ihrer Gefolge.
237 Vgl. Hans C. Peyer, Der Empfang des Königs im mittelalterlichen Zürich, in: Festschrift für Anton Lagiader (Zürich 1958), S. 219-233; Winfried Dotzauer, Die Ankunft des Herr- schers. Der fürstliche „Einzug“ in die Stadt (bis zum Ende des Alten Reiches), in: Archiv für Kul- turgeschichte 55 (1973), S. 245-288, bes. S. 253-270; zu Nürnberger Beispielen vgl. Albrecht Kircher, Deutsche Kaiser in Nürnberg. Eine Studie zur Geschichte des öffentlichen Lebens der Reichsstadt Nürnberg von 1500-1612 (Nürnberg 1955), S. 2-28; Ursula Schmidt-Völ- kersamb: Kaiserbesuche und Kaisereinzüge in Nürnberg, in: Nürnberg - Kaiser und Reich. Ausstellung des Staatsarchivs Nürnberg (München 1986), S. 112-140, und Reinhard Seyboth, Reichsstadt und Reichstag. Nürnberg als Schauplatz von Reichsversammlungen im späten Mittel- alter, in: Jahrbuch für fränkische Landesforschung 52 (1992), S. 209-221, bes. 214.
358 In der Tucherschen Fortsetzung der Nürnberger Jahrbücher sind vier ausführliche amtliche Berichte von Besuchen Kaiser Friedrichs II. bzw. König Maximilians in den Jahren 1471, 1485, 1487 und 1489 verarbeitet; vgl. Schneider, Heinrich Deichsler (wie Anm. 8), S. 295.
3% Vgl, in dem oben Anm. 253 genannten Katalog von Flugschriften der Bayerischen Staats- bibliothek die in der Gruppe Eur. in 4°, Abteilung 1 genannten Schriften. Sie umfassen meist 4 bis 6 lose zusammengeheftete Blätter in Quartformat, deren erste und letzte Seite oft unbedruckt sind und so als Umschlag dienten. Viele sind mit Titelholzschnitten versehen, die kaiserliche Symbole wie den Reichsadler oder den Kaiser im Kreis der Fürsten mit ihren jeweiligen Wappen zeigen.
20 SB München, Res. 4° Eur. 412, 16.
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Die Funktion dieser Flugschriften wird in einer Beschreibung des Einritts Karls V. auf dem Augsburger Reichstag 1530 umschrieben: Also habt ir auff das kürtzest vernommen Kayserlicher Maiestat einreytten, das da fast köstlich ist gewesen vnd darab sich yderman hoch verwundert hat dann man maynet des gleychen eintzugs in Teütschen landen vor nie gesehen sey worden?%. Danach dienten die Nachfahren der im Quellenbereich der ‚Speyerer Chronik‘ wie in anderen historiographischen Aufzeichnungen handschriftlich überlieferten Festbeschreibungen nicht mehr primär den Zielen kaiserlicher Propaganda, sondern sie befriedigten nun in erster Linie das Informations- und Unterhal- tungsbedürfnis eines immer größer werdenden literaten Publikums. Die Auf- zeichnungen des Zeremoniells und ihre Verbreitung durch den Buchdruck tru- gen allerdings mittelbar weiter dazu bei, daß der Splendor des kaiserlichen Hofes nicht nur auf der Bühne der politischen Öffentlichkeit der Reichstage wirkungsvoll inszeniert, sondern darüber hinaus in die soziale Öffentlichkeit getragen werden konnte, die sich zunehmend durch eine anonyme Leserschaft konstituierte?%.
5. „Neue Zeitungen“
Die „Neuen Zeitungen“ weisen schließlich den direkten Weg von der herr- schaftlich gesteuerten Information zur Kommunikation innerhalb einer sich immer weiter verdichtenden literarischen Öffentlichkeit. Diese Texte enthal- ten Nachrichten von bemerkenswerten, aktuellen Ereignissen, die in Form von Briefen handschriftlich übermittelt und bereits mit Hilfe eines organisier- ten Botenwesens weiter verbreitet worden sind?®. Obwohl viele solcher Briefe im Original nicht mehr zu verfolgen sind, lassen sich doch aus der kopialen Überlieferung, wie sie beispielsweise in der ‚Speyerer Chronik‘ greifbar wird, interessante Rückschlüsse auf ihre ursprüngliche Form und ihre Publikations- wege ziehen, da die Schreiber in den meisten Fällen Angaben aus dem Rah- menformular wie Datum, Aussteller und Empfänger mitkopiert oder Hin- weise über Herkunft, ursprüngliche Überlieferungsträger, Übermittler oder Gewährsleute eigens vermerkt haben.
261 SB München, Res. 4° Eur. 412, 18, f. 4r. Tatsächlich hat die Tagung des Jahres 1530 wie kein zweiter Reichstag oder keine politische Versammlung vorher oder nachher die Berichterstatter angespornt, den prachtvollen kaiserlichen Einzug zu schildern und die weiteren Ereignisse festzu- halten; vgl. die Übersicht über die reiche schriftliche und bildliche Überlieferung zu diesem Reichstag bei Aulinger, Das Bild des Reichstags (wie Anm. 250), S. 328 ff.
262 Vgl. Schottenloher, Kaiserliche Herolde (wie Anm. 254), S. 465.
263 Zur Gattung des Briefes, der als wichtiger Träger und Vermittler von Informationen zur Keimzelle der Neuen Zeitung wurde, vgl. Reinhard Nickisch, Brief (Stuttgart 1991), bes. $. 13 u. 214. Zum Botenwesen vgl. Klaus Gerteis, Reisen, Boten, Posten, Korrespondenz in Mittel- alter und früher Neuzeit, in: Die Bedeutung der Kommunikation für Wirtschaft und Gesellschaft, hg. v. Hans Pohl (Stuttgart 1989), S. 19-36; Bernd Schneidmüller, Briefe und Boten im Mittelalter, in: Deutsche Postgeschichte. Essays und Bilder, hg. v. Wolfgang Lotz (Berlin 1989), S. 10-21, sowie den Überblick von Th. Szabö, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 2 (München / Zürich 1983); Sp. 484-487 (mit weiterer Lit.).
Neue Zeitungen und politische Propaganda 215
Die Quellen der „Neuen Zeitungen“ waren entweder Briefe, die ganz der politischen Berichterstattung gewidmet waren, oder aber Privat- und Ge- schäftsbriefe, die nicht nur persönliche Mitteilungen für den jeweiligen Emp- fänger enthielten, sondern auch Neuigkeiten von allgemeinerem Interesse, die als ‚Zeitung‘, ‚Neue Märe‘, ‚Nova‘ bezeichnet wurden. Im Gegensatz zur offi- ziellen Berichterstattung meinte man damit Nachrichten, deren Wahrheitsge- halt zwar nicht nachprüfbar war, deren Absender sich aber — anders als etwa bei einem mündlich tradierten Gerücht - bis zu einem gewissen Grade für die Authentizität seiner Meldung verbürgte?%. Teilweise schon von Experten in eine gewisse Redaktion gebracht, fanden sich diese Neuigkeiten meist am Schluß des Briefes unter einer eigenen Rubrik?6. Darüber hinaus wurde es in der politischen Korrespondenz des 15. Jahrhunderts zunehmend üblich, aktu- elle Informationen auf gesonderten Zetteln, sogenannten ‚cedulae‘, als Beila- gen dem eigentlichen Brief mitzugeben, in dem man auf jene ‚cedulae‘ nur noch allgemein verwies. Diese separate Überlieferung erleichterte die rasche Publikation der einzeinen Nachrichten erheblich; da die ‚cedulae‘ keine per- sönlichen oder geheimen Mitteilungen enthielten, konnten sie sofort, direkt und unverändert an Dritte weitergegeben werden®,
Der Speyerer Sammler überliefert zahlreiche Schriftstücke, in denen sich Hinweise auf cedulae inclusae finden; in vielen Fällen hat er auch den Inhalt je- ner beigefügten Notate kopiert. Einige der Briefe waren an mehrere Adressa- ten gerichtet, so daß nur das Rahmenformular der Anschreiben für den jewei- ligen Empfänger verändert worden ist, während der Text der ‚cedulae‘ unver- ändert vervielfältigt werden konnte. Auf diese Weise wurden im Zusammen- hang mit den Ausschreiben für den Nürnberger Tag zum 30. November 1456 Nachrichten über den Entsatz von Belgrad verbreitet. In der ‚Speyerer Chro- nik‘ ist ein auf den 10. September 1456 datiertes Einladungsschreiben der Kur- fürsten an den Kaiser überliefert (c. 103)2#”. Im Anschluß daran folgt die Ab- schrift eines beigelegten Zettels, der die trostlich nuwe mer enthielt, daß die Türken vor Belgrad geschlagen worden seien?®. In der Anlage des für die Stadt Speyer ausgestellten Einladungsschreiben vom gleichen Tag findet sich der bis auf geringfügige Änderungen gleichlautende Bericht über den Belgra- der Sieg?®.
254 Vgl. Schuberr, „bauerngeschrey“ (wie Anm. 20), $. 890f.
265 Vgl. dazu auch Steinhausen, Entstehung der Zeitung (wie Anm. 18), S. 348 £., und Theo- dor Gustav Werner, Das kaufmännische Nachrichtenwesen im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit und sein Einfluß auf die Entstehung der handschriftlichen Zeitung, in: Scripta Mercaturae 2 (1975), S. 3-52.
266 Vgl. Georg Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes, 1. Teil (Berlin 1889), S. 23, und Schottenloher, Flugblatt und Zeitung (wie Anm. 18), S. 152.
26? Zu diesem Schreiben vgl. Heinig, Regesten Friedrichs III. (wie Anm. 95), S. 172, Anm. 2.
28 Mone, S.414f.
2% Ka, S. 220a - 226b: der Nachtrag ebd., S. 226b-227a. Das entsprechende Einladungsschrei- ben der Kurfürsten an die Stadt Frankfurt als Regest bei Janssen, Frankfurts Reichscorrespon- denz II, 1 (wie Anm. 94), Nr. 208.
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Aus dieser Publikationstechnik ist auf einen rationalisierten und professio- nellen Umgang mit den traditionellen Techniken des Nachrichtenwesens zu schließen, mit dem bereits der Weg vom einzelnen Brief für einen individu- ellen Empfänger zu der für eine anonyme Öffentlichkeit hergestellten, nicht periodischen Zeitung eingeschlagen ist. Obwohl sich das Medium des Buch- drucks durchaus für eine solche Publikationsform anbot, bestanden bis weit ins 16. Jahrhundert hinein diese handschriftlich in Briefform verbreiteten „Neuen Zeitungen“ neben der gedruckten Flugschriftenliteratur als selbst- ständige Form der Nachrichtenvermittlung unverändert fort?”
Die in ihnen behandelten Neuigkeiten betreffen eine große Vielfalt von ak- tuellen Ereignissen - Schlachten, Belagerungen, die Eroberung oder den Ent- satz von Städten, Kriegsrüstungen, das diplomatische Geschehen, Verhand- lungen und Bündnisse oder außergewöhnliche Naturereignisse und -katastro- phen wie etwa das verheerende Erdbeben in Süditalien von 1456°”', An erster Stelle dieser Themenliste standen jedoch die zahlreichen Berichte über die Expansion der Türken nach Mitteleuropa?”.
Der wichtigste Umschlagplatz für Nachrichten über Ereignisse im türkisch- ungarischen Grenzgebiet war für das Reich zweifellos Wien. In der ‚Speyerer Chronik‘ finden sich beispielsweise der Brief eines Wiener Domherrn über den Sieg von Belgrad 1456 (c. 94) sowie eine „Neue Zeitung“ mit statistischen Informationen über die Rüstung des Matthias Corvinus gegen die Türken, welche, wie aus dem Explicit des Schreibens hervorgeht, ursprünglich von der Stadt Ofen nach Wien gesandt worden war?”. Für Berichte aus dem Mittel- meerraum haben Rom als Sitz der Kurie und die Handelsmetropole Venedig diese Funktion übernommen; aus einer „Neuen Zeitung“, die 1454 von Rom nach Nürnberg geschickt worden war, informierte sich beispielsweise der
20 Vgl. Richard Graßhoff, Die briefliche Zeitung des XVI. Jahrhunderts (Diss. Leipzig 1877), S.6u.15£.; Doris Stoll, Die Kölner Presse im 16. Jahrhundert. Nikolaus Schreibers „Neue Zeitungen aus Cöllen“ (Wiesbaden 1991), S. 17 sowie die oben Anm. 18 gegebenen Hinweise.
2f1 Über die durch dieses Erdbeben verursachten Schäden informiert eine wohl häufig ko- pierte Cedula a regnis Sicilie et Neapolitano missa reverendissimo cardinali de Columpna mit einer Liste von 71 beschädigten Orten (überliefert im Cod. 1.3. 2° 18 der UB Augsburg, f. 25v-27r; in deutscher Übersetzung im Münchener clm 18881, f. 105v -107v; vgl. auch den Bericht im Cod. 45, f. 81r-v der Stadtbibliothek Colmar; zur Handschrift vgl. oben Anm. 113), die dem Speyerer Sammler möglicherweise für seine Ausführungen über dieses Erdbeben gedient hat (c. 106). Hek- tor Mülich überliefert im Anhang zu seiner Augsburger Chronik Auszüge aus dem Brief des Pro- konsuls von Neapel an die Stadt Venedig vom 11. Dezember 1456 sowie aus einem Schreiben des Markgrafen Herkules d’Este vom 7. Dezember, in denen die verheerenden Folgen des Erdbebens beschrieben werden; abgedruckt bei Rorh, Hektor Mülich (wie Anm. 170), Anhang I, Nr. IV, S. 289-291; im Cod. 1.3. 2° 18 der UB Augsburg ist dieser Brief f. 26v-27r vollständig und mit ei- nem Antwortschreiben überliefert; vgl. Schneider (wie Anm. 208), S. 65.
272 Zu den späteren gedruckten Formen dieses Briefverkehrs vgl. Winfried Schulze, Reich und Türkengefahr im späten 16. Jahrhundert. Studien zu den politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen einer äußeren Bedrohung (München 1978), bes. S. 22.
?3 Mone, S.520.
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Speyerer Sammler über die türkische Expansion seit der Eroberung von Kon- stantinopel (c. 57-59). Besonders der Fall der venezianischen Stadt Negro- ponte auf Euböa am 12. Juli 1470 hat eine reiche Überlieferung hervorgeru- fen, die auch in der zeitgenössischen Chronistik ihren Niederschlag fand?”*.
Der Speyerer Sammler ist in Kenntnis eines Briefes des Großmeisters von Rhodos gelangt, der über die weiteren Vorstöße der Türken seit 1453 berich- tete, die Eroberung von Negroponte schilderte und um Unterstützung bei der Verteidigung von Rhodos bat (c. 269). Georg Hauer überliefert in seiner ‚Bayerischen Chronik‘ ein Schreiben Papst Pauls II. an den Salzburger Erzbi- schof, in dem der Papst mit Verweis auf den Fall Negropontes zu wirksamen Maßnahmen gegen die Türken aufrief?’*. Der österreichische Chronist Jakob Unrest hat diese Ereignisse nach einer venezianischen Quelle geschildert?”, und in einer Sammelhandschrift aus Donauwörth findet sich ein weiterer Überlieferungszeuge zu diesem Ereignis?”®. Die drei letztgenannten Codices überliefern als weiteres Material zu diesem Ereignis den Briefwechsel zwi- schen dem türkischen Sultan Mehmed II. und König Ferdinand von Sizilien, der den Sultan scharf wegen seines Übergriffs auf Negroponte attackierte?”.
V. Zusammenfassung
Mit den vielfältigen Quellenbereichen, die für die ‚Speyerer Chronik‘ fest- gestellt werden konnten, wird ein großes Spektrum von Texttypen und The- menbereichen berührt: amtliches Schrifttum der päpstlichen, königlichen, lan- desfürstlichen oder städtischen Kanzleien, Streitschriften, statistische Aufstel- lungen, Festbeschreibungen, ausführliche Berichte oder kurze Mitteilungen über außergewöhnliche, erschreckende, bedrohliche, unerhörte, Aufsehen er- regende oder repräsentative Ereignisse und Vorgänge im Reich und seiner näheren wie ferneren Umgebung. Trotz ihrer unterschiedlichen literarischen Provenienz können diese Schriften aufgrund inhaltlicher, formaler, überliefe- rungsgeschichtlicher und funktionaler Kriterien als homogenes Textkorpus beschrieben werden:
24 Vgl. Werner, Nachrichtenwesen (wie Anm. 265), S. 7; s. auch Weber, Geschichts- schreibung in Augsburg (wie Anm. 182), S. 140.
25 Datierend vom 25. August 1471; zu weiteren Nachrichten aus Rhodos vgl. R. Valentini, L’Egeo dopo la caduta di Costantinopoli nelle relazione dei Gran Maestri de Rodi, in: Bull. dell’Istituto stor. ital. per il medio evo 50 (1935), S. 137-168.
2% Vgl. Waltzer, Georg Hauer (wie Anm. 118), S. 246; abgedruckt ebd. Beilage 4. 77 Jakob Unrest, ed. Großmann (wie Anm. 180), S. 34-36; vgl. ebd. S. 34, Anm. 2. 278 UB Augsburg, Cod. 1.3. 2° 18, £. 76r - 78r; vgl. Schneider (wie Anm. 208), 8. 71.
2% Zu den politischen Hintergründen und zur propagandistischen Funktion dieser Texte vgl.
Waltzer, Georg Hauer (wie Anm. 118), S. 247f.
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- Ihre Inhalte nehmen ausnahmslos auf aktuelle Ereignisse Bezug.
- Ihre Verfasser bzw. Redakteure, zeitgenössischen Beobachter und Be- richterstatter sind allesamt dem gleichen Autorentypus zuzuordnen: neben städtischen und höfischen Gesandten waren in erster Linie Spezialisten der schriftlichen Verwaltung wie Kanzleibeamte, Stadtschreiber, Syndici, Herolde und Feldschreiber für die Herstellung und Publikation dieser Dokumente ver- antwortlich?®.
- Gemeinsam ist allen Texten die äußere Form, die durch den relativ gerin- gen Umfang von nur einer oder wenigen Seiten gekennzeichnet ist, so daß diese entweder als Einzelblätter angeschlagen, als Flugschriften verschickt oder als kleine, nur aus einer einzigen Lage bestehende Hefte leicht in Umlauf gesetzt und rasch kopiert werden konnten.
- Ihre ursprüngliche Publikation erfolgte in erster Linie in Form von Brie- fen, die einem fest umrissenen Personenkreis bzw. bestimmten Institutionen zugeschickt wurden oder zwischen Privatleuten — Verwandten, Freunden, Ge- schäftspartnern - kursierten?®".
- In ihrer primären Funktion dienten diese Texte nach der Intention ihrer Auftraggeber und Verfasser der politischen Propaganda, welche die Werbung für politische Standpunkte und die Überzeugung des Publikums von der Not- wendigkeit politischer Aufgaben und Unternehmungen zum Ziel hatte. Dafür war ihre Publizität eine unabdingbare Voraussetzung. Denn in einer Gesell- schaft, die auf Möglichkeiten des Wissenszugangs angewiesen war, die noch durch gruppeninterne und persönliche Beziehungen geprägt wurden, in wel- cher der Erwerb und Gebrauch von Wissen vielfältiger herrschaftlicher Regle- mentierung und Kontrolle unterlagen, war durch gezielt herausgegebene und verbreitete Informationen über aktuelle Ereignisse die Meinungsbildung eines Publikums zu steuern, das nur auf einen erst rudimentär ausgebildeten litera- rischen Markt zurückgreifen konnte.
- Die eingeschränkten Möglichkeiten der politischen Information und Kommunikation haben zugleich auch das zeitgenössische Rezeptionsinteresse und die Überlieferungsbedingungen dieser Form des dokumentarischen Schrifttums geprägt. Obwohl ihre primäre Überlieferung nur noch in kleinen Ausschnitten zu erfassen ist, geben doch die wenigen zur Verfügung stehenden überlieferungsgeschichtlichen Daten deutlich zu erkennen, daß derartige Texte in dem relativ langen Zeitraum, in dem die handschriftliche neben der
280 Vgl. auch Graßhoff, Die briefliche Zeitung (wie Anm. 270), $. 31ff,, und Roth, Die Neuen Zeitungen (wie Anm. 18), S. 18ff.
28! Vgl. dazu Rorh, Die Neuen Zeitungen (wie Anm. 18), S. 79; zum institutionell organisier- ten Nachrichtenwesen einer Reichsstadt vgl. die Untersuchung von Lore Sporhan-Krempel, Nürnberg als Nachrichtenzentrum zwischen 1400 und 1700 (Nürnberg 1968), bes. S. 21 ff.; über das Nachrichtensystem der Hansestädte: Michael North, Nachrichtenübermittlung und Kommuni- kation in norddeutschen Hansestädten im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit, in: Archiv für deutsche Postgeschichte 1991, 2, S. 8-16.
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Drucküberlieferung weiterexistierte, in einer größeren Zahl von Abschriften in Umlauf gebracht worden sind.
In der Quellenanalyse ist an vielen Beispielen gezeigt worden, daß solche Texte gesammelt, kopiert, in historiographischen Arbeiten als wertvolles Quellenmaterial ausgeschrieben wurden und dadurch in sekundäre Überliefe- rungszusammenhänge und neue Gebrauchssituationen hineingetragen wor- den sind. Gegenwartschronistik, historiographische Sammelhandschriften und historisch-politische Dossiers stellten somit wichtige Rezeptionsfelder: dieses dokumentarischen Schrifttums dar. Sie beschreiben gleichzeitig die Verwen- dungszusammenhänge und Gebrauchsmuster, aus denen heraus erst seine Be- deutung für die Einwirkung auf die öffentliche Meinung und die Reichweite von politischer Propaganda am Ausgang des Mittelalters beurteilt werden kann.